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Ganzjähriges Asthma bronchiale – auf der Suche nach einer Allergenquelle

Wenn sich bei ganzjährigem Asthma bronchiale aus dem Kreis der üblichen Verdächtigen wie Wellensittich oder Wüstenspringmaus kein Verursacher identifizieren lässt, aber etwaige Aquarienbewohner unschuldig ihre Runden drehen, dann könnte ein Blick in die Futterdosen dieser treuherzigen Mitbewohner das Rätsel lösen. Der Autor prägte hierfür den Begriff Aquarium-Allergie.

Anamnese

Der 27-jährige Patient (A.P.) erkrankte etwa sechs Monate vor seiner ersten Vorstellung auf der Allergie­station des Universitätsspitals Zürich an einem nächtlichen Asthma bronchiale, das sich bald über den ganzen Tag, auch am Wochenende, erstreckte. Weitere Symptome, wie Rhinitis oder Konjunktivitis traten nicht auf. Die Abklärung auf der Allergiestation erfolgte, nachdem der Hausarzt, der den Patienten symptomatisch mit Asthmamitteln behandelte, ein erhöhtes Gesamt-Serum-IgE von 1000 E/ml feststellte.

Anamnestisch kamen zunächst als mögliche auslösende Faktoren die Haustiere, eine Wüstenspringmaus und ein Wellensittich sowie berufliche Lösungsmittel-Exposition in Frage. Gegen die Letzgenannte sprach aber die Tatsache, dass der Patient am Wochenende nicht beschwerdefrei war.

Die Hauttestung ergab negative Sofort-Reak­tionen im Pricktest auf Pollen sowie auch im Intrakutantest negative Ergebnisse auf Hausstaubmilben, Tierepithelien und Schimmelpilze. Deutlich positive Sofortreaktion ergaben sich auf Hausstaub-Extrakt (heute ist diese Testung obsolet), Hausinsekten­mischung, Ziervogelfedern und Seide, nicht jedoch auf Wildseide (über die Wildseidenallergie haben wir in DERMATOLOGIE PRAXIS 2017 Vol. 27, Nr. 2, S. 26–30 berichtet).

Aufgrund der allergologischen Testung wurden dem Patienten die Entfernung des Wellensittichs und der Springmaus samt Käfig und eine gründliche Staubsanierung empfohlen, eine Seiden-Decke besass er mit Sicherheit nicht.

Bei der Nachkontrolle einen Monat später gab der Patient an, die Haustiere entfernt zu haben, eine Besserung war aber nicht eingetreten. Eine Scratch-­Testung mit den eigenen Staubproben fielen negativ aus.

Eine weitere Befragung ergab, dass der Patient seit einiger Zeit ein Aquarium besass. Die Fische wurden nicht als Haustiere betrachtet und waren bei der Erstkonsultation nicht angegeben worden. Fast täglich wurden tiefgefrorene rote Mückenlarven verfüttert.

Ergänzende allergologische Abklärung

Der anschliessend mit den gefrorenen roten Mückenlarven (Abb. 1) modifizierte Pricktest ergab eine starke Sofortreaktion, spezifische IgE (Phadebas-RAST) auf rote Mückenlarve (Chironomus thummi) (i73) waren bei einem Gesamt-Serum-IgE von 859 E/ml Klasse 3 stark positiv.

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Diagnose

Asthma bronchiale allergicum bei Sensibilisierung auf rote Mückenlarven.

Kommentar

Über Sensibilisierungen auf rote Mückenlarven (Zuckmücken), Chironomus thummi, die zu respiratorischen, konjunktivalen und kutanen Symptomen führen können, hatten wir 1983 mit Jörg Knüsel be­richtet [1]. Chironomiden sind nicht stechende Mücken, allergene Verwandtschaft unter den einzelnen Spezies konnte nachgewiesen werden.

Bereits 1980 gelang es, eine Polypeptid-Sequenz im Hämo­globin der roten Mückenlarven als potentes Allergen zu eruieren (Chi t1) [2]. In der Aquaristik werden sowohl lebende, tiefgefrorene als getrocknete, pulverisierte rote Mückenlarven angeboten, viele Fischfutter enthalten ebenso als Bestandteil Chiriniomiden.

