Ärzte bieten Fahrtauglichkeitstests für Senioren an

Sind Senioren mit Führerschein eine Gefahr im Straßenverkehr? In Bielefeld haben Ärzte einen Fahrtauglichkeitstest für Ältere entwickelt. Doch längst nicht alle Experten finden das sinnvoll. Frau B

Sind Senioren mit Führerschein eine Gefahr im Straßenverkehr? In Bielefeld haben Ärzte einen Fahrtauglichkeitstest für Ältere entwickelt. Doch längst nicht alle Experten finden das sinnvoll.

Frau B. ist angespannt. Immer wieder sieht die 75-Jährige zur Tür. Ihr Lebensgefährte nimmt ihre Hand, streichelt sie beruhigend. Im Wartezimmer der psychiatrischen Ambulanz des Evangelischen Krankenhauses in Bielefeld warten sie darauf, zur sogenannten Gedächtnissprechstunde aufgerufen zu werden. Dort könnte die leidenschaftliche Autofahrerin erfahren, dass sie ihren Führerschein möglicherweise bald abgeben sollte. Doch solche Tests sind alles andere als unumstritten.

Als ihr Name fällt, atmet Frau B. noch einmal durch. Dann geht sie ins Behandlungszimmer von Oberarzt Stefan Spannhorst. Spannhorst leitet die Abteilung für Gerontopsychiatrie. Sein fünfköpfiges Team untersucht Menschen auf Demenz oder Alzheimer. Seit 2012 überprüfen sie dabei auch gezielt die Fahrtauglichkeit ihrer meist älteren Patienten. “Wir haben eine spezielle Methode entwickelt, bei der wir unter anderem anhand eines Fragebogens herausfinden wollen, ob Menschen im Straßenverkehr für andere ein erhöhtes Risiko darstellen”, sagt Spannhorst.

Mit diesem Bogen sitzt der Arzt jetzt vor Frau B. und stellt einfühlsam seine Fragen: “Haben Ihnen Mitfahrer mal gesagt, dass sie sich bei Ihnen unsicher fühlen?” – “Nein, noch nie.” – “Fühlen sie sich selbst manchmal unsicher im Straßenverkehr?”, fragt Spannhorst weiter. “Naja, in die Innenstadt fahre ich nicht mehr. Das ist mir zu hektisch”, antwortet B. Der Arzt macht ein Kreuzchen auf dem Fragebogen. Später wird er erläutern, dass solche Vermeidungsstrategien bereits auf ein “mittleres Risiko” hinweisen können.

Fahren im Alter ist ein sensibles Thema – auch zwischen Ärzten und ihren Patienten. “Gerade in Deutschland ist Autofahren auch Statussymbol”, sagt Spannhorst. Diese Fahrfähigkeit infrage zu stellen, bedeute für ältere Menschen oft einen Eingriff in die persönliche Freiheit. Zwingen könnten die Ärzte die Betroffenen nicht, das Auto stehen zu lassen. Bislang seien die meisten aber einsichtig gewesen. “In jedem Fall lassen wir die Menschen mit dem Ergebnis nicht allein”, verspricht der Arzt.

Einen verpflichtenden Führerschein-Check speziell für ältere Menschen gibt es nicht in Deutschland. Im NRW-Verkehrsministerium lehnt man diese Idee ab, weil sonst einzelne Altersgruppen stigmatisiert würden.

Ein älterer Verkehrsteilnehmer kann deshalb nur aufgrund konkreten Fehlverhaltens im Straßenverkehr seinen Führerschein verlieren – so wie alle anderen auch. Zwar gibt es TÜV-Gesellschaften und Fahrschulen, die ebenfalls spezielle Tests für Senioren anbieten. Überall sind diese aber freiwillig.

Den Nutzen dieser freiwilligen Tests sieht Horst Ziegler vom TÜV Hessen kritisch: “Die Nachfrage danach ist bei uns sehr gering.” In anderen europäischen Ländern gebe es deshalb längst verpflichtende Fahrtests für Senioren. Dieses Verfahren hält er allerdings für zu aufwendig: “Denkbar und sinnvoll wären aber zum Beispiel verpflichtende Seh- und Beweglichkeitstests für ältere Verkehrsteilnehmer.”

In die Bielefelder psychologische Ambulanz kommen die Patienten meist mit einer Überweisung vom Hausarzt. So wie Frau B. In vier Sitzungen untersuchen die Ärzte sie nun auf Demenz, Alzheimer und eben auf Fahrtauglichkeit. Jedes Jahr kommen bis zu 90 Menschen zu ihnen. Bei rund 40 Prozent davon stellen sie am Ende eine unzureichende Fahrtauglichkeit fest. Gehört Frau B. dazu?

Stefan Spannhorst ist zuversichtlich: “Ihre Sehstärke ist immer noch ausreichend und der Schulterblick funktioniert auch. Das sieht alles gut aus bei Ihnen.” Die Bielefelderin wirkt beruhigt. “Meine Nachbarn sind alle schon auf den Bus umgestiegen. Aber ich fahre einfach wahnsinnig gerne Auto”, erzählt sie. Nach so viel Aufregung sitzt die 75-Jährige heute aber lieber auf dem Beifahrersitz: “Nach Hause lasse ich mich jetzt von meinem Lebensgefährten fahren.”

Text und Foto: dpa /fw

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