“Es kann nicht sein, dass ein Menschenleben vom Geld abhängt”

Dr. Jenny De la Torre Castro hat in Berlin ihre Berufung gefunden – gerade hat sie den Deutschen Stifterpreis 2015 erhalten

Es gibt keinen Diagnose-Schlüssel für die Krankheit, die Dr. De la Torre behandelt. Keine ordentliche Statistik erfasst, wie viele Menschen unter ihr leiden. Dabei ist sie unbehandelt durchaus lebensbedrohlich: Obdachlosigkeit.

Auf dem schlichten Schild über der schweren Eingangstür des freistehenden Rotklinkerbaus aus der Gründerzeit steht: “Gesundheitszentrum für Obdachlose”. Es liegt im Hinterland der weltberühmten Berliner Flanier-Meile Friedrichstraße. Drinnen auf den Granitstufen der Treppe zwei Topfpflanzen. Es riecht nach Mittagessen. Ein Aushang lädt ein zum Rosen-Montags-Festessen.

Die zierliche, schwarzhaarige Ärztin im offenen, weißen Kittel führt durch ihr Reich. Drei Etagen mit Behandlungszimmern, Labor, Kleiderkammer, Küche, Zahnarzt-Praxis, Duschen, Frisör, Büro.

Wer hierher kommt, braucht mehr als Medizin. Viel mehr. Eine Dusche, eine Rasur, einen Haarschnitt. Neues Hemd, Hose, Socken.  Ein geduldiges Gespräch. Wer hierher kommt, ist ganz unten. “Unsere Patienten schämen sich oft sehr. Erst beim zweiten oder dritten Termin schauen sie einem gerade in die Augen”, berichtet die Ärztin, während sie auf dem PC ihre Foto-Sammlung von kranken, gemarterten Füßen zeigt. Unvorstellbar für den Betrachter, dass jemand damit noch laufen konnte.

“Als ich das erste Mal dieses Elend sah, war ich total schockiert”, erzählt Jenny De la Torre im geräumigen Sprechzimmer. Die Wände lindgrün, der Schreibtisch creme-weiß, Waschbecken und Spiegel in der Ecke. Über der kunstlederbezogenen Liege: Der Eid des Hippokrates, schön gerahmt. Hausarzt-Normalität.

Aber die Geschichten, die sich hier abspielen, sind alles andere als Normalität. Auch die Geschichte, die die peruanische Kinder-Chirurgin De la Torre hierher an diesen Arbeitsplatz geführt hat, ist eher nicht alltäglich.

Sie beginnt in Ica, ihrer Heimatstadt in Peru. Das Mädchen Jenny erlebte viel Armut und Elend um sie herum. Ihrer Familie ging es besser, das hat einen frühen Wunsch in ihr geweckt: Helfenwollen. “Es kann nicht sein, dass ein Menschenleben vom Geld abhängt”, dachte die Abiturientin bei der Berufswahl. Nach dem Medizin-Studium wollte sie zwei Arbeitsplätze haben. Einen in einer Kinderklinik, wo sie Geld verdienen würde. Und einen als Ärztin für Arme, den sie kostenlos verrichten wollte.

In der Universität hörte die frisch gebackene Studentin Jenny von einer Bekannten, die neuerdings in Rostock Medizin studiere. Sie war wie elektrisiert. Deutschland? Das Land von Schiller und Goethe? Das wollte sie auch. Und so landete sie 1976 in Leipzig. Neun Monate Deutsch-Kurs am Herder-Institut – dann sollte das Studium losgehen. Gleich im zweiten Studienjahr – ihr erstes hatte sie schon in Peru absolviert. “Es war hart”, erinnert sich die 61-Jährige noch heute. Manchmal flossen Tränen. Sie verstand oft nicht, was der Professor da vorn dozierte. Bis eine Mitstudentin aus Berlin ihr zuflüsterte: “Ich verstehe den auch nicht. Er sächselt so!”

Sie biss sich durch, fern von zu Hause, machte ihren Facharzt für Kinderchirurgie an der Berliner Charité. Ging zurück nach Peru, um wie geplant Kinder zu operieren. Doch es sollte dauern, bis ihre Ausbildung formal anerkannt wurde. “Ich wollte aber sofort operieren!” erklärt sie. Heute noch spürt man ihre ungeduldige Energie von damals.

Sie ging zurück nach Berlin. Mitten hinein in die Wendezeit, in der plötzlich auch Ärzte von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Eine Tochtergesellschaft der Berliner Ärztekammer gab ihr eine Stelle. Obdachlose Menschen am Ostbahnhof betreuen – das war ihre Aufgabe. “Ich war schockiert: Wie konnte es sein, dass es in Deutschland Obdachlose gab?” Aber lamentieren half nicht, die frisch ausgebildete Kinderchirurgin praktizierte Jahre lang in einem 12 Quadratmeter großen, fensterlosen Raum des DRK im Bahnhof. Medikamente, Instrumente, Praxismöbel gab es nicht. Anfangs nicht mal ein eigenes Telefon. Sie musste sich etwas einfallen lassen. Spenden sammeln, Bittbriefe schreiben, die Hilfsbereitschaft von Vermögenden und das Potenzial von Firmen aktivieren. Sie arbeitete unermüdlich, schickte keinen weg, der zu ihr kam. Und mit der Zeit fand sie immer mehr Helfer. Sie wurde bekannt und geliebt als “Armenärztin vom Ostbahnhof”. Nach einer Fernsehreportage im ZDF hätte sie sich plötzlich die Stellen aussuchen können – so eine engagierte Ärztin wünschten sich viele Kliniken. Sie hätte endlich Chirurgin sein können. “Aber ich hatte meinen Patienten am Ost-Bahnhof gesagt, ich lasse sie nicht im Stich. Ich wollte für die da sein, die es am nötigsten hatten. Kinder-Chirurgen gibt es in Deutschland genug”, erklärt sie schlicht.