Verlauf

Der Patient wurde mit der Empfehlung entlassen, kein chirinomiden-haltiges Fischfutter (auch in Trockenform) mehr zu verwenden.

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Ein Vierteljahr später erschien der Patient wieder, da trotz vermeintlicher Allergenkarenz keine Besserung der asthmatischen Beschwerden eingetreten war. Es wurden nun Hautteste mit den weiter verwendeten Fischfuttern durchgeführt; es traten starke Sofortreaktionen auf Daphnien (Abb. 2), Krill (Abb. 3) und Mysis (alle Kleinkrebse) sowie schwarze Stechmückenlarven (Culex) (Abb. 4) und drei verschiedener Trockenfutter auf.

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Intrakutanteste mit Krevette- und Langusten-Extrakt waren ebenfalls deutlich positiv. Die RAST-Bestimmung auf Garnele (Krevette) und Krabbe ­fielen mit Klasse 4 hochgradig positiv aus. Der ­Patient berichtete, dass er zuletzt vor drei Jahren Krevetten gegessen hatte, anschliessend sei es zu Nausea und Schwindel gekommen. Bisher hatte er angenommen, es habe sich um verdorbene Lebensmittel gehandelt. Rückblickend scheint jedoch eher ein allergisches Geschehen vorgelegen zu haben.

Dem Patienten wurde nun geraten, das Aquarium zu eliminieren und auf die Einnahme von Krusten­tieren strikt zu verzichten.

Bereits zwei Nächte später konnte der Patient erstmals durchschlafen, nach einigen Wochen trat völlige Beschwerdefreiheit ein.

Endgültige Diagnose

Fischfutterallergie

Wie mehrere Publikationen auf diesem Gebiet zeigen [1–3], stellt Fischfutter in der Aquaristik eine bedeutsame Allergenquelle dar. Der feine Pulverstaub der Trockenpulver ist meistens für die inhalativen Sensibilisierungen verantwortlich.

Trockenfutter kommt in verschiedenen Darreichungsformen auf den Markt, vor allem entweder als lyophilisierte Spezies (teilweise gemahlen) oder aber gepresst und mit anderen tierischen und pflanzlichen Zusätzen vermischt in Form von Flocken oder Tabletten. Die Gefahr der Sensibilisierung besteht vor allem beim Zerreiben der Flocken oder Tabletten mit den Fingern und Einatmen des Staubes.

Aber auch lebende oder tiefgefrorene Lebewesen, wie im Handel angeboten, können Allergien auslösen, z.B. auch beim Eintauchen des Armes in das Aquarium. Hauptallergene sind meist im Wasser lebende Kleinlebewesen niederer Tiergattungen, wie Mückenlarven, Kleinkrebse sowie verschiedene Würmer, daneben aber auch gemahlene grössere Krebse und Pflanzen.

Das wichtigste und auch am besten erforschte Allergen ist die rote Mückenlarve (Chiro­nomus thummi thummi), aber auch Allergien durch getrocknete Daphnien (Süsswasserflöhe, d.h. Kleinkrebse) sind – wie in der dargestelltem Kasuistik – in der Literatur beschrieben. Verfüttert werden, nebst Mückenlarven und Wasserflöhen (Daphnien),auch Krill (Euphausia superba), ein kleiner Krebs, der in gewaltigen Schwärmen in den Gewässern der Antarktis lebt, der Kiemenfusskrebs (oder Salinenkrebschen) Artemia salina – hier werden die im Handel erhältlichen Eier mit Wasser angesetzt und die frisch geschlüpften Larven verfüttert –, Ruderfusskrebse (Cyclops), Schlamm- oder Bachröhren­würmer, besser bekannt unter der Bezeichnung Tubifex, Kleine Fruchtfliege (Drosophila melanogaster), Grosse Fruchtfliege (Drosophila hydei), Essigälchen (ein kleines Würmchen aus der Nematoden-Familie), Pantoffeltierchen (die Einzeller Paramecien), Mexikanischer Flohkrebs (Hyalella azteca), Bachflohkrebse (Gammarus pulex), Enchyträen, wie Enchytraeus albidus, weisse Mikrowürmchen, und Grindalwürmchen (Enchytraeus buchholzi), also eine Vielfalt von möglichen Allergenquellen. Deshalb hat sich der von uns geprägte Begriff der "Aquarium-Allergie" durchgesetzt.

