Drogenbeauftragte fordert Eindämmung von Werbung für Online-Glücksspiel

Spielhallen sind dicht, viele Sportereignisse fallen aus. Zockerinnen und Zocker gehen in der Corona-Krise zunehmend in den Schwarzmarkt im Internet, wie Fachleute beobachten. Auch die Werbung nehme zu.

Höhere Suchtgefahr, da keinerlei gesellschaftliche "Kontrolle" vorhanden ist

Spielhallen sind dicht, viele Sportereignisse fallen aus. ZockerInnen gehen in der Corona-Krise zunehmend in den Schwarzmarkt im Internet, wie Fachleute beobachten. Auch die Werbung nehme zu.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, hat in der Corona-Krise eine Eindämmung von Werbung für Online-Glücksspiel gefordert. Die CSU-Politikerin sagte: "Auf Kosten von suchtkranken Menschen Profit zu machen, geht gar nicht. Bundesweit gezielte Werbung für Online-Casinos zu schalten, ist illegal und gerade jetzt in Coronazeiten, wo die Menschen allein zuhause sitzen, schlichtweg skrupellos. Diese Situation darf so nicht bleiben, daher werde ich mich an die TV-Sender und Medienaufsicht wenden."

Online-Glücksspiel sei schon ohne Corona nicht gerade das "Gelbe vom Ei", sagte Ludwig. "Es birgt eine weitaus höhere Suchtgefahr, als das Spielen "vor Ort", weil keinerlei gesellschaftliche "Kontrolle" vorhanden ist."

KundInnen nehmen bei Glücksspielwerbung oft nicht wahr, dass es um illegale Produkte geht

Nach Beobachtung des Bundesverbandes deutscher Glücksspielunternehmen nimmt illegales Glücksspiel im Internet in der Corona-Krise zu. Viele Menschen seien zu Hause und im Netz unterwegs, sagte der Vorstandsvorsitzende Michael Barth. Die Werbung illegaler und oft im Ausland beheimateter Anbieter von Online-Glücksspielen steigere und verlagere sich. Nach einigen auch zweitinstanzlichen Urteilen in Deutschland gegen ihre Fernsehwerbung werde inzwischen verstärkt beispielsweise auf Facebook, in privaten Radiosendern und in Zeitungen geworben. "Wenn ein Werbekanal gerichtlich geschlossen wird, werden zwei neue geöffnet", sagte der Bremer Lotto-Chef.

Es gebe auch inhaltliche Verlagerungen, etwa bei Anbietern illegaler Sportwetten im Netz: "Mangels Sportereignissen machen jetzt eben welche Online-Casino", sagte Barth. Die KundInnen nähmen bei all dieser Werbung oft gar nicht wahr, dass es um illegale Produkte gehe.

Boom von bisher nicht regulierten Glücksspielen im Internet in vergangenen Jahren

Derzeit hat Schleswig-Holstein als einziges Bundesland Lizenzen für Online-Glücksspiele vergeben. Der neue Glücksspielstaatsvertrag sieht vor, dass künftig Glücksspiele im Internet wie Online-Poker oder Online-Casinos in ganz Deutschland erlaubt werden. Die MinisterpräsidentInnen der Länder hatten den Vertrag Mitte März grundsätzlich beschlossen. Vorgesehen sind aber Auflagen zum Spielerschutz sowie Einschränkungen bei der Werbung.

Der Staatsvertrag muss noch von den einzelnen Landesparlamenten ratifiziert werden und soll am 1. Juli 2021 in Kraft treten. Eine Neuregelung des Glücksspielmarktes wurde als notwendig erachtet, weil es in den vergangenen Jahren massive Veränderungen gegeben hat mit einem Boom von bisher nicht regulierten Glücksspielen im Internet.

Schwarzmarkt wächst, weil Spielhallen ihren gesetzlichen Auftrag nicht erfüllen können

Eine Sprecherin der Gemeinsamen Geschäftsstelle der Medienanstalten sagte: "Aus unseren Gesprächen mit Veranstaltern in Folge der Corona-Krise wissen wir, dass Radio und TV zum Teil gravierende Werbestornierungen haben. Ebenso hören wir im Markt, dass die Etats der Werbetreibenden für Online-Casinos zunehmen." Weiter sagte sie: "Wenn wir konkrete Hinweise erhalten und die Voraussetzungen erfüllt sind, reagieren die Landesmedienanstalten." Ein Verstoß bei TV-Werbespots sei gegeben, wenn das beworbene Glücksspielangebot illegal sei. Ob dies der Fall sei, entschieden die Glückspielaufsichtsbehörden der Länder.

"Die massive Werbung für illegale Online-Casinos treibt die Menschen seit der Schließung der Spielhallen in illegale Angebote im Internet", sagte Georg Stecker, Vorstandssprecher des Verbandes Deutsche Automatenwirtschaft. Der Schwarzmarkt wachse, weil die Spielhallen ihren gesetzlichen Auftrag nicht erfüllen könnten, das natürliche Spielbedürfnis in geordnete und legale Bahnen zu lenken. Spielhallen sollten deshalb sobald wie möglich wieder geöffnet werden. Werbung für das illegale Online-Spiel sei gerade in der Krise "dreist und verantwortungslos".

Gezielt gegen die Werbung illegaler Anbieter vorgehen

Der Deutsche Lotto- und Totoblock (DLTB) betonte, Online-Poker und Online-Kasino seien mit Ausnahme von Schleswig-Holstein vorerst weiterhin illegal in Deutschland. Mit Blick auch auf viele Lotto-Annahmestellen, die wegen der Pandemie bis zum vergangenen Wochenende längere Zeit geschlossen waren, teilte die Organisation mit, es sei wichtig, Lotto auf verschiedenen Wegen anzubieten. "Die Tippabgabe im Internet erhält weiterhin eine enorme Wichtigkeit und hier steht insbesondere die mobile Tippabgabe im Fokus", hieß es bei der im Lotto- und Totoblock derzeit federführenden Lottogesellschaft Rheinland-Pfalz in Koblenz. Sie sprach von einem steigenden Trend.

Der Glücksspielforscher Tilmann Becker von der Universität Hohenheim sagte: "Es ist zu vermuten, dass die derzeitige sehr gute Gelegenheit, neue Kunden zu gewinnen, von den Anbietern illegaler Glücksspiele genutzt wird, um mehr Werbung zu schalten. Spielhallen und Gaststätten sind geschlossen und die Menschen verbringen viel Zeit zu Hause." Außerdem fänden derzeit kaum Sportereignisse statt, auf die gewettet werden könne. In der Regel werde das Geld nicht bei den Sportwetten, bei denen es eine scharfe Preiskonkurrenz gebe, sondern beim virtuellen Automatenspiel verdient. Als Gegenmaßnahme wäre es sinnvoll, gegen die Werbung der außerhalb Schleswig-Holsteins illegalen Anbieter vorzugehen.

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