“Kein unter 70jähriger muss heute an Herzinsuffizienz sterben”

Priv.-Doz. Dr. Evgenij Potapov ist einer der weltweit erfahrensten Herzchirurgen, was die Implantation künstlicher Kreislaufunterstützungs-systeme angeht. Zusammen mit seinem Kollegen Prof. Dr. Tho

Priv.-Doz. Dr. Evgenij Potapov ist einer der weltweit erfahrensten Herzchirurgen, was die Implantation künstlicher Kreislaufunterstützungs-systeme angeht. Zusammen mit seinem Kollegen Prof. Dr. Thomas Krabatsch hat er am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) in den letzten 10 Jahren über tausend dieser lebensrettenden Operationen durchgeführt. esanum fragte ihn zum Stand und zu den Ausblicken auf seinem Fachgebiet.

esanum: Wie viele Kunstherzen haben Sie am DHZB bereits eingesetzt?

PD Dr. med. Evgenij Potapov

PD Dr. med. Evgenij Potapov Facharzt der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie – Deutsches Herzzentrum Berlin

Dr. Potapov: In unserem Haus wurden solche Systeme seit 1987 über 2500 mal eingesetzt. In den letzten Jahren implantieren wir ungefähr 200 Systeme im Jahr,  Tendenz steigend. Die meisten Patienten werden mit einem Langzeitsystem versorgt. Obwohl diese Technik ursprünglich nur für die Wartezeit bis zur Implantation eines Spenderherzens gedacht war, werden solche Systeme zunehmend auch als sogenannte “Destination Therapy”, also als dauerhafte Lösung implantiert.

esanum: Was leisten diese Systeme?

Dr. Potapov: Man muss hier unterscheiden. Echte Kunstherzen, die ein lebendes Organ vollständig ersetzen, werden sehr selten implantiert, in Deutschland etwa 14 mal im Jahr 2014. Diese Technik ist 40 Jahre alt und noch wenig ausgefeilt. Es ist aber auch ziemlich selten der Fall, dass ein Herz so schwer geschädigt ist, dass es komplett entnommen und durch ein künstliches Organ ersetzt werden muss. Was wir aber mit wachsendem Erfolg machen, ist der Einsatz von mechanischen Kreislaufunterstützungssystemen, die wir kurz VAD, „Ventricular Assist Devices“ nennen. Dabei bleibt das erkrankte Organ im Körper des Patienten, die Pumpfunktion wird aber durch eine künstliche Pumpe unterstützt oder ersetzt. Wir implantieren die meisten VAD direkt an der linken Herzkammer, aber auch bei der rechten oder beiden Kammern ist dies möglich.  Die Systeme können bis zu 10 Liter Blut pro Minute befördern, also die Leistung des Herzens komplett ersetzen. Die Patienten können damit häufig ein weitgehend normales Leben führen, wieder arbeiten oder sogar Sport treiben. Ein Beispiel: Gerade komme ich von einer Operation bei einem Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz, die durch einen Aortenklappenfehler verursacht war. Wir haben den Fehler zunächst mit einem minimalinvasiven Verfahren (TAVI) in lokaler Anästhesie behoben. Leider hat sich das Herz dadurch aber nicht ausreichend erholt. Heute, zwei Wochen später, bekam der Patient sein Kunstherz. Auch das wurde minimalinvasiv eingesetzt.

esanum: Wie lange hat die OP gedauert?

Dr. Potapov: Das dauert zwei bis drei Stunden.

esanum: Allein durch die große Zahl gelten Sie und Ihr Kollege Thomas Krabatsch als die weltweit erfahrensten Kunstherz-Spezialisten. Wie kam es dazu?

Dr. Potapov: Meistens operieren wir beide parallel, das geht schneller, oder wir assistieren uns gegenseitig und diskutieren die Vorgehensweise bei jedem Fall. Ich selbst mache das seit 2007, seit ich Facharzt geworden bin. Das Thema beschäftigt mich aber schon seit 1997. Der Anfang war eher ein Zufall. Ich hatte gerade ganz stolz meine Promotion erhalten, da kam ein sehr netter Kollege auf mich zu und fragte, ob ich wissenschaftlich tätig werden möchte. Ich dachte, warum nicht? So hat sich der Job aufgetan, es ging zunächst um Kunstherzen bei Kindern. Es war neu, es war sehr interessant. Jetzt machen wir tatsächlich weltweit die meisten “Pumpen”-Operationen.

esanum: Während die Bereitschaft zur Organspende sinkt, steigt die Zahl der Schwerkranken, die auf ein lebenswichtiges Organ warten. Ist das Kunstherz der Königsweg heraus aus diesem tödlichen Dilemma?

Dr. Potapov: Das ist unser Ziel. Bei Eurotransplant stehen über 1000 Patienten auf der Warteliste, nur etwa 600 Herzen werden pro Jahr transplantiert. Der Rest wartet also vergeblich. Insgesamt ist es so, dass die Komplikationsrate bei künstlichen Kreislaufpumpen  derzeit noch höher ist als bei Herztransplantationen. Doch durch immer bessere Technik werden diese Systeme der Herztransplantation eines Tages gleichwertig sein.

esanum: Sind sie da optimistisch?

