Der PURE Genuss: Gesunde Ernährung 2018

Gefühlt beinahe täglich werden Patienten und deren behandelnde Ärzte mit neuen Weisheiten rund um die Ernährung und daraus resultierenden Konsequenzen konfrontiert. Bisher gingen die Ratschläge für gesunde Ernährung dabei allerdings immer recht einhellig in die gleiche Richtung.

Wichtig ist, Patienten nicht zu verunsichern

Gefühlt beinahe täglich werden Patienten und deren behandelnde Ärzte mit neuen Weisheiten rund um die Ernährung und daraus resultierenden Konsequenzen konfrontiert. Bisher gingen die Ratschläge für gesunde Ernährung dabei allerdings immer recht einhellig in die gleiche Richtung. Doch die PURE-Studie hinterfragt einige der bisherigen Dogmen der Ernährungslehre und schafft damit sehr wahrscheinlich erst einmal eine größere Unsicherheit.

Die PURE-Studie ist eine großangelegte, weltweite Untersuchung, die den Einfluss gesunder Lebensstil-Interventionen auf die Gesundheit der Menschen betrachtete. Mehr als 200.000 Menschen aus Industrienationen sowie aus Staaten mit niedrigem bis mittlerem Einkommen nahmen daran teil. Ein Aspekt der Studie betraf die Ernährung des Menschen und wurde auf dem ESC 2018 in München angeregt diskutiert.

Nährstoffe sind nicht gleich Nahrung

Die ESC-Leitlinie empfiehlt Patienten mit kardiovaskulärem Risiko eine Anpassung der Ernährungsweise als einen Grundpfeiler der Prävention (Empfehlungsgrad 1B). Ein Grundproblem aller Leitlinienempfehlungen zur gesunden Ernährung und auch der Ernährungsempfehlungen selbst: Empfohlen werden bestimmte Mengen der Nährstoffe Fett, Kohlenhydrate und Protein. Verbraucher jedoch nehmen keine Nährstoffe zu sich, sondern Nahrungsmittel, die bekanntlich selten den Vorgaben und Empfehlungen für eine gesunde Nährstoffzusammensetzung entsprechen.

Zu viele Fette in der Nahrung sind ungesund, dennoch geht es in den meisten Empfehlungen nicht darum, das Fett weiter zu reduzieren, sondern die Zusammensetzung der Fette zu beachten. Nach dem bisherigen Schwarz-Weiß-Denken gibt es gute Fette (Einfach- und Mehrfach-ungesättigte Fettsäuren) und es gibt schlechte Fette (gesättigte Fettsäuren, Transfettsäuren). 

Die PURE-Studie stellt diese Einteilung nun ein wenig auf den Kopf. Wurden Kohlenhydrate energetisch durch gesättigte Fettsäuren ersetzt, so erreichten die Patienten damit eine 11 %-ige Risikoreduktion für die Gesamtsterblichkeit und bis zu 20 % beim Schlaganfall. Werden die gesättigten Fettsäuren schließlich durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren ersetzt, sinkt das Risiko sogar um 25 %. Also doch lieber Fett als Zucker? Eine solche Frage war vor der PURE-Studie fast undenkbar.

Salz und das Herz-Kreislauf-Risiko

Die europäischen Leitlinien und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfehlen < 5 g Salz am Tag. Tatsächlich nimmt ein Europäer aber im Durchschnitt > 10 g Salz pro Tag auf. Ist es jedoch besser, den Salzkonsum stärker einzuschränken?

Die PURE-Studie gibt auch hierauf eine überraschende Antwort: Demnach führt ein reduzierter Salzkonsum < 3 g Natrium/Tag ebenso zu einem höheren kardiovaskulären Risiko wie die Aufnahme von > 5 g Natriumsalz pro Tag. Wichtig ist, dass ein hoher Kochsalzkonsum vor allem für Patienten mit Hypertonie gefährlich ist. Menschen mit normalem Blutdruck müssen demnach ihren Salzkonsum nicht weiter einschränken. Unterstützt wird dies dadurch, dass nach wie vor angeregt diskutiert wird, ob eine Salzreduktion im Gesunden wirklich das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Schlaganfall senkt.