Just in dem Moment als sie darüber nachdachte, eine Stiftung zu gründen, um noch effektiver helfen zu können, wurde sie mit dem Medienpreis “Goldene Henne” geehrt – dotiert mit 25 000 Euro. Das war schon mal die Hälfte des vorgeschriebenen Stiftungs-Kapitals. In ihrer Dankesrede im Friedrichstadt-Palast wusste sie also bereits genau, was sie mit dem Geld anfangen wollte. “Ich gründe eine Stiftung”, verkündete sie auf einer Pressekonferenz. Die fehlenden Zustiftungen fanden sich später auch.

Das Haus, in dem die “Jenny De la Torre Stiftung” (delatorre-stiftung.de) heute zu finden ist, hatte viele Jahre leer gestanden. Sie bekam es für zehn Jahre mietfrei von der Stadt, weil sie die Sanierung übernahm. Die Ärztin wurde Bauherrin. Wieder ging sie auf Beschaffungstour, diesmal bei Baufirmen. “Ich habe ganz Deutschland verrückt gemacht”, erzählt sie stolz. “Haben Sie Farben? Steine? Dämmstoffe?” Wir brauchen diese und jene Maschine – “möglichst gespendet oder kostengünstig!” Zwei Jahre ging das so. 2006 öffnete das Gesundheitszentrum.

Heute weiß die Kinder-Chirurgin nicht nur eine Menge über Krätze, offene Beine, Wanzen und Läuse, sondern auch über Statik, Anstriche und Elektro-Leitungen. Die Stiftung konnte inzwischen das Gebäude kaufen. Auf dem verwilderten Hof hinterm Haus ist ein Garten entstanden – für Sommerfeste und zum Ausruhen. Möbel, Computer, Ultraschall, EKG, Zahnarzt-Stuhl wurden gespendet. Die Stühle und Tische im Speisesaal stammen aus dem Marriott-Hotel. Heute, extra nur zum Rosen-Montag, kocht Mike Prenzlow, der Executive Chef vom Radisson Blue. Passend zum Festessen sind weiße, gestärkte Tischdecken aufgelegt.

Dr. De la Torre ist ganz offensichtlich jemand, dem man nichts abschlagen kann. So gut und einleuchtend sind ihre Argumente: “Ich will mich an das Elend niemals gewöhnen”, sagt sie. “Ich möchte nicht abstumpfen”. Die Charité nimmt ohne Umstände besonders kranke Patienten auf, die sie schickt. Verschiedene Fahrdienste übernehmen gelegentlich Kranken-Transporte, wenn nötig. Jedem, der mittut, ist ohne Worte klar, dass hier keine Chip-Karten durchgezogen werden, dass kein Geld fließt. Dass hier einfach nur geholfen wird. So hilft Jenny De la Torre beiläufig auch anderen, zu helfen – konkret und selbstlos. Sie selbst bezieht von ihrer Stiftung nach mehr als 25 Jahren Berufserfahrung das Gehalt einer Assistenzärztin.

Nicht alle Anfragen von Medizinstudenten, die bei ihr famulieren wollen, kann sie berücksichtigen. Heute hat Juliane Thomas (30) ihren ersten Tag. Sie freut sich auf die Arbeit, auf die Erfahrungen, die sie nirgendwo sonst so machen könnte. “Bei uns geht es immer um den ganzen Menschen”, sagt Dr. De la Torre. “Ich frage jeden, warum er obdachlos geworden ist.” Was im Arzt-Alltag sonst Luxus ist, das gibt es hier: genug Zeit für ein Gespräch mit dem Patienten. Mehrere Fachärzte und Psychologen arbeiten ehrenamtlich ein-  bis zweimal die Woche im Gesundheitszentrum. Sozialarbeit findet ganz oben unterm Dach statt. Dort geht es um nicht weniger als ein neues Leben, eine zweite oder dritte Chance.

Draußen vor der Tür stehen ein paar Männer mit rauer Haut, in ihre Joppen gewickelt und rauchen. Sie warten auf Einlass zum Festessen. Freundlich grüßt die Ärztin: “Wie geht es Ihnen heute, Herr Sch.? Sie sehen ja schon viel besser aus!” Der Mann mit dem dicken Verband unter dem Pullover grüßt fröhlich zurück: “Ja, es geht viel besser!”

“Dafür bin ich Ärztin geworden”, sagt sie beim Abschied ohne jedes Pathos. “Ein Menschenleben kann doch nicht vom Geld abhängen”, hatte sie als junges Mädchen in Peru gesagt. Auch nicht in Deutschland.


Das Gespräch führte Vera Sandberg.

Vera Sandberg#Vera SandbergVera Sandberg, geboren 1952 in Berlin, absolvierte ihr Journalistik-Studium in Leipzig und war 12 Jahre lang Redakteurin einer Tageszeitung in Ost-Berlin. Im Juni 1989 wurde ihr die Ausreise bewilligt, seit 1990 ist sie Autorin für verschiedene Publikationen, Journalistin für medizinische Themen und hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt “Krebs. Und alles ist anders”. Vera Sandberg ist Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern und lebt seit 2000 bei Berlin.

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