"Die Zukunft des niedergelassenen Bereichs sehe ich mit Sorge"

Dr. M. Hassan Olabi ist niedergelassener Chirurg, Unfallchirurg und Durchgangsarzt in Detmold, NRW und blickt, nach einigen Jahren als Oberarzt, auf eine fast dreißigjährige Erfahrung im niedergelassenen Bereich zurück. Im Folgenden beantwortet er Fragen zu Veränderungen und Zukunftsaussichten für selbstständige Ärzte.

Dr. M. Hassan Olabi ist niedergelassener Chirurg, Unfallchirurg und Durchgangsarzt in Detmold, NRW und blickt, nach einigen Jahren als Oberarzt, auf eine fast dreißigjährige Erfahrung im niedergelassenen Bereich zurück. Im Folgenden beantwortet er Fragen zu Veränderungen und Zukunftsaussichten für selbstständige Ärzte.

esanum: Herr Dr. Olabi, sie sind seit fast dreißig Jahren niedergelassen. Was waren rückblickend für Sie die größten Veränderungen- sowohl technisch als auch gesundheitspolitisch?

Olabi: Rückwirkend muss ich feststellen, dass eine erhebliche Zunahme an Bürokratie bei unserer Arbeit besteht, die zulasten der Patientenzeit fällt. Auch die Budgetierung der Patientenanzahl bewirkt mittlerweile, dass viele Ärzte ihre Praxen schließen, wenn sie ihr Limit erreicht haben, was wiederum zu langen Wartezeiten bei Fachärzten führt. Durch das veränderte Abrechnungssystem werden viele nicht-operative Maßnahmen nicht mehr honoriert, wodurch natürlich die Gefahr besteht, schneller und mehr zu operieren als früher.

Die technischen Veränderungen im EDV-Bereich finde ich sehr gut. Früher dauerte das Ausdrucken von Abrechnungsscheinen oft Stunden, heute können wir alles online machen. Auch im Röntgenbereich hat eine Digitalisierung stattgefunden, damit die Patienten weniger bestrahlt werden.

esanum:Sie waren vor Ihrer Niederlassung viele Jahre Arzt / Oberarzt im Krankenhaus. Was hat Sie bewogen, das Risiko einzugehen, und sich selbstständig zu machen?

Olabi: Hauptsächlich das Bedürfnis, mein eigener Chef zu sein. Es ist kein Geheimnis, dass Ärzte mit Migrationshintergrund es schwerer haben, in Chefpositionen zu kommen, und ich wollte meine Patienten gerne so behandeln, wie ich es gelernt habe.

Außerdem war ich fünfzehn Jahre zum Teil als Oberarzt in Krankenhäusern und in meinem Fach ging ich nicht selten freitags in die Klinik und kam Montagnachmittag wieder raus. Irgendwann stellte ich mir die Frage, ob ich im Alter so weitermachen möchte und ging schließlich das Risiko ein.

esanum: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Unterschiede zum Krankenhausleben?

Olabi: Die Arbeit im Team mit den Kollegen fehlt, genauso wie die Versorgung von Polytraumata und die Durchführung großer Operationen. Außerdem trage ich von der Einstellung der Putzfrau bis zur Auswahl der Mitarbeiter die Verantwortung für jede Entscheidung alleine. In der Klinik ist diese organisatorische Verantwortung kleiner. Positiv ist natürlich zu nennen, dass ich nach einem ganzen Tag Arbeit abends frei habe. Außerdem entscheide ich selber über die Behandlung und bin näher am Patienten.

esanum: Wie sehen Sie die Zukunft für niedergelassene Ärzte?

Olabi: Die Zukunft für niedergelassene Ärzte sehe ich mit Sorge, wegen der Nachwuchsprobleme. Die Gesundheitspolitik hat hier leider versäumt, sich rechtzeitig darum zu kümmern und jetzt gibt es einen ähnlichen Mangel an jungen Ärzten wie damals, als ich vor über vierzig Jahren nach Deutschland kam. Bezahlte Studiengebühren, höhere Bezahlung und bessere Arbeitsverhältnisse führen dazu, dass viele in Länder wie Schweden oder die Schweiz auswandern oder in die Industrie gehen. Viele Kollegen finden keine Nachfolger und verkaufen ihre Niederlassung an Medizinische Versorgungszentren als Altersvorsorge. Das heißt, es wird zukünftig weniger Einzelpraxen und mehr Zentren geben, in denen Krankenhäuser ihr Behandlungsfeld erweitern. Außerdem sehe ich durch die neue Fortbildungsverordnung die Entwicklung zu bestimmten Bereichen, weg von der fachübergreifenden Ausbildung, die ich noch erlernt habe. Das bedeutet, dass es zukünftig mehrere Fachärzte geben muss, um ein Spektrum abzudecken.

esanum: Welche gesundheitspolitischen Änderungen der letzten Jahre sind Ihrer Alltagserfahrung nach von Vorteil, welche von Nachteil für den niedergelassenen Bereich?

Olabi: Im Alltag arbeite ich oft mit jungen Kollegen, die die Budgetierung und das Abrechnungssystem nicht kennen oder verstehen. Da merkt man die gesundheitspolitische Vernachlässigung des Nachwuchses, die von Nachteil für das gesamte System ist. Auch die Budgetierung ärgert mich oft im Alltag. Es kann nicht Sinn der Sache sein, dass einer 90-jährigen Frau nach einem Bruch der eingereichte Taxischein abgelehnt wird. Aktuell verlangen die Datenschutzänderungen, und allgemein die Bürokratie, sehr viel Zeit, die ich gerne in Fortbildungen oder Behandlungsoptimierungen stecken würde. Meiner Meinung nach müsste das wieder attraktiver gestaltet werden, damit junge Kollegen nicht vom niedergelassenen Bereich abgeschreckt werden.

esanum: Welche Eigenschaften- neben den medizinischen- sollte ein Arzt Ihrer Meinung nach heutzutage mitbringen, um sich selbstständig zu machen?

Olabi: Sehr wichtig ist, dass der Arzt wirkliches Interesse an seinem Patienten und Geduld mitbringt. Er sollte verständlich erklären können, damit die Patienten ihre Behandlung verstehen und aktiv mitwirken können. Fachliche Kompetenz reicht nicht aus, menschliche Kompetenz ist genauso wichtig. Außerdem sollte man eine Offenheit für Bürokratie und eine gute Stressbelastung bei täglichen Entscheidungen mitbringen. Ich behandle mittlerweile schon die Kinder meiner ersten Patienten und kann jungen Fachärzten nur empfehlen, an sich zu glauben und den Schritt zu wagen. Es macht bei all der Verantwortung immer noch großen Spaß.

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