Gemeinsam die Pandemie durchstehen

Die COVID-19-Pandemie zerrt zunehmend an den Nerven. Laut einer im November 2020 veröffentlichten repräsentativen Umfrage fühlen sich vier Fünftel der deutschen Bevölkerung Corona-bedingt gestresst. Doch wie lässt sich psychologischen Folgen - besonders im Lockdown - entgegensteuern?

PatientInnen durch den Lockdown begleiten

Die COVID-19-Pandemie zerrt zunehmend an den Nerven. Laut einer im November 2020 veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov fühlen sich vier Fünftel der deutschen Bevölkerung Corona-bedingt gestresst. Doch wie lässt sich psychologischen Folgen - besonders im Lockdown - entgegensteuern? Hierzu haben sich unter anderem der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP), die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), die Deutsche Gesellschaft für Psychologie e.V. (DGPs) sowie das Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) in Form eines gemeinsamen Statements Gedanken gemacht.

Das Coronavirus und damit verbundene Einschränkungen belasten zunehmend die Gemüter. Eine jüngst veröffentlichte repräsentative Studie des Meinungsforschungsinstituts Yougov unter 2.158 BundesbürgerInnen weist auf, dass vier Fünftel der Befragten seit Beginn der Pandemie zunehmend unter Stress litten. Besonders interessant daran: Die Umfrage wurde bereits im August 2020 gestellt - zu einem Zeitpunkt, als die Lage verglichen mit der derzeitigen Situation verhältnismäßig entspannt war. Wie ist also einem weiteren Kippen der Stimmung und psychologischen Folgen eines Lockdowns entgegenzuwirken? Zu dieser Problematik haben sich unter dem Titel "Herausforderungen, Ziele und Maßnahmen im Umgang mit der Pandemie aus psychologischer Sicht" der BDP, die BPtK, die DGPs sowie das ZPID gemeinsame Gedanken gemacht. Das Paper erörtert dabei vor allem fünf Kernthemen, die nach Ansicht der Psychologenschaft angegangen werden müssten. 

"Fake News" mit verständlichen Informationen entgegentreten

So könne laut dem Statement ein massiver Stimmungswandel zur besonderen Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt werden und zudem "die aktive Mitarbeit der Bevölkerung an den weiterhin erforderlichen Maßnahmen zur Krisenbewältigung untergraben". Die Gefahr hierfür sei vor allem bei steigender Sorglosigkeit gegenüber Infektionsrisiken sowie vermehrter Verbreitung von Verschwörungstheorien um COVID-19 und ergriffene Schutzmaßnahmen gegeben. Eine wesentliche Grundlage für eine solche Entwicklung liegt auch darin, dass im Hinblick auf das Coronavirus noch viele Fragen offen sind und sich der Wissensstand regelmäßig ändert - auch unter Fachleuten. Bei ausbleibender Erfüllung wichtiger Bedürfnisse seien Menschen anfälliger für Verschwörungsmythen: "Menschen suchen nach Erklärungen für wichtige Ereignisse. Bei mangelndem Wissen können sie stärker zu Verschwörungsmythen neigen, in denen vermeintlich einfache Erklärungen durch die Machenschaften mächtiger Akteure plausibel erscheinen." Von ähnlichen Erfahrungen berichtet die Psychologin und Autorin Dr. Katharina Ohana im esanum-Podcast: "Man konnte auch feststellen, wie sehr Menschen nach Wahrheit und eindeutigen Aussagen verlangen, die die Wissenschaft so überhaupt nicht leisten kann. Unsere Psyche ist grundsätzlich eine narzisstische, sie will für sich das bessere Überleben. In dem Moment, wo das bedroht ist, fallen wir sehr schnell in regressive – kindliche – Muster von einem eindeutigen Gut und Böse." Um einer solchen Entwicklung entgegenzuwirken, schlagen die Fachgesellschaften vor: Normen sollten nachvollziehbar kommuniziert werden, das Kontrollgefühl der Bevölkerung müsse durch aktive Mitwirkung gesteigert werden. Zudem dürfe man nicht müde werden, "Fake News" immer wieder durch gezielte, verständliche Informationen zu bekämpfen.

