Gesundheits-Apps von der Krankenkasse? Nein danke!

Bitte keine Gesundheits-Apps von Krankenkassen – das fordert die Bayerische Landesärztekammer (BLÄK) aktuell. esanum sprach darüber mit Dr. Wolfgang Rechl, Vizepräsident der BLÄK und niedergelassener Internist in Weiden in der Oberpfalz.

esanum: Die Bayerische Landesärztekammer will verhindern, dass Krankenkassen und Privatversicherer Gesundheits-Apps für Smartphones und PCs verordnen können – warum?

Dr. Wolfgang Rechl: Wir wollen nicht, dass mit Versicherungsgeldern Gesundheits-Apps erstellt werden, und wir wollen nicht, dass der Markt durch die Versicherungen zu sehr beeinflusst wird. Die Gefahr könnte bestehen, dass bestimmte Versuche unternommen werden, Patienten in einer Weise zu beeinflussen, welche für sie medizinisch nicht gut wären.

esanum: Was genau befürchten Sie - ein konkrete Beispiel bitte?

Dr. Wolfgang Rechl: Wenn beispielsweise eine App bei einer akuten Erkrankung ein paar Fragen stellt und dann sagt: das ist nicht so schlimm, da ist kein Arztbesuch notwendig. Wenn es sich etwa um psychische Erkrankungen handelt, könnte das zu einer akuten Krisensituation führen. So etwas wollen wir in ärztlicher, beziehungsweise in wissenschaftlicher Hand wissen.

esanum: Sie befürchten also Fehlentscheidungen und Fehlinformationen?

Dr. Wolfgang Rechl: Genau so ist es. Allein die Informationen können schon zu falschen und folgenreichen Entscheidungen führen.

esanum: Hinter Gesundheits-Apps können doch aber sehr gute Daten und fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse stecken?

Dr. Wolfgang Rechl: Darum geht es uns ja auch gar nicht. Wir wollen nur nicht, dass Krankenversicherer allein in ihrem Haus eine eigene App entwickeln und damit auf den Markt kommen. Das führt zu Interessenskonflikten.

esanum: Haben Sie generell etwas gegen den digitalen Fortschritt?

Dr. Wolfgang Rechl: Nein, das ist aus unserer Forderung als Bayerische Landesärztekammer nicht zu entnehmen. Grundsätzlich sind wir nicht gegen Gesundheits-Apps. Es gibt sehr sinnvolle Apps. Sie können uns Ärzte unterstützen, zum Beispiel mit Blutzuckermessungen. Oder auch durch gute Ernährungsberatungs-Apps. Da ist vieles sehr sinnvoll und auch einfach zu bedienen.

Dennoch haben wir das große Problem, dass der Markt inzwischen dermaßen groß und unübersichtlich geworden ist. Wir haben bis zu 60.000 Apps auf dem Gesundheitsmarkt. Das kann auch die Bundesärztekammer nicht ansatzweise durchleuchten. Für uns bedeutet das Arbeit, für den Patienten ist es gefährlich. Es kann ihn derart verwirren, dass er mit seinem Krankheitsbild nicht mehr zurechtkommt, weil er widersprüchliche Richtungen gewiesen bekommt.

esanum: Sehen Sie in den digitalen Möglichkeiten eine Art Konkurrenz für ihre exklusive Expertise?

Dr. Wolfgang Rechl: Es ist eine gewisse Konkurrenz da, sicher. Aber das sehen wir nicht im Vordergrund. Als niedergelassener Internist befürchte ich selbst eher, dass wir demnächst sehr viel mehr Zeit dafür aufwenden, dem Patienten seine App zu erklären, um ihn eventuell davon wegzubringen. Als Niedergelassener habe ich tatsächlich die Sorge, dass ich meine Zeit damit verbringen könnte. Ich möchte mir im vertrauensvollen Arzt-Patienten-Gespräch gern weiterhin selbst ein Bild machen.

esanum:  Sehen Sie auch Potenzial der Digitalisierung für ihre Arbeit als Arzt und für den Patienten?

Dr. Wolfgang Rechl: Natürlich. Alles, was dem Patienten helfen kann und unsere zeitlichen Möglichkeiten nicht sprengt, begrüßen wir. Es ist ja mit sinnvollen Apps durchaus möglich, Zeit einzusparen. Wir sind bereit, daran mitzuarbeiten. Wir arbeiten mit der Bundesärztekammer an qualifizierten Apps, die man empfehlen kann. Es ist aber schwierig, diese eventuell auch zu zertifizieren, weil die Anzahl so groß geworden ist.

esanum: Finden Sie es noch zeitgemäß, dass der Patient sich persönlich zur Arztpraxis begeben muss, um sich dort ein auf Papier gedrucktes Rezept ausstellen zu lassen und dass er seine Befunde zu Hause im Ordner sammelt und ausgedruckt zum nächsten Facharzt tragen muss?

Dr. Wolfgang Rechl: Es ist natürlich nicht zeitgemäß, dass ein Patient zu Hause seine Befunde kopiert und sie dann im Ordner zum Arzt trägt. Da gebe ich Ihnen recht – das Ganze scheitert im Moment u. a. noch an der Gesundheitskarte, die noch nicht gänzlich so entwickelt ist, dass wir gut mit ihr leben können - vor allem, was die Datensicherheit betrifft. Aber sie wird sicher der Schlüssel sein, wenn eines Tages auf der Karte alle Daten gespeichert sind und dann das Papier und das Suchen nach einzelnen Befunden wegfällt.

esanum: Sorgen macht Ihnen auch die zu geringe Zahl der Studienplätze für Medizin. Wie soll sie erhöht werden?

Dr. Wolfgang Rechl: Mit der neuen Landarztquote in Bayern werden wir zunächst mehr Studenten haben, die sich vorstellen können, anschließend auf dem Land zu arbeiten. Ab dem Wintersemester 2019 werden wir 5,8 Prozent der Studienplätze in Bayern an jene vergeben, die sich verpflichten, nach der Facharztausbildung für zehn Jahre aufs Land zu gehen. Das löst aber nur ein Teilproblem, weil die Zahl der Medizinstudenten insgesamt damit nicht wächst. Wir brauchen mehr Studienlätze, das ginge über eine Veränderung der Studienordnung. Wir haben immer noch fünf bis sechs Bewerber pro Studienplatz. Daran fehlt es nicht. Es geht mehr um Kapazitätsfragen in der Ausbildung am Krankenbett. Da könnte man laut Experten etwas ändern, wenn die Universitäten mit mehr Geld ausgestattet würden. So ließe sich die Zahl wenigstens um zehn, fünfzehn Prozent erhöhen, was allerdings auch noch nicht genug wäre. Wir pochen seit mehr als zehn Jahren bei jedem Ärztetag auf eine Erhöhung der Studienplätze.

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