Effizientes Patient Blood Management kann Zahl der Bluttransfusionen reduzieren

Ein konsequentes Blutmanagement (PBM) setzt bei einer rechtzeitigen Analyse des Anämierisikos an, um Patienten gegebenenfalls mit Verfahren wie Eisen- und EPO-Zugabe auf Operationen vorzubereiten.

Ein konsequentes Blutmanagement (PBM) setzt bei einer rechtzeitigen Analyse des Anämierisikos an, um Patienten gegebenenfalls mit Verfahren wie Eisen- und EPO-Zugabe auf Operationen vorzubereiten.

Professor Donat Spahn gilt als der “Vater des Patient Blood Managements”. So jedenfalls nannte ein Kollege den Schweizer Direktor des Instituts für Anästhesiologie am UniversitätsSpital in Zürich auf dem Deutschen Anästhesiecongress 2016 in Leipzig. Spahn tritt seit Jahren leidenschaftlich für das Patient Blood Management – kurz PBM – ein und ist überzeugt davon, dass dieses der “Goldstandard” ist, wenn es um die Früherkennung und Behandlung einer präoperativen Anämie und die Vermeidung von Bluttransfusionen geht.

PBM ist ein multidisziplinäres und evidenzbasiertes Behandlungskonzept, mit dem die Anzahl an Transfusionen aufgrund von Anämien deutlich reduziert werden soll. Patienteneigene Blutressourcen sollen dabei bestmöglich genutzt oder im Idealfall komplett vermieden werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Kliniken bereits seit 2010 bei präoperativer Anämie unter anderem mit Hilfe des Patient Blood Managements Alternativen zu Transfusionen zu entwickeln. Trotzdem hänge Deutschland bei der Implementierung 10 bis 15 Jahre hinter Ländern wie den USA, Großbritannien und Australien zurück, beklagten Spahn und die weiteren Referenten des Satellitensymposiums “Patientensicherheit & Versorgungsqualität – Die Rolle des Anämie-Managements als zentraler Baustein des PBM” (unterstützt von Vifor Pharma  Deutschland) auf dem Anästhesiekongress.

Warum PBM so effektiv ist, sich aber auch gleichzeitig so schwierig in Krankenhäusern umsetzen lässt, erläuterte Professor Patrick Meybohm vom Universitätsklinikum in Frankfurt, das Patient Blood Management im Jahr 2013 unter Leitung von Professor Kai Zacharowski eingeführt hat. Das Projekt wurde ganz aktuell mit dem diesjährigen Deutschen Preis für Patientensicherheit des Aktionsbündnisses Patientensicherheit e. V. (APS) ausgezeichnet.

“Eine entscheidende Voraussetzung für ein effizientes PBM ist eine gute Kooperation mit den operierenden Fachbereichen”, erklärt Meybohm. Nur sei es leider ein langwieriger und schwieriger Prozess, die anderen Fachbereiche von der Notwendigkeit und Wichtigkeit eines strategischen PBMs zu überzeugen. “Wir als Anästhesisten müssen deshalb so früh wie möglich vor einer Operation eingebunden werden und die Patienten untersuchen können”, betont Meybohm. Dann lasse sich gegebenenfalls mit Verfahren wie einer Eisensubstitution oder EPO-Zugabe die Transfusionswahrscheinlichkeit senken. Am Ende solle eine höhere Patientensicherheit stehen. Jede Transfusion bringt Risiken mit sich.

Frühzeitige Einbindung der Anästhesisten in den Operationsprozess

Konkret wird am Universitätsklinikum Frankfurt im Idealfall bis zu vier Wochen im Vorfeld von großen Operationen geprüft, ob bei einem Patienten eine Anämie vorliegt und wie diese behandelt werden könnte. Laut WHO-Definition besteht eine Anämie bei einer Hämoglobinkonzentration von unter 12 g/dl bei Frauen und weniger als 13 g/dl bei Männer. Mit Labortests lässt sich ein Eisenmangel relativ einfach diagnostizieren. Eisenmangel stellt eine häufige Form der Blutarmut dar. Die  präoperative bevorzugt intravenöse Zugabe von Eisen kann deshalb ein Verfahren sein, um Patienten auf eine OP vorzubereiten und eine Transfusion zu vermeiden.