Auch das Schutzverhalten und Pandemie-Management  innerhalb der Bevölkerung muss laut Paper regelmäßig angegangen werden. Bis ein Impfstoff verfügbar ist, könnten nur schnelle und umfangreiche Maßnahmen der Verhaltensänderung eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern. Grundsätzlich wiesen aber unterschiedliche Studien auf, dass empathisches Verhalten und die Bereitschaft zum solidarischen Handeln - auch beispielsweise hinsichtlich des Tragens von Masken oder der Corona-Warn-App - in der aktuellen Krise weit verbreitet seien. Dennoch sei es wichtig, aus negativen psychologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen zu lernen, um die Akzeptanz von Anti-Corona-Maßnahmen innerhalb der Bevölkerung weiter aufrecht zu erhalten. Ein wichtiger Appell der Psychologenschaft lautet daher: Verstehen, warum aktuelle Schutzmaßnahmen akzeptiert werden und daraus ableiten, wie diese Motivation aufrecht erhalten werden kann. Außerdem müssten notwendige Ver- und Gebote - auch der Nutzen und die potentiellen Risiken einer Impfung gegen COVID-19 - angemessen und nachvollziehbar kommuniziert werden.

Allgemeine "Ablenkungsmanöver" sind in Pandemie weggebrochen

Ein weiteres entscheidendes Kriterium für eine möglichst erfolgreiche Bewältigung der COVID-19-Pandemie sehen die Fachgesellschaften in der Prävention psychischer Folgen. So wiesen Erfahrungen aus früheren Krisen zwar auf, dass es kurzfristig zu weniger Depressionen, Ängsten oder geringeren Suizidraten kommen könne, auf langer Sicht aber auch zu mehr psychischen Problemen. Das beobachtet auch Dr. Ohana: "Allgemein war eben die Ablenkung, die der Mensch so hat – raus gehen, feiern gehen, mit seinen Freunden trinken gehen – nicht mehr möglich. Dadurch hat es an manchen Stellen so richtig Bahn gebrochen, dass Leute nicht mehr klargekommen sind. "Ich dreh durch!" war ein Satz, den ich häufig gehört habe."

Wer sich ohnehin schon benachteiligt fühle, zum Beispiel aufgrund eines niedrigeren sozioökonomischen Status oder Einsamkeit, sei laut Paper besonders durch mögliche psychische Folgen gefährdet. "Dabei besteht die Gefahr der Verfestigung dysfunktionaler Einstellungen zu den eigenen Lebenschancen und zur Gerechtigkeit der Gesellschaft ("Lower Class Mindset"), die zudem über die Generationengrenzen hinweg weitergegeben werden können."

Gemeinsame Ziele aller Bevölkerungsteile hervorheben und Stigmatisierung von Personengruppen vermeiden

Mit zunehmender Dauer könne die Pandemie auch innerfamiliäre Vernachlässigung und Gewalt fördern oder bereits unterschwellig vorhandene Beziehungsprobleme ans Tageslicht bringen. Dr. Ohana erläutert dazu: "Nicht umsonst ist die Scheidungsrate global hochgegangen. Die Scheidungsrichter vermelden global das Doppelte an Scheidungsanträgen. Da sind viele Spannungen um die Ohren geflogen, die eh schon da waren." Als weitere besondere Risikogruppe wird im Schreiben explizit das Personal im Gesundheitswesen genannt, das in der Pandemie oft Extrembelastungen ausgesetzt ist. Die Ziele zur Prävention psychischer Folgen lauten daher: Besonders gefährdete Gruppen identifizieren, kollektive Erfolgserlebnisse herausarbeiten und Ängsten, Unsicherheiten oder Depressionen entgegenwirken - zum Beispiel durch Krisendienste, Schutzunterkünfte, Hotlines, entsprechenden Adressen für Risikokommunikation und stabilisierende Nachsorgemaßnahmen.

Zuletzt sehen die vier Fachgesellschaften zwei entscheidende Marker für ein möglichst unversehrtes Durchstehen der Pandemie im gesellschaftlichen Zusammenhalt und einer regelmäßig aktualisierten Datengrundlage. Gerade jetzt müssten gemeinsame Ziele aller Bevölkerungsteile hervorgehoben und die Stigmatisierung von Personengruppen vermieden werden, um psychische Stabilität zu gewährleisten. Und auch sich selbst sieht die Psychologenschaft in der Verantwortung: Aufgrund des dynamischen Infektionsgeschehens gilt eine zuverlässige und laufend aktualisierte Datengrundlage über die psychische Lage der Bevölkerung als dringend notwendig, um zeitnah und zielgruppengerecht einzugreifen. 

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