Dr. Potapov: Ja, das werde ich noch erleben.

esanum: Was sind derzeit noch technische Hemmnisse oder Störfaktoren?

Dr. Potapov: Die häufigsten Komplikationen werden derzeit noch vom Kabel verursacht, das die Pumpe im Körperinneren mit dem Akku und der Steuereinheit außerhalb des Körpers verbindet. Bei aller Sorgfalt in der Herstellung und bei der Implantation kann es zu Defekten an diesem Kabel kommen, außerdem können sich Infektionen an dieser Leitung ausbreiten, was bei etwa 10 Prozent der Patienten vorkommt. Eine wichtige Innovation werden also Systeme sein, die die Energie drahtlos von der Batterie auf die Pumpe übertragen können.

esanum: Wann wird es soweit sein?

Dr. Potapov: Die Technologie existiert bereits. Aber die Hersteller zögern noch, das System auf den Markt zu bringen. Denn die elektronische Steuerung befindet sich – im Gegensatz zu den bisherigen Typen – im Körperinneren. Zwar sind Probleme bei der Steuerung schon heute extrem selten. Dennoch trägt der Patient immer ein Ersatzgerät bei sich, das er im Notfall sehr schnell selbst auswechseln kann.  Wenn die Steuerung aber im Körper sitzt, sind technische Probleme eben lebensbedrohlich. Die Elektronik muss also absolut zuverlässig arbeiten.

esanum: Wie hoch ist die Erfolgsrate bei Ihren Operationen?

Dr. Potapov: Die OP selbst überleben 98 Prozent. Die Zahl der lebenden Patienten nach einem Jahr liegt bei etwa 75 Prozent. Diese Zahl ist allerdings  erklärungsbedürftig. Denn man muss dazu wissen, dass wir im Deutschen Herzzentrum Berlin häufig sehr schwere Fälle behandeln, die von anderen Kliniken erst zu uns überwiesen werden, wenn es dort keine Therapiemöglichkeit mehr gibt. Die Zahl dieser Überweisungen wächst ständig. Und die Zahl jener, die schwer krank und bereits reanimiert zu uns kommen, hat sich innerhalb kurzer Zeit sogar verdoppelt. Für uns ein Gradmesser, wie sehr unserem Können vertraut wird. Dennoch: Wir arbeiten jeden Tag hart daran, noch besser zu werden.

esanum: Wie lange kann ich mit einem VAD überhaupt leben?

Dr. Potapov: 50 Prozent der Patienten leben noch zehn Jahre. Einige auch wesentlich länger. Und natürlich verbessert sich die Langzeitprognose kontinuierlich. Die modernen Pumpen, die uni- oder biventrukulär eingesetzt werden, haben keinen Verschleiß. Sie können eigentlich ewig funktionieren.

esanum:  Wohin geht die Reise? Was ist das nächste Ziel in der Kunstherz-Chirurgie?

Dr. Potapov: Wie mein Kollege Thomas Krabatsch sagt: Es sollte eigentlich kein Mensch unter 70 mehr an Herzinsuffizienz versterben. Weil wir mit diesen Systemen die  Herzinsuffizienz behandeln können. Sie ist bei uns in Mitteleuropa immerhin die Todesursache Nummer 1. Langfristig ist es – wie schon angesprochen – unser Ziel, mechanische Kreislaufunterstützungssysteme zu einer echten Alternative zu Herztransplantationen zu machen. Ein VAD muss genauso gut werden ein echtes Herz.

esanum: Kunstherzen sind nicht limitiert wie Spenderherzen – ein großer Vorteil. Sie können es also jedem geben, der es braucht?

Dr. Potapov: Wir operieren jeden Patienten, bei dem es medizinisch machbar ist. Denn zu sagen, “das lohnt sich nicht”, steht uns nicht zu. Ich bin ein Diener, ich wurde teuer ausgebildet, mein Ziel ist, Menschenleben zu retten – so viele wie möglich. Selbstverständlich muss es dem Wunsch des Patienten oder seiner Angehörigen entsprechen und wir klären persönlich und umfassend über Vorteile und Risiken auf. Und natürlich kennen wir auch unsere Grenzen. Aber es gibt immer wieder Menschen, die gerettet wurden, obwohl ihre Überlebenschance gering schien. Ich denke an eine Mutter von drei Kindern, die von ihrer Tochter leblos in der Wohnung gefunden wurde. Die Frau konnte reanimiert werden, doch ihr Zustand in der Klinik war schlecht. Schließlich kam sie zu uns. Heute lebt sie – dank eines mechanischen Unterstützungssystems.


Das Gespräch führte Vera Sandberg.

Vera Sandberg#Vera SandbergVera Sandberg, geboren 1952 in Berlin, absolvierte ihr Journalistik-Studium in Leipzig und war 12 Jahre lang Redakteurin einer Tageszeitung in Ost-Berlin. Im Juni 1989 wurde ihr die Ausreise bewilligt, seit 1990 ist sie Autorin für verschiedene Publikationen, Journalistin für medizinische Themen und hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt “Krebs. Und alles ist anders”. Vera Sandberg ist Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern und lebt seit 2000 bei Berlin.

Foto: Peshkova / Shutterstock.com

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