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“Es gibt Wege aus der Sucht”

Professor Falk Kiefer, Präsident des Deutschen Suchtkongresses 2016, plädiert dafür, Suchterkrankungen medizinisch-sachlich zu betrachten und fordert ein Ende der Stigmatisierung von Abhängigen.

Professor Falk Kiefer, Präsident des Deutschen Suchtkongresses 2016, plädiert dafür, Suchterkrankungen medizinisch-sachlich zu betrachten und fordert ein Ende der Stigmatisierung von Abhängigen.

Die Zahl der Opfer illegaler Drogen ist im vergangenen Jahr bundesweit wieder angestiegen. Besorgniserregend ist gleichzeitig die hohe Verbreitung der Alltagsdrogen Alkohol und Tabak. Derzeit konsumieren circa 9,5 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 18 und 64 Jahren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form – rund 1,3 Millionen gelten als alkoholabhängig. Jedes Jahr sterben bis zu 74.000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums direkt durch Alkoholmissbrauch oder indirekt, etwa durch alkoholbedingte Unfälle und Krankheiten. Hinzu kommen neue Substanzen wie Crystal Meth und Verhaltenssüchte und Abhängigkeiten wie eine suchtgetriebene Internet- und Onlinenutzung.

Professor Falk Kiefer – Präsident des Deutschen Suchtkongresses 2016

esanum sprach mit Prof. Dr. Falk Kiefer, Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und Lehrstuhlinhaber für Suchtforschung der Universität Heidelberg. Kiefer ist Präsident des 9. Deutschen  Suchtkongresses, der vom 5. bis 7. September in Berlin stattfindet.

esanum: Professor Kiefer, wir leben in einer Suchtgesellschaft. Manche sagen sogar, man kann von allem süchtig werden. Kämpfen da Mediziner und Psychologen eigentlich gegen Windmühlen?

Kiefer: Wir kämpfen gemeinsam mit weiteren therapeutischen Disziplinen. Das ist ja schon mal gut. Und ich muss widersprechen: Man kann nicht von allem süchtig werden. Es gibt Dinge, die Menschen gerne tun, auch häufig. Wenn sie sich dabei nicht massiv schaden, ist es falsch, von Sucht zu sprechen. Wenn alles eine Sucht ist, ist am Ende nichts eine Sucht. Sucht ist eine klar definierte Krankheit, die zu einem Verhalten führt, das nicht beendet werden kann, auch wenn es sehr negative Folgen hat. Klassisch sind Drogen, Alkohol, Nikotin, neuerdings auch Verhaltenssüchte – wobei hier nur gute Daten vorliegen für das Glücksspiel, sowie Internet- und Medienabhängigkeit. Alles andere hat höchstens Aspekte einer Abhängigkeit. Kaufsucht zum Beispiel gilt medizinisch-diagnostisch nicht als Sucht sondern als Impulskontrollstörung.

esanum: Wo ist die scharfe Trennlinie?

Kiefer: Sie ist durch international gültige diagnostische Kriterien klar definiert. Da spielt die Dauer der Problematik eine Rolle und dass man wegen massiver negativer Konsequenzen immer wieder sein Verhalten ändern will – es aber nicht schafft. Der Alltag dreht sich immer mehr um das Suchtmittel.

esanum: Also nicht jeder Raucher ist süchtig?

Kiefer: Die Wahrscheinlichkeit liegt ungefähr bei 80 Prozent. Aber nur diejenigen, die versuchen aufzuhören, merken es. 90 Prozent versuchen dies mindestens einmal im Jahr.

esanum: Es wird ein Anstieg von Drogen-Toten um 20 Prozent innerhalb eines Jahres gemeldet. Belegt diese Schreckenszahl ein Versagen von Therapien und Hilfsangeboten? Gibt es Anlass zur Selbstkritik?

Kiefer: Solche Zahlen sind ein wichtiger Hinweis, die Therapieangebote kritisch zu betrachten. Wir haben ein Versorgungssystem, das die Heroin-Abhängigkeit durch das Angebot einer Substitutionsbehandlung relativ gut abdeckt. Dieses Netz erreicht immerhin 50 Prozent der Opiat-Anhängigen. Neu ist aber, dass es fast gar keine rein heroinabhängigen Menschen mehr gibt. Der Konsum wird gemischt mit Speed, Crystal, Kokain, Crack und anderen, neuen Substanzen. Die Süchtigen verlieren den Überblick über den Konsum und die Qualität der Ware; das Risiko steigt, sich zu vergiften. Es kommt zu Mischintoxikationen.

esanum: Auch der Cannabis-Konsum ist ansteigend, die Einsteiger sind immer jünger. Wie erleben Sie unter diesem Aspekt die gesellschaftliche Debatte zur Freigabe von Cannabis?