Diagnostisch ist von Bedeutung, dass man überhaupt an eine "Aquarium"-Allergie denkt. Der Allergologe wird unter erhöhter Vorsicht Prick- oder Scratch-Test mit Fischfutterbestandteilen durchführen (cave: Anaphylaxie bei der Testung hochgradig Sensibilisierter!).

Kommerziell erhältlich sind IgE-Bestimmungen (RAST CAP, Phadia) auf rote Mückenlarve (Chironomus Thummi) (i73), Fischfutter Artemisia salina (o202), Fischfutter Daphnia (o207) und Fischfutter TetraMin (o203), nach dem Hersteller handelt es sich um eine sorgfältig ausgewählte Mischung aus hochwertigen und funktionalen Nährstoffen mit Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen für eine vollwertige, tägliche Ernährung(Abb. 5). Eine IgE-Bestimmung auf Fischfutter TetraMin (o203) kann somit für den praktischen Arzt ein wertvoller Screening-Test auf "Aquarium"-Allergie bedeuten.

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Schlussfolgerung

Das besondere Interesse des oben geschilderten Falles, der in extenso von Regine Dietschi und mir 1987 publiziert wurde [3], liegt in der relevanten Sensibilisierung auf sämtliche verwendete Fischfutter, während meistens – bezüglich Fischfutter – monovalente Sensibilisierung auf Chirinomiden verfolgt wird [1].

Sehr schön wird durch diese Beobachtung auch illustriert, dass die Frage nach Haustieren im Allgemeinen unzureichend ist und gezielt bei allergologischer Abklärung bei "Indoor"-Symptomatik auch nach Aquarien nebst Grünpflanzen [4,5] oder Wildseide-Bettinhaltstoffen [6–8] geforscht werden sollte.

Lesetipps im Internet: www.alles-zur-allergologie.de zum Suchbegriff "Tierfutter"
https://de.wikipedia.org/wiki/Zierfischfutter

Danksagung: Den früheren Assistenten der Allergiestation, Frau Dr. Regine Dietsch und Dr. Jörg Knüsel, sei für die damalige Mitarbeit bei den hier zugrundeliegenden Publikationen herzlich gedankt.

Literatur:
  1. Knüsel J, Wüthrich B: "Aquarium-Allergie": Fischfutter, auch ein häusliches Allergen. Schweiz Med Wschr 1983; 113: 658–662.
  2. Baur X: Hämoglobine von Chirinomiden (Zuckmücken): bisher unbekannte, aggressive Inhalations-Antigene für den Menschen. Klin Wschr 1980; 58: 1163–1164.
  3. Dietschi R, Wüthrich B: "Aquarium"-Allergie: Asthma bronchiale durch polyvalente Sensibilisierung auf verschiedene Fischfutter-Bestandteile. Hautarzt 1987; 38: 160–1.
  4. Wüthrich B, Anliker M, Bircher A: Innenraumallergene: ­Ficus benjamina und andere grüne Hausgenossen. HAUSARZT PRAXIS 2017; 12(4): 14–19.
  5. Wüthrich B., Bircher A., Schmid-Grendelmeier P: Nächtliche Allergie-Symptome ohne ersichtliche Ursache. DERMATOLOGIE PRAXIS 2017; 27(2), 26–30.
  6. Wüthrich B, Dietschi R, Keter A, Zortea-Caflisch C: Das sogenannte "Wildseiden"-Asthma – eine noch immer aktuelle Inhalationsallergie. Schweiz Med Wochenschr 1985; 115: 1387–1393.
  7. Eng P, Wüthrich B: "Wildseide" – ein weiteres Allergen im Schlafzimmer  Schweiz Rundschau Med (PRAXIS) 1994; 83: 402–406.
  8. Wüthrich B: Nächtliche Asthma-Anfälle statt "traumhaftes und kuscheliges Schlafen". DERMATOLOGIE PRAXIS 2016; 26(6): 46–50.

Erstveröffentlichung auf medizinonline.ch