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Forscher fordern besseres Bewusstsein für den Schlaf

Wer von Hamburg bis Rom mit dem Auto durchfährt oder nachts um drei das größte Stehvermögen hat, gilt als tüchtig. Dabei ist Schlafmangel riskant. Experten haben ihn längst als Volkskrankheit ausgemacht.

Wer von Hamburg bis Rom mit dem Auto durchfährt oder nachts um drei das größte Stehvermögen hat, gilt als tüchtig. Dabei ist Schlafmangel riskant. Experten haben ihn längst als Volkskrankheit ausgemacht.

Ärzte und Wissenschaftler haben mehr Bewusstsein in der Gesellschaft für das menschliche Grundbedürfnis nach Schlaf und bessere Behandlungsmethoden bei Schlafstörungen gefordert. “Das Problem wird in Deutschland sträflich unterschätzt”, sagte Hans-Günter Weeß, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) der Deutschen Presse-Agentur. “Wir sind eigentlich eine schlaflose Gesellschaft.”

Bis Samstag diskutieren auf der DGSM-Jahrestagung in Dresden rund 2000 Experten über Schlafstörungen, ihre Ursachen und Folgen sowie Therapien. Laut DGSM wird die Bedeutung eines erholsamen Schlafes unterschätzt. Sechs Prozent oder 4,8 Millionen Menschen in Deutschland hätten behandlungsbedürftige Ein- und Durchschlafstörungen. “Das ist eine Volkskrankheit”, sagte Weeß. Der Psychologe leitet das Interdisziplinäre Schlafzentrum des Pfalzklinikums Klingenmünster (Rheinland-Pfalz).

Fachleute sprächen angesichts des bestehenden chronischen Schlafdefizits von “sozialem Jetlag”, erläuterte Weeß. Auch 18 Prozent der Spitzenkräfte in der Wirtschaft und ein Drittel der Spitzenpolitiker hätten weniger als fünf Stunden Schlaf täglich. “Wir ticken falsch”, sagte der Psychologe. “Wenig Schlaf wird mit Fleiß und Tüchtigkeit assoziiert.”

Übermüdet aber könnten keine klaren Entscheidungen gefasst werden. “Da will jeder nur noch eines: ins Bett”, sagte Weeß. Auch die Folgen von Schlafmangel – ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf- oder Stoffwechselerkrankungen, schläfrigkeitsbedingte Unfälle und psychische Störungen – sind Thema des Dresdner Kongresses. Viele Menschen könnten nicht gut abschalten, seien noch im Bett gedanklich und emotional bei den Alltagsproblemen. “Anspannung ist der Feind des Schlafes.”

Dabei sei Schlaf eine elementare Lebensfunktion wie Essen oder Trinken, mit entsprechendem Gewicht im Leben. Laut Weeß summieren sich täglich sechs Stunden Schlaf bis zu einem Alter von 75 Jahren auf 19 Jahre, bei acht Stunden auf 26 Jahre. “Wer zu wenig schläft, fühlt sich chronisch übermüdet und nicht leistungsfähig.” Übermüdung sei weitaus häufiger als Alkohol am Steuer Ursache von Verkehrsunfällen. Nicht nur das werde ignoriert.

Auch im Gesundheitssystem sieht die DGSM Defizite. “Schlafstörungen werden nur mit Schlafmitteln bekämpft, die Ursachen aber nicht beseitigt”, sagte Weeß. So seien bundesweit 1,1 bis 1,9 Millionen Menschen abhängig von Schlaftabletten. Wirksame Verhaltenstherapien und adäquate Behandlungsangebote würden von den Krankenkassen ignoriert, Patienten müssten bis zu einem Jahr auf einen Termin im Schlaflabor warten.

“Es braucht einen Bewusstseinswandel, die Gesellschaft muss wacher gemacht werden”, mahnte Weeß. Es gelte deutlich zu machen, wie wichtig Schlaf für die Gesundheit und das seelische Wohlbefinden ist. “Entscheidend ist nicht die Menge an Schlaf, sondern wie wir uns fühlen”, sagte Weeß. Stattdessen unterbreche oftmals der Wecker das individuelle Schlafprogramm. “Dabei würde niemand auf die Idee kommen, den Geschirrspüler vorzeitig zu beenden, da wäre das Geschirr ja noch schmutzig.”