Debatte um Praxisöffnungszeiten wird immer polemischer

Ärztinnen und Ärzte setzen sich gegen mehr Sprechstunden zur Wehr 

Spielen manche Ärzte lieber Golf als sich um die Patienten zu kümmern? Jedenfalls entzündet sich an Forderungen der Krankenkassen nach mehr Sprechstunden ein heftiger Streit.

Arztpraxen sollen aus Sicht der Krankenkassen öfter abends und samstags öffnen. "Krankheiten richten sich nicht nach den Lieblingsöffnungszeiten der niedergelassenen Ärzte", sagte der Vize-Vorstandschef des Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg, am Freitag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wies die Forderung als "dreist und frech" zurück. Vielmehr verweigerten die Kassen den Ärzten ausreichend Honorar.

Auch SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach kritisierte zu kurze Sprechzeiten. "Der ein oder andere Arzt wird ab Mittwochnachmittag auf dem Golfplatz gesehen", sagte er in der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Stackelberg sagte, die Kassenärztlichen Vereinigungen müssten für patientenfreundlichere Sprechzeiten sorgen. Die viele Arbeit außerhalb der Kernzeiten dürfe nicht an wenigen Ärzten hängenbleiben, die etwa samstags da seien. Mittwoch und Freitag habe am Nachmittag der Großteil der Praxen geschlossen, abends und am Wochenende sowieso. "Kein Wunder, dass immer mehr Menschen in die Notaufnahmen der Krankenhäuser gehen."

Öffnungszeiten der Praxen

Laut einer Umfrage im Auftrag des Kassen-Verbands hat jede fünfte Praxis mittwochs zwischen 14 und 17 Uhr Sprechstunden - freitags unter 20 Prozent. Sprechstunden nach 18 Uhr bieten demnach montags, dienstags und donnerstags mehr als die Hälfte der Praxen an. Nach 19 Uhr sind es je nach Wochentag zwischen 9 und 12 Prozent. Samstags bieten laut der Umfrage nur 1 bis 2 Prozent der Praxen zwischen 8 und 13 Sprechstunden an. Befragt wurden den Angaben zufolge 1.400 niedergelassene Hausärzte, Kinderärzte sowie Augenärzte, Orthopäden, Gynäkologen und HNO-Ärzte vom Institut Forsa.

Privatpatienten nicht während regulärer Sprechzeiten behandeln

In der Umfrage gaben 99 Prozent der Ärzte an, in den Sprechzeiten auch Privatpatienten zu behandeln. Stackelberg mahnte, wenn Ärzte nur die Mindestzahl von derzeit 20 Sprechstunden pro Woche anböten, dürften sie in dieser Zeit keine Privatpatienten behandeln und keine Privatleistungen verkaufen. "Für private Zusatzgeschäfte müssen zusätzliche Termine und Sprechstunden angeboten werden."

Ärzteschaft fühlt sich geohrfeigt

Der KBV-Vorsitzende Andreas Gassen entgegnete: "Die Aussagen des GKV-Spitzenverbands sind ein Schlag ins Gesicht der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen und zeugen von der Ferne von Krankenkassenfunktionären zur Versorgung von Patienten." Die niedergelassenen Ärzte leisteten häufig viel mehr Sprechstunden als sie müssten - und arbeiteten unterm Strich dann im Schnitt 52 Wochenstunden. "Zu den Zeiten, an denen die Praxen geschlossen sind, gibt es den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116117 zu erreichen", betonte Gassen. "Es ist also Unsinn, zu behaupten, zu wenige Samstagssprechstunden seien der Grund dafür, dass Menschen in die Notaufnahmen gingen." Die Kassen gäben "ein unendliches Leistungsversprechen" ab und bezahlten im Schnitt fast 15 Prozent der Leistungen der Ärzte nicht. "Das darf nicht so weitergehen."

Kassenfunktionäre müssen aus ihren Verwaltungsgebäuden herauskommen

Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery sagte: "Die Kassenfunktionäre sollten sich dringend aus ihren Verwaltungsgebäuden heraus bemühen und einen Blick in die Praxen der niedergelassenen Ärzte werfen." Die Ärzte dort arbeiteten am Limit und oftmals darüber hinaus. Der Vorsitzende des Hartmannbunds, eines anderen Ärzteverbands, Klaus Reinhardt, gab die Verantwortung für Missstände den Versicherten und Kassen: Kassen könnten wiederholtes Fehlverhalten von Krankenversicherten auch sanktionieren. Wenn viele Patienten im Notfall in die Kliniken gingen, liege das unter anderem daran, dass sie nicht genug über Ärzte im Bereitschaftsdienst wüssten. Die Kassen müssten ihre Versicherten besser informieren. Darüber könne Stackelberg auch gern am Wochenende nachdenken. Lauterbach hingegen meinte: "Es kann nicht sein, dass Öffnungs- und Arbeitszeiten immer kundenfreundlicher werden, auf kranke Arbeitnehmer so gut wie keine Rücksicht genommen wird, und nur Ärzte davon ausgenommen sind."

Schwarze Schafe entlarven

Wegen eines laufenden Gesetzgebungsverfahrens rund um schnellere Arzttermine betreiben Ärzte und Kassen derzeit Überzeugungsarbeit. Bei der ersten Lesung des Gesetzentwurfs im Bundestag verteidigte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor einer Woche die Pläne. Der Entwurf sieht neben schnelleren Arztterminen vor, dass Praxisärzte mindestens 25 statt 20 Stunden für gesetzlich Versicherte anbieten sollen. Die nach Ländern unterschiedlichen Telefon-Servicestellen für Termine sollen bundesweit zu Rund-um-die-Uhr-Angeboten ausgebaut werden. Montgomery hatte bereits damals statt diesen Plänen mehr Medizinstudienplätze und attraktive Arbeitsbedingungen gefordert. Die CDU-Gesundheitsexpertin Karin Maag versicherte den Ärzten nun auf SWR Aktuell: "Das Gesetz folgt dem Grundsatz, dass dort, wo mehr an Leistung angeboten wird, auch mehr bezahlt wird."

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte: "Die Schaukämpfe zwischen Krankenkassen, Medizinern und Politik über die Öffnungszeiten von Arztpraxen nerven." Krankenkassen und Ärzteschaft sollten in einem "jährlichen Präsenzbericht" Schwarze Schafe entlarven.

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