Das Schwarze-Peter-Spielen muss aufhören!

Auf dem Kongress Freier Ärzte 2018 bekamen unlängst viele kontroverse Themen Raum, die Ärzte und Qualitätsmedizin in der Effektivität und Effizienz behindern. Bei aller Kritik ging es auch um Fragen der Ethik, sowie Lösungsvorschläge, die die Patientenversorgung künftig sicherstellen.

Auf dem Kongress Freier Ärzte 2018 bekamen unlängst viele kontroverse Themen Raum, die Ärzte und Qualitätsmedizin in der Effektivität und Effizienz behindern. Bei aller Kritik ging es auch um Fragen der Ethik, sowie Lösungsvorschläge, die die Patientenversorgung künftig sicherstellen.

Ein Gespräch dazu mit dem Präsidenten der Berliner Ärztekammer Dr. Günther Jonitz. 

esanum: Herr Dr. Jonitz, Sie sind vielen als Kritiker der derzeitigen Gesundheitspolitik bekannt. Was hat sich als Hauptproblem der Ärzteschaft auf dem Kongress Freier Ärzte im Juni 2018 herausgeschält?

Jonitz: Die Sorgen und Nöte der praktizierenden Ärztinnen und Ärzte werden nicht gehört. Unser Berufsstand unterliegt mehr und mehr politischen und finanziellen Zwängen und damit verbundenen bürokratischen Vorgaben. Die Freiheit des Arztberufes, die ja ein Privileg des Patienten ist, wird scheibchenweise beseitigt. Motivation und damit Effektivität und Effizienz der Patientenversorgung sind gefährdet.

esanum: Wie sehen Sie als Präsident der Berliner Ärztekammer die Macht der Industrialisierung in Bezug auf die medizinische Qualität – Ihr Thema auf dem Kongress?

Jonitz: Politik und Krankenkassen haben schon längst die Weichen weg von der individuellen Arzt-Patient-Beziehung hin in Richtung Industrialisierung gestellt. Durch den Wandel vom Gesundheitswesen zur Gesundheitswirtschaft in Verbindung mit einer undifferenzierten Wettbewerbsideologie steht das systematische Geldverdienen und die Betreuung von Patientengruppen vor den Sorgen, Nöten und Bedürfnissen des einzelnen Patienten. Die Humanität schwindet. Gleichzeitig übernehmen finanzstarke Firmen zunehmend die Kontrolle über ganze Fachgebiete wie die Dialyse oder die operative Augenheilkunde. Dort steht unzweideutig das Geldverdienen über der Ethik.

esanum: Wie kritisch sehen Sie die Medizin im Datenrausch, sind Sie eher besorgt oder auch optimistisch?

Jonitz: Zum Glück ist es weniger die Medizin als vielmehr diejenigen, die das System der Versorgung von außen anschauen und gleichzeitig neue Machtmöglichkeiten und neue Einnahmequellen wittern. Big Data ist derzeit viel zu euphorisch angelegt und wieder einmal eines der undifferenzierten Heilsversprechen und Zauberworte, mit denen in der Gesundheitspolitik allzu gerne die "große Lösung" versprochen wird. Die meisten Routinedaten, die aktuell erhoben werden, sind Abrechnungsdaten und keine Qualitätsdaten. Wo Qualität dokumentiert wird, ist es meist die medizinische und nicht die vom Patienten tatsächlich erlebte. Und Big Data kann nur Korrelationen darstellen, keine Kausalitäten (siehe Storchennester und Entbindungsraten). Es droht ein Rückfall in das Denkgebäude des Mittelalters. Auch dies ist ein Beispiel für ein klassisches Führungsversagen, bei dem neue Technologien nicht sinnvoll abgewogen und zielführend mit den Betroffenen eingesetzt werden.

esanum: Ausufernde Bürokratie ist ein großes Problem für Niedergelassene wie Krankenhausärzte. Erkennen Sie eine Tendenz zum Besseren?

Jonitz: Solange Politik und Krankenkassen die eigentliche Ursache der Krise im Gesundheitswesen nicht erkannt haben, wird aus Angst und Unfähigkeit heraus alles, was den Oberen auffällt, gemessen, kontrolliert und sanktioniert werden. So zu verfahren ist unwirtschaftlich, vernichtet Zeit, Geld und Motivation. Ich freue mich auf den ersten, großen "Bleistiftstreik".

esanum: Wirtschaftlichkeit und Medizin – schon seit Längerem ein Spannungsfeld. Wohin geht es derzeit? Wo sehen Sie Gefahren?

Jonitz: Niemand kann auf Dauer mehr Geld ausgeben, als er einnimmt, beruflich wie privat. Die Zeiten der endlosen Ressourcen sind vorbei. Politik und Kassen verfolgen seit über 20 Jahren eine negativ orientierte Strategie der Dezimierung von Kosten, Mengen und Strukturen. Das führt lediglich zu Abwehrmaßnahmen der betroffenen Ärzte und Krankenhäuser. Diese Politik hat Deutschland in die flächendeckende weiche Rationierung gebracht. Wir haben einen Ärztemangel, einen Mangel an Pflegekräften und zunehmend Lieferengpässe von z. T. lebenswichtigen Medikamenten. Diese Politik ist gescheitert.

esanum: Haben Sie Ideen für den Ausweg?

Jonitz: Wir brauchen eine andere politische Strategie, nämlich die der "Optimierung der Versorgung". Jeder ist aufgefordert zu zeigen, welchen positiven Beitrag er leistet. Die Misstrauenskultur in der Gesundheitspolitik muss gedreht werden.

Regional muss in gemeinsamer Verantwortung geklärt werden, welche Versorgung wir brauchen, wo und auf welchem Niveau? Dann müssen Ziele gesetzt werden und mit einigen wenigen harten und einigen wenigen weichen Erfolgsparametern geschaut und besprochen werden, wo Verbesserungspotenziale möglich sind. Das Schwarze-Peter-Spielen muss aufhören.

Gleichzeitig müssen die Systeme unserer Vergütung angepasst werden. EbM und DRGs belohnen schlechte Qualität und bestrafen gute. "Mehr Arzt und weniger Medizin" ist ein klares Ziel. Unter dem Titel "value-based health care" gibt es sehr schöne Ansätze und viele z.T. mehrfach ausgezeichnete Projekte wie das Praxisnetz QuE in Nürnberg unter der Leitung von Veit Wambach zeigen, dass eine bessere Versorgung zu besseren Konditionen durch bessere Führung und Zusammenarbeit möglich ist. Da müssen wir hin.

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