Kiefer: Es ist gut, dass es eine gesellschaftliche Debatte gibt. Dabei werden unterschiedliche Interessen deutlich. Die medizinisch-wissenschaftliche Community ist sich einig, dass Cannabis in der Adoleszenz fatale Effekte auf die Hirnreifung hat. Dazu gehören kognitive Störungen und amotivationale Syndrome, sowie eine höhere Inzidenz schizophrener Erkrankungen. Aus der Erfahrung, wie schwierig es ist, diese Störungen zu behandeln, sind Mediziner in der Regel der Meinung, dass Cannabis nicht leicht verfügbar sein sollte.

Einig ist sich die Wissenschaft aber auch, dass die schädlichen Effekte von Cannabis bei Erwachsenen nicht höher sind als die von Alkohol. Auf der anderen Seite stehen Staatsanwälte, die überbeschäftigt sind mit Verfahren wegen geringfügiger Mengen mitgeführten Cannabis für den Eigengebrauch. Das ist eine Fehlallokation von Ressourcen der Polizei und Justiz. Drittens gibt es die zwei bis drei Prozent der Erwachsenen, die mit gewisser Regelmäßigkeit Cannabis konsumieren und aus der Illegalität herauswollen.

Diese Risiken und Probleme sind am Ende gesamtgesellschaftlich abzuwägen. Wir wissen schließlich, dass Umfang der Verfügbarkeit und der Gebrauch Hand in Hand gehen. Handeln wir uns mit einer wie auch immer gearteten Liberalisierung von Cannabis also ein zusätzliches Problem ein? Wohl wissend, dass wir mit Alkohol schon ein großes Problem haben: nämlich 1,6 Millionen Erkrankte in Deutschland, viel menschliches Leid und über 20 Milliarden volkswirtschaftliche Folgekosten im Jahr? Es gibt bislang keine goldene Lösung. Auf unserem Kongress werden wir einen Plenarvortrag von Frau Dr. Eva Hoch aus München haben, die vom Bundesgesundheitsministerium den Auftrag für ein Gutachten hat zum Thema Risiken und medizinischer Nutzen von Cannabis.

esanum: Wann wird es in der Alkohol-Therapie einen Ausgleich geben zwischen den kontroversen Ansätzen: kontrolliertes Trinken einerseits und totale Abstinenz andererseits?

Kiefer: Eine Annäherung geschieht bereits. Die unterschiedlichen Perspektiven haben mit dem Schweregrad der Erkrankung zu tun. Wenn man in einer Klinik oder in der Rehabilitationseinrichtung arbeitet, hat man es meist mit langjährig schwer Anhängigen zu tun. Dort setzt man zu Recht auf das Abstinenzkonzept. Denn die Erfahrung lehrt, dass es ab einer gewissen Dauer und Schwere der Erkrankung immer unwahrscheinlicher wird, zu einem reduzierten Konsum zurück zu kommen. Allerdings wird man ja nicht von heute auf morgen alkoholabhängig. Das ist ein langsamer Prozess, der sich über Jahre und Jahrzehnte hinzieht. Und natürlich wollen wir Patienten nicht erst behandeln, wenn sie schwer erkrankt sind. Es gibt gute Daten, die zeigen, in frühen Stadien können Patienten mit therapeutischer Begleitung eine Trinkmengenreduktion erreichen. Der Konsum sinkt, er wird weniger gesundheits- und sozialgefährdend. Die Haltung, entweder der Patient ist abstinenzbereit oder wir tun nichts für ihn, ist von vorgestern, wenn es Sie unter Experten überhaupt je gab.

esanum: Neben Substanzen sind auch andere Abhängigkeiten wie Internetsucht und Sportwetten-Sucht auf dem Vormarsch. Was tun Sie?

Kiefer: Wir haben auf dem Kongress verschiedene Symposien zu Gambling and Gaming, Internet- und Mediensucht. Das alles ist in der Diskussion. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass diese Störungsbilder die wesentlichen Charakteristika einer Abhängigkeit zeigen. Es wird bereits deutlich, dass die therapeutischen Ansätze der Suchtherapie – nämlich motivationale und verhaltenstherapeutische – auch bei diesen Abhängigkeiten gut funktionieren. Sie sind in suchtmedizinischen Einrichtungen gut aufgehoben. Das ist ein Argument dafür, dass wir die Suchttherapie für diese Störungsbilder öffnen sollten.

esanum: Große Sorgen macht Crystal Meth mit einem schnellen Anstieg um sieben Prozent. Wie gerüstet sind wir für den Umgang mit diesen Drogenkranken? Werden sie schnell erkannt, schnell behandelt?

Kiefer: Nein, da müssen wir noch viel Aufklärungsarbeit leisten. Gerade bei Crystal geistern noch die amerikanischen Polizeifotos herum, die sehr stark beeinträchtigte Personen zeigen. Aber es gibt gute Daten, die zeigen, dass vermehrt sozial gut integrierte und berufstätige Menschen Crystal einsetzen, um ihr Aktivitäts- und Leistungsniveau zu steigern. Sie rutschen dann langsam und unbemerkt in die Abhängigkeit hinein.

