Discovering Hands: Blinde Frauen ertasten Tumore

Sie sehen mit ihren Händen. In Halle lernen blinde Frauen, Zysten und Krebsgeschwüre an Brüsten zu ertasten. Bundesweit gibt es nur vier Ausbildungsstandorte für Medizinische Tastuntersucherinnen.

Sie sehen mit ihren Händen. In Halle lernen blinde Frauen, Zysten und Krebsgeschwüre an Brüsten zu ertasten. Bundesweit gibt es nur vier Ausbildungsstandorte für Medizinische Tastuntersucherinnen.

Mit filigranen Bewegungen gleiten ihre Fingerspitzen über die Brust vor ihr. Zentimeter für Zentimeter tasten sie sich voran. “Eine Untersuchung dauert bis zu 30 Minuten”, erläutert Silke Germersdorf. Im Moment ruhen ihre Finger auf dem Busen – einem Modell aus Silikon. Die 41-Jährige ist Medizinische Tastuntersucherin (MTU). Neun Monate hat sie in Halle gelernt, Tumore, Knötchen und andere Veränderungen in der Brust mit ihren Händen zu ertasten. Sehen konnte sie dabei nicht. Denn die 41-Jährige ist blind.

Das Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte (BFW) in Halle hat bereits zum zweiten Mal blinde Frauen zu MTUs ausgebildet, wie André Kunnig vom BFW erklärt. Eine Dame hat das Zertifikat bereits im ersten Jahr bekommen. Drei weitere – darunter auch Silke Germersdorf – haben am vergangenen Mittwoch ihre letzten Prüfungen erfolgreich bestanden. Weitere Kurse sollen folgen.

Die Idee, den besonderen Tastsinn von Blinden zu nutzen, um etwa Brustkrebs frühzeitig zu erkennen, kam vor einigen Jahren auf. Der Gynäkologe Frank Hoffmann startete 2007 am BFW Düren das Projekt “Discovering Hands” (Entdeckende Hände), wie Projekt-Sprecher Stefan Wilhelm berichtet. Heute gibt es weitere Ausbildungsstandorte in Mainz, Nürnberg und Halle.

Auch Susann Arnold hat sich für die Fortbildung entschieden. Die studierte Sozialarbeiterin ist stark lichtempfindlich. Mit 16 Jahren bemerkte sie erste Probleme beim Sehen. Während ihres Studiums wurde die Erkrankung namens Zapfen-Stäbchen-Dystrophie schlimmer. Heute erkennt die 35-Jährige nur bei wenig Licht noch Umrisse.

Die Frau klebt einige rot-weiße Streifen auf eine Puppe, die vor ihr auf der Pritsche liegt. “Das ist eine Art Raster”, erklärt Susann Arnold. Die Streifen kann sie fühlen. Sie helfen ihr später, die Stelle, an der ihr eine Unebenheit in der Brust aufgefallen ist, zu benennen. Die Koordinaten trägt sie dafür in eine Excel-Tabelle ein. “Wir geben die Daten an den Arzt weiter, der dann mit der Patientin spricht”, sagte sie. Diagnosen stellt sie nicht.

Neben der theoretischen Ausbildung in Halle haben die Frauen mehrere Praktika in Halle und Berlin absolviert. “Selbst Männerbrüste haben wir abgetastet”, sagt Susann Arnold. Denn auch ein Prozent der Männer sei von Brustkrebs betroffen. Nach aktuellen Zahlen des Deutschen Krebsforschungszentrums erkrankten 2010 bundesweit rund 70 000 Menschen an Brustkrebs – Tendenz steigend.

Nach ihrer neunmonatigen Ausbildung beginnen die Frauen in Berlin, wo sie derzeit auch leben, ihre Arbeit. “Im November 2014 wurde dort ein neues Zentrum für Medizinische Tastuntersucherinnen gegründet”, sagt Kunnig. Die Klinik hat sie übernommen. Die Akzeptanz für die neuen Beruf würde langsam wachsen. Nach Angaben von Discovering Hands bieten bundesweit 20 gynäkologische Praxen und Kliniken die Tastuntersuchung durch die MTUs an.

“Wir ersetzen Ultraschall und Mammografie zwar nicht, aber wir sind eine gute Ergänzung”, sagt Silke Germersdorf. Die Patientinnen würden sich bei den Untersuchungen wohlfühlen. “Sie merken, dass sich jemand Zeit für sie nimmt.” Zudem spürten MTUs Knötchen aufgrund ihres besonderen Tastsinns oft eher als ein Arzt, der nicht immer viel Zeit für eine Untersuchung hat, meint Germersdorf.

Die 41-Jährige ist gelernte Technische Zeichnerin. Mit 28 Jahren löste sich ihre Netzhaut ab. Ihren Beruf konnte sie nicht mehr ausüben. Später musste bei ihr Grauer Star operiert werden. Die OP hatte eine Art Nebenwirkung: Nachstar. Heute ist die 41-Jährige daher blind. Als MTU ist sie wieder in der Arbeitswelt zurück.

Text und Foto: dpa /fw

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