Eine präoperative Anämie kann für Patienten im Anschluss an eine Operation mit schweren Komplikationen verbunden sein und beispielsweise mit einer deutlich längeren Aufenthaltsdauer im Krankenhaus einhergehen. Die Gabe von Fremdblutkonserven kann vor allem Nierenschädigungen verursachen. Auch erhöhe sich die Sterblichkeit im Zeitraum von 30 Tagen nach einer OP bei einer milden Anämie um etwa das vierfache und bei einer schweren Anämie um das zehnfache, so Meybohm. Zur Einordnung der Dimension, um welche Größenordnung an Patienten mit einer Anämie es sich eigentlich handelt, schätzt er, dass bei jährlich circa 324 Millionen Operationen weltweit rund 70 Millionen Patienten (30 Prozent) mit präoperativer Blutarmut vorbelastet seien. Bis zu 2,7 Millionen Todesfälle könnten also mit einer rechtzeitigen Anämie-Behandlung vermieden werden, kalkuliert er. “Das zeigt, dass sich jede Anstrengung lohnt”, sagt Meybohm. Insgesamt hätten bisher 125 Kliniken ein PBM in Deutschland eingeführt. Vorreiter sind Kiel, Münster, Bonn und Frankfurt.

Optimierung des Erythrozytenvolumens

Eine andere Facette des Patient Blood Managements betonte Dr. Eduard Schlegel, Oberarzt an der Klinik für Anaesthesie und Operative Intensivmedizin der St.-Vincentius-Kliniken in Karlsruhe. Der Fokus seines Vortrags lag auf der Optimierung des Erythrozytenvolumens und der damit einhergehenden Reduzierung der Transfusionen von Blutkonserven. Auch er betonte, dass jede Blutübertragung selbst einen Risikofaktor darstelle und im schlimmsten Fall mit einer erhöhten Morbidität einhergehen könne.

Nicht nur die Karlsruher Klinik hat seit Jahren einen Rückgang von Eigenblutspenden zu verzeichnen, so dass es in den nächsten Jahren zu Engpässen bei der Versorgung mit Blutkonserven kommen kann. Allein vor diesem Hintergrund gelte es den Bedarf an Blutprodukten zu senken. Schlegel und sein Team müssen allerdings nach wie vor wie die Kollegen in Frankfurt enorme Überzeugungsarbeit für das PBM leisten: “Eine unserer dringlichsten Aufgaben ist es, die Sensibilität der Operateure für einen effizienten Umgang mit Blut zu wecken.” Ein intensiverer Austausch zwischen den Fachbereichen sei notwendig; Pflegepersonal gelte es einzubinden.

Die Herangehensweise der Anästhesisten in Karlsruhe zeichnet aus, im Vorfeld einer Operation mit Hilfe der Messung des Hämoglobingehalts sowie des Hämatokrit- und Ferrintin-Werts die Wahrscheinlichkeit einer Transfusion zu berechnen, um gegebenenfalls präoperativ mit einer Eisensubstitution zu beginnen. Eine entscheidende Komponente sei hierbei der Faktor Zeit, um abhängig von der Menge der bei der OP zu erwartenden Reduktion des Erythrozytenvolumens eine optimale OP-Vorbereitung einzuleiten. Im Ergebnis konnten die St-Vincentius-Kliniken bei orthopädischen Operationen ihren Verbrauch von Eigenblutkonserven deutlich senken. In der Hüft- und Kniegelenksendoprothektik reduzierte sich die Transfusionsrate um bis zu 50 Prozent. Zusätzlich sei der zeitbedingte Verfall von Erythrozytenkonzentraten auf weniger als ein Prozent zurück gegangen, freut sich Schlegel.

In Kürze wird es eine neue S3-Leitlinie zur Behandlung von präoperativen Anämien geben.

Text: V. Thoms

Foto: withGod / Shutterstock

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