„Die Bewerberzahlen für Medical Schools sind enorm“

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Interview mit Professor Peter Dieter, Präsident der Association of Medical Schools in Europa, über die Qualitätssicherung des Medizin-Studiums in Deutschland und die länderübergreifende Ärzteausbildung

Immer häufiger schließen Hochschulen aus EU-Mitgliedstaaten mit privaten oder kommunalen Krankenhäusern Kooperationsverträge ab, mit dem Ziel Abiturienten in Deutschland nach ausländischen Vorgaben auszubilden. Ärzte und Medizinprofessoren sehen die Entwicklung kritisch, die wissenschaftliche Ausbildung nicht an einer anerkannten Forschungseinrichtung in Deutschland zu absolvieren, weil in der Folge Ärztinnen und Ärzte nicht mehr nach bundesweit einheitlichen Qualitätskriterien ausgebildet würden. Besonders die Medical School in Nürnberg, bei der das Nürnberger Klinikum mit der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg zusammenarbeitet, steht im Fokus der Kritik, da das Studium das erste wäre, das in Deutschland komplett ohne Besuch einer deutschen Universität möglich wäre. In Nürnberg sind 50 Studienplätze für Humanmedizin geplant. Studierende müssen bis zum Abschluss mit Studiengebühren von mehreren zehntausend Euro rechnen.

Trotzdem sei das Interesse an einer länderübergreifenden Ausbildung bei den Studierenden groß, wie Professor Peter Dieter, Präsident der Association of Medical Schools in Europa, im Interview mit esanum erklärt. Auch für ihn ist für die Qualitätssicherung entscheidend, dass „der vorklinische Teil des Studiums an einer Universität mit entsprechendem wissenschaftlich-akademischen Umfeld stattfindet”.

esanum: In Deutschland wurden in den vergangenen Monaten verschiedene Medical Schools gegründet. Wodurch unterscheiden sich diese von einer klassischen Universität?

Dieter: International werden die Begriffe Medical School, Faculty of Medicine, Medical University oder Medical College synonym verwendet und man versteht darunter staatliche oder private Einrichtungen wie Fakultäten und Universitäten, in denen Ärzte ausgebildet werden und die Ausbildung der Qualitätssicherung (z.B. Akkreditierung) des Landes der Einrichtung unterliegt.

In Deutschland existieren zurzeit 37 solcher Einrichtungen an Universitäten. Sie werden meist Medizinische Fakultät der Universität genannt. Es gibt aber auch die Bezeichnungen Fachbereich Medizin der Universität (z.B. Frankfurt, Gießen, Mainz, Marburg), Universitätsmedizin (z.B. Greifswald, Rostock), Medizinische Hochschule Hannover, Universität zu Lübeck, Fakultät für Gesundheit der Privaten Universität Witten-Herdecke und Fakultät für Medizin und Gesundheitswissenschaften der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. In diesen Einrichtungen unterliegt die Qualitätssicherung des Medizinstudiums deutschem Recht. Die gesamte Ausbildung findet im Umfeld der Einrichtung (Universität) statt und es ist gewährleistet, dass Medizinstudierende ein universitär-wissenschaftlich-akademisches Studium durchlaufen und nach erfolgreichem Abschluss nach sechs Jahren die deutsche Approbationsurkunde erhalten.

Medical Schools in Deutschland sind Modelle, in denen der Studierende aus Deutschland sich für einen Studiengebühren-pflichtigen Medizinstudiengang einer Universität in einem anderen Land immatrikuliert, seine Ausbildung entweder zum Teil in diesem Land und in Deutschland oder gänzlich in Deutschland absolviert und am Ende des erfolgreichen Studiums die Lizenz des Landes der Immatrikulation erhält. Beispiele dafür sind die Modelle Semmelweis (Ungarn) – Asklepios Hamburg, Southampton (UK) – Kassel, Paracelsus (Österreich) – Nürnberg und Stettin (Polen) – Asklepios. Die Unterschiede liegen auf der Hand: Immatrikulation an der Universität eines anderen Landes, Studiengebühren, Qualitätssicherung des gesamten Studiums und die Lizenz durch das Land der Immatrikulation.

esanum: Wie bewerten Sie die akademische und medizinische Qualität der Medical Schools in Deutschland?

Dieter: Bei der Bewertung der medizinischen und akademischen Qualität dieser „Medical Schools“ – ich bevorzuge hier den Begriff der „staatenübergreifenden Ausbildung“ – muss jeder Einzelfall individuell geprüft werden. Da ich selbst in meiner Funktion als AMSE Präsident nicht in das Qualitätssicherungsverfahren (Akkreditierung) involviert war und mir auch keine konkreten Unterlagen (Stundenpläne, Lehrformate, Prüfungsformate, Qualifikation der Lehrenden, etc.) vorliegen, kann ich hier nur meine Vermutungen und Bedenken äußern. Ich gehe davon aus, dass der Teil des Studiums, der an der Universität des Landes der Immatrikulation stattfindet (zum Beispiel „Vorklinik“ in Semmelweis und Southampton) qualitativ mit dem Studium der „Vorklinik“ an einer Medizinischen Fakultät in Deutschland vergleichbar ist. Ich habe als Biochemiker größte Bedenken, wenn der „vorklinische Teil des Studiums“ an einem Standort in Deutschland unterrichtet wird (z.B. Nürnberg), an dem keine Universität mit entsprechendem wissenschaftlich-akademischen Umfeld der vorklinischen Fächer existiert.