E-Zigarette führt könnte Jugendliche an das Rauchen heranführen

esanum: Tabak ist immer noch der am weitesten verbreitete Suchtstoff – und völlig legal. Ist die E-Zigarette eine echte Chance zur Raucherentwöhnung?

Kiefer: Nein, ich sehe sie eher als Risiko und befürchte, dass Jugendliche über Shishas und E-Zigaretten an das Dampfen herangeführt werden. Erst ohne Nikotin mit süßen Aromen, dann mit. Es ist naheliegend, dass die Tabakindustrie auf diesem Weg versucht, ihre massiven Einbrüche beim Zigarettenumsatz auszugleichen. Wer Nikotinentwöhnung machen will, bekommt ganz gute medizinisch zugelassene Substanzen – Kaugummi, Pflaster und so weiter. E-Zigaretten dagegen sind kein Medizinprodukt. Was wirklich drin ist, weiß man nicht. Und natürlich hat der Produzent das Ziel, dass möglichst viel konsumiert wird. Wenn jemand abhängig wird, ist der Absatz auf Jahre gesichert. Darum muss das Dampfen meiner Meinung nach regulatorisch genauso behandelt werden wie das Rauchen. Sonst gibt es eine Marktverlagerung von der Zigarette auf die E-Zigarette.

esanum: Ein Highlight des Kongresses ist der Vortrag des Autors von “Hitler on Drugs” – warum interessiert uns der Drogenkonsum des Diktators?

Kiefer: Es geht nicht nur um Hitler. Es geht auch um die Gegenwart. Der Gebrauch von Amphetaminen und anderen Drogen spielt in militärischen Auseinandersetzungen immer eine Rolle. Viele Veteranen kommen aus Kriegen mit Abhängigkeiten zurück. Das ist ein Anlass, sich mit den im Krieg von Aggressoren erwünschten Effekten von Amphetaminen auseinander zu setzen: erhöhte Wachheit, vermindertes Schlafbedürfnis, höhere Aggressivität und geringere soziale Hemmung.

esanum: Was kann der Kongress bewirken? Welche Anregung oder Botschaft soll von ihm ausgehen?

Wir brauchen einen pragmatischen Umgang mit Suchterkrankungen, so dass Ärzte, Therapeuten, Medien und die Gesellschaft genauso sachlich und offen an eine Suchterkrankung herangehen wie an Diabetes oder hohen Blutdruck. Wir müssen raus aus dem Irrglauben, dass Sucht eine Willensschwäche mit kontinuierlichem Abstieg und lebenslangen Konsequenzen ist. Nichts rechtfertigt das Ausmaß des Stigmas, wenn man sich klarmacht, wie verbreitet Sucht in der Mitte der Gesellschaft ist. Wenn etwa fünf Prozent der erwachsenen Männer alkoholabhängig sind, finden sie sich in allen gesellschaftlichen Schichten, allen Berufsgruppen.

Sie haben eine verkürzte Lebenserwartung, geminderte Lebensqualität, bleiben unterhalb ihres Leistungsniveaus und sind oft sozial stark beeinträchtigt. Und doch kommen 90 Prozent von ihnen in keine alkoholspezifische Behandlung hinein. Bei einer anderen psychischen Erkrankung, der Depression, haben wir in den letzten Jahren gesehen, dass sich Menschen unter der anderen Blickweise, Burnout, also nicht generelle Schwäche, sondern Überlastung, für ihr Problem öffnen konnten. Es war auf einmal keine vermeintliche Loser-Diagnose mehr. Man kann sein Problem zugeben und eine Behandlung angehen. Bei Süchten ist es aktuell noch schwerer, sich zu outen.

Wir wollen, dass sich das Wissen verbreitet, dass es Wege aus der Sucht gibt. Sucht ist eine Erkrankung, die episodisch auftreten kann, es gibt viele Spontanremissionen oder einfache Interventionen, die helfen. Das Ignorieren von Suchtproblemen und das Vermeiden, diese anzusprechen, stehen einer effektiven Versorgung zuvorderst im Weg. Menschen können motiviert werden, ihren Konsum kritisch infrage zu stellen und sich Hilfe zu holen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Und auch dann gibt es gute und erfolgreiche Therapien.


Das Gespräch führte Vera Sandberg.

Vera Sandberg#Vera Sandberg

Vera Sandberg, geboren 1952 in Berlin, absolvierte ihr Journalistik-Studium in Leipzig und war 12 Jahre lang Redakteurin einer Tageszeitung in Ost-Berlin. Im Juni 1989 wurde ihr die Ausreise bewilligt, seit 1990 ist sie Autorin für verschiedene Publikationen, Journalistin für medizinische Themen und hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt “Krebs. Und alles ist anders”. Vera Sandberg ist Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern und lebt seit 2000 bei Berlin.