Deutsche Ärztin hilft verbrannten Frauen in Indien

Dr. Constance Neuhann-Lorenz hat als plastische Chirurgin in München häufig mit den Reichen und Schönen zu tun. Mit ihrer Organisation WomenforWomen hilft sie zusätzlich Frauen in Indien, die von i

Dr. Constance Neuhann-Lorenz hat als plastische Chirurgin in München häufig mit den Reichen und Schönen zu tun. Mit ihrer Organisation WomenforWomen hilft sie zusätzlich Frauen in Indien, die von ihren Ehemännern verbrannt wurden und neben schweren körperlichen auch psychische Schäden davontrugen. Meist handelten die Männer schlicht aus Gier – und aus Rache, weil die Mitgift der Frau sie nicht zufriedenstellte. esanum sprach mit Dr. Constance Neuhann-Lorenz, inwieweit sie als deutsche Ärztin den Frauen überhaupt helfen kann.

esanum: Sie helfen gemeinsam mit der Organisation WomenforWomen Frauen in Indien, die beispielsweise von ihren Ehemännern verbrannt worden sind. Woraus resultiert Ihre Verbindung zu dieser Thematik?

Neuhann-Lorenz: Wir sind das originäre Hilfsprojekt des internationalen Dachverbandes aller Nationalen Fachgesellschaften für Plastische und Ästhetische Chirurgie (IPRAS). Gegründet haben wir uns, weil wir als Plastische und Ästhetische Chirurgen als diejenigen Ärzte wahrgenommen werden, die sich häufig mit dem äußeren Erscheinungsbild von weiblichen Patienten befassen. Die  chirurgische Behandlung von Entstellungen durch Verbrennungen ist ein Teilgebiet der Plastischen und Ästhetischen Chirurgie. Da es bereits einige plastisch-chirurgische Hilfsprogramme gibt, wissen wir, dass sich bei solchen Missionen weibliche Patienten häufig zurückhalten und zunächst ihre Männer und Kinder vorschicken, da sie die Männer für die Ernährung der Familie und die Kinder für die Zukunft der Familien als wichtiger als sich selbst erachten. Auch andere Hilfsprogramme versuchen hier Abhilfe zu schaffen.

Wir haben uns jedoch entschlossen, als weibliche Chirurginnen unsere Hilfe anzubieten, um besonders den Frauen den Zugang zu chirurgischer Hilfe zu erleichtern. Traditionell fällt es ja Frauen in diesen Ländern leichter, sich Geschlechtsgenossinnen anzuvertrauen. Schon bei den Gründungsbesprechungen im Delegiertenrat der IPRAS haben uns besonders die indischen und pakistanischen Kollegen auf die Situation und die Folgen von wegen Mitgiftstreitereien verbrannten Frauen zum Beispiel durch die Schwiegerfamilien hingewiesen.

esanum: Weshalb werden diese Frauen verbrannt?

Neuhann-Lorenz: In vielen Ländern muss die Familie der Braut an den Mann eine Mitgift zahlen. Wenn es deshalb zu Streitigkeiten kommt, versucht sich der Mann oder dessen Familien häufig der Frau zu entledigen, indem sie sie umbringt – häufig durch Übergießen mit Kerosin und Anzünden.

esanum: Wie viele Frauen sind von Verbrennungen betroffen? 

Neuhann-Lorenz: Laut der seriösen Times of India wird in Indien jede Stunde eine Frau wegen Mitgiftstreitereien angezündet. Allerdings ist die Dunkelziffer bei solchen Delikten sehr hoch!

esanum: Wie behandeln Sie diese Frauen? Inwieweit kann plastische Chirurgie den Betroffenen überhaupt noch helfen? 

Neuhann-Lorenz: Wir operieren die vorher ausgewählten Patientinnen an den entstellenden und funktionsbehindernden Narbenkontrakturen. Dabei kommen die modernsten Techniken der plastisch-rekonstruktiven und -ästhetischen Chirurgie zur Anwendung. So zum Beispiel auch Eigenfetttransplantationen und-injektionen.

esanum: Wie reagieren die Frauen auf Hilfe einer Ärztin aus Deutschland? Mit welchen Herausforderungen sind Sie vor Ort konfrontiert?

Neuhann-Lorenz: Die Patientinnen zeigen sich unendlich dankbar und wir sind glücklich, in ihren Augen wieder einen Hoffnungsschimmer für ein würdevolleres und schmerzfreieres Leben zu erkennen. Aber die Schönheit, die die Frauen vorher hatten, können wir ihnen natürlich nicht mehr vollständig zurückgeben. Diese ist verloren. Nach anfänglichen Unsicherheiten gehen die Frauen sehr unkompliziert mit uns um und entwickeln ein großes Vertrauen.

esanum: Verbrannt zu werden ist eines der grausamsten Verbrechen überhaupt? Wie gehen die Frauen damit um?

Neuhann-Lorenz: Die Patientinnen schämen sich, dass sie verstümmelt aussehen. Vor allem aber auch deshalb, weil aufgrund des Verbrennens sichtbar werden könnte, dass sie von ihrem Ehemann so stark abgelehnt wurden, dass sie sogar ermordet werden sollen. Ein Überleben ist in vielen Fällen offensichtlich nur durch Sublimierung des Erlebten möglich. Da die Morde oder Mordversuche von den Männern häufig als häuslicher Unfall getarnt werden, halten sich die armen Frauen auch an diese Version. Ohne zynisch werden zu wollen, aber die Saris, die die meisten indischen Frauen tragen, sind leicht entflammbar. Ein Unfall in der Küche kann schon mal schnell passieren. Das nutzen die Männer aus.

esanum: Begeben Sie sich auch selbst in Gefahr, weil beispielsweise Ehemänner an Ihnen „Rache“ nehmen wollen?

Neuhann-Lorenz: Nein, solche Situationen erkennen wir bisher nicht. Fast immer halten sich alle Beteiligten an die Version „häuslicher Unfall“. Wir sehen auch die Ehemänner meistens nicht. Die Patientinnen werden eher von weiblichen Angehörigen begleitet. Gefahren für unsere Teams versuchen wir auch so gut wie möglich in jeglicher Hinsicht auszuschalten, da viele Kolleginnen kleine Kinder haben und WomenforWomen sich seiner Verantwortung sehr wohl bewusst ist.

Interview: Florian Weigang

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