Ebenso muss geprüft werden, inwieweit die Ausbildung im klinischen Bereich an den privaten und staatlichen Krankenhäusern in Deutschland (Asklepios, Klinikum Kassel, Städtisches Krankenhaus Nürnberg) ein universitär-wissenschaftlich-akademisches Studium garantieren können. Hier melde ich auch meine Zweifel an. Es drängt sich die Frage auf, ob in Deutschland Ärztinnen und Ärzte noch nach bundesweit einheitlichen Qualitätskriterien ausgebildet werden?

esanum: Zunehmend gibt es Kritik an den Einrichtungen in Kassel und Nürnberg. Warum?

Dieter: Zusätzlich zu den vorhergehenden Punkten gibt es noch einige rechtliche Sachverhalte zu klären: Unterliegen derartige Medical Schools in Deutschland auch der Qualitätssicherung (Akkreditierung) nach deutschem Recht? Inwieweit sind hier die Politiker und Länder gefordert regulierend einzugreifen?

esanum: Wie schätzen Sie das Interesse der Studenten an den Medical Schools ein? Gibt es überhaupt eine Nachfrage?

Dieter: Die Nachfrage ist sehr groß. In Deutschland gibt es circa vier- bis fünfmal mehr Bewerber auf einen Medizinstudienplatz als Studierendenplätze. Im Extremfall müssen Bewerber bis zu fünf Jahren auf einen Studienplatz warten. Dies ist der Hauptgrund, warum diese staatenübergreifenden Modelle überhaupt existieren und sich vermehren.

esanum: Unter welchen Bedingungen halten Sie Medical Schools für eine Bereicherung des Medizinstudiums?

Dieter: Für mich ist die Qualität der Ausbildung die entscheidende Frage. Diese muss gesichert sein und es müssen auch bestehende rechtliche Bestimmungen eingehalten werden. Dann kann man über neue Modelle in der Medizinerausbildung auch länderübergreifend diskutieren. Wichtig ist für mich, dass alle beteiligten Länder dies gemeinsam tun. Leider ist dies bisher nicht geschehen. Nach meiner Überzeugung braucht Europa europaweite Standards in der Medizinerausbildung, die in einem gemeinsamen anerkannten Qualitätssicherungsverfahren überprüft werden. Dies sehe ich als eine meiner nächsten Aufgaben als AMSE-Präsident.

esanum: Berechtigt ein Abschluss an einer Medical School in Deutschland oder im Ausland zur Ausübung des Arztberufs? Wie steht es mit einer Approbation?

Dieter: Deutsche Studierende erhalten nach erfolgreichem Studium die Lizenz des Landes, in dem er sich für den Medizinstudiengang immatrikuliert. Nach EU-Recht werden die ärztliche Grundausbildung und die Ausbildung zum praktischen Arzt beziehungsweise zur praktischen Ärztin EU-weit automatisch anerkannt, sofern die Qualifikation die Richtlinie 2005/36/EG erfüllt ist. Dadurch ist die Ärztin beziehungsweise der Arzt berechtigt, in jedem EU-Land zu arbeiten. Dies bedeutet in der Praxis, dass die im Ausland erworbene Lizenz im Normalfall in Deutschland anerkannt und die deutsche Approbation erteilt wird. Nur wenn erhebliche Zweifele bestehen, kann die dafür zuständige deutsche Behörde einen Sprach-, Kenntnis- oder/und Fähigkeits-Test zur Approbationserteilung anfordern. Ich denke aber, dass die Zukunft zeigen wird, was rechtlich erlaubt und nicht erlaubt ist.

esanum: Was sollte sich Ihrer Meinung nach am Medizinstudium in Deutschland generell ändern?

Dieter: Das Medizinstudium in Deutschland hat international einen Spitzenruf und Ärztinnen und Ärzte mit einer Ausbildung in Deutschland werden weltweit gerne eingestellt. Als Auslandsbeauftragter der Carl Gustav Carus Medizinischen Fakultät der TU Dresden ermögliche ich seit vielen Jahren Dresdner Medizinstudierenden einen Teil ihres Praktischen Jahres im Ausland zu absolvieren – unter anderem an Akademischen Lehrkrankenhäusern der Harvard University und University of Sydney. Die Studierenden werden dort zusammen mit den regulär eingeschriebenen Studierenden evaluiert und erreichen meist das höchste Prädikat “high honor”.

Dies bedeutet aber nicht, dass wir in Deutschland das Medizinstudium nicht noch verbessern können und müssen. Eine generelle Veränderung halte ich dagegen für nicht notwendig. Bei jeder Veränderung muss aber gewährleistet sein, dass das Medizinstudium ein universitär-wissenschaftlich-akademisches Studium ist und bleibt.

Interview: Volker Thoms

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