Das Zucker-Paradoxon

Zucker, insbesondere Einfachzucker, wie sie z. B. in Softdrinks, Süßigkeiten und Kuchen vorhanden sind, gelten vielfach als zu Recht als gesundheitsschädlich. Jedoch führte diese Stigmatisierung des Zuckers allgemein zum Aufkeimen zuckerfreier Diäten, wie beispielsweise der Low-Carb-Diät. Jedoch verzichten die Menschen dabei ebenso auf die "gesünderen" Zucker, wie Stärke aus Kartoffeln, Nudeln und Reis – nicht ganz ohne gesundheitliche Folgen, wie die PURE-Studie unlängst nachwies.

Demnach erhöhen sowohl sehr zuckerhaltige Diäten (> 70 % Zuckeranteil an der Nahrung; HR = 1,20 [95%-KI: 1,09–1,32]) als auch zuckerreduzierte Diäten (< 40 % Zuckeranteil an der Nahrung; HR = 1,23 [1,11–1,36]) das Sterblichkeitsrisiko. Das kleinste Risiko bestand laut Studie tatsächlich in einem Bereich zwischen 50 % und 55 % Zuckeranteil in der Nahrung, was der gegenwärtigen Empfehlung für den Zuckerkonsum entspricht.

Mediterrane Diät = die Gesund-Diät?

Als Musterbeispiel für die gesunde Ernährung gilt die mediterrane Küche. Sie ist reich an Fisch und pflanzlichen Nahrungsmitteln und nutzt nur wenig rotes Fleisch sowie moderate Alkoholmengen, z. B. Rotwein. Studien, wie die PREDIMED-Studie, zeigten zuvor, dass die mediterrane Ernährung das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall absenkt.

Wood und Kollegen (2018) präsentierten im Lancet zudem Daten zu den Risikoschwellen von Alkohol, ab welchen mit gesundheitlichen Folgen zu rechnen ist. Interessant daran ist, dass ein moderater Alkoholkonsum bis circa 100 g pro Woche, wie er beispielsweise Teil der mediterranen Ernährung ist, das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen sogar verminderte. Auf der anderen Seite steigt das Erkrankungsrisiko oberhalb der 100-Gramm-Schwelle leicht, das Sterblichkeitsrisiko sogar exponentiell an.

Fazit:

Die Ernährung des Menschen ist weit mehr als die Aufnahme von Nährstoffen. Sie geht z. B. mit Ritualen und Kulturbildung einher. Die Ernährungsweise macht einen wichtigen Teil des Lebensstils aus.

In den vergangenen Jahrzehnten unterlagen die gültigen Ernährungsempfehlungen beinahe schon mit jeder neuen Studie spezifischen Veränderungen – unzählige Trends entstanden. Nicht immer wurde dabei die vorgegebene Empfehlungsrichtung bestätigt. Ebenso brachte die PURE-Studie nun neue Erkenntnisse, die teilweise herrschende Lehrmeinungen zum Umgang mit der Ernährung umzukehren vermögen.

Umso wichtiger ist es, die Ergebnisse der PURE-Studie weiter zu diskutieren, ohne jedoch die Patienten immer weiter zu verunsichern. Patienten werden durch ständige, teilweise Richtungswechsel in den Ernährungsempfehlungen nicht nur verwirrt, sondern stumpfen auch ab und nehmen Ratschläge, ihre Ernährung betreffend, immer weniger bereitwillig an.

Praxis-Tipp:

Verunsichern Sie Ihre Patienten nicht mit Details, die teilweise noch nicht durch weitere geeignete Studien bestätigt sind. Geben Sie – basierend auf der Studienlage – allgemeinere Ernährungsempfehlungen, welche die Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen unterstützen, aber genug Spielraum lassen, um nicht durch jedes neue Studienergebnis erschüttert zu werden.

Dazu gehören beispielsweise:

Quelle:

How to eat right: should PURE results influence dietary guidelines?, 27.08.2018, ESC München

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