Gesundheitsfürsorge und -vorsorge darf auch in Pandemiezeiten nicht leiden

Es steht nicht gut um die Zukunft niedergelassener Kinderärztinnen und -ärzte in Deutschland. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte hervor. BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach warnt vor langfristigen Folgen für Patientinnen und Patienten.

Es steht nicht gut um die Zukunft niedergelassener Kinderärztinnen und -ärzte in Deutschland. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hervor, an der 1.066 niedergelassene Medizinerinnen und Mediziner Anfang Februar 2021 teilgenommen haben. Die harten Zahlen: Über ein Drittel der Befragten sieht die eigene wirtschaftliche Existenz bedroht, mehr als die Hälfte der Teilnehmenden denkt über den Abbau von Personal nach und ganze 84 Prozent ziehen in Erwägung, die Anzahl der Arbeitsstunden zu reduzieren. Das sind unmittelbare Folgen der COVID-19-Pandemie: Zum aktuellen Zeitpunkt verzeichnet der BVKJ verglichen mit dem Vorjahresquartal einen Rückgang der Patientenzahl von 30-40% - und dementsprechend gravierende Einnahmeausfälle. Ein weiterer Negativtrend dieser Entwicklung: Aus Sorge vor einer COVID-Ansteckung und weil es aufgrund der Schutzmaßnahmen weniger akute Infektionskrankheiten gibt, herrscht ein deutlicher Rückgang bei den Kindervorsorgen und den Impfungen. BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach erläutert im esanum-Interview, welcher bundespolitische Handlungsbedarf besteht und warnt vor langfristigen gesundheitlichen Folgen für pädiatrische Patientinnen und Patienten.

esanum: Herr Dr. Fischbach, eine repräsentative Umfrage des BVKJ weist auf, dass ein Großteil der Kinderärztinnen und -ärzte in Deutschland angesichts der Corona-Pandemie um ihre berufliche Zukunft bangen. Wie wirkt sich die COVID-19-Krise auf Kinderarztpraxen aus?

Fischbach: Wir verzeichnen zur Zeit aufgrund der Pandemie einen Rückgang der Patientenzahl von 30 – 40% im Vergleich zum Vorjahresquartal. Das führt unweigerlich zu einer wirtschaftlichen Schieflage, die wir ohne einen adäquaten Finanzausgleich (Rettungsschirm) nicht verkraften können. Inzwischen hat die Bundespolitik einen solchen ab dem 01.01.2021 beschlossen, der nun von den Kassenärztlichen Vereinigungen – wie im Gesetz formuliert - umgesetzt werden soll. Anderenfalls werden wir Personal in Kurzarbeit schicken oder gar entlassen müssen. Eine adäquate Patientenversorgung insbesondere auch nach der Pandemie wäre gefährdet.

esanum: Was waren Ihrer Ansicht nach die gravierendsten Erkenntnisse der BVKJ-Umfrage?

Fischbach: Der deutliche Rückgang bei den Kindervorsorgen und den Impfungen.

esanum: Wie könnten pädiatrische Patientinnen und Patienten beziehungsweise deren Eltern überzeugt werden, trotz COVID-19 Termine in den Arztpraxen wahrzunehmen?

Fischbach: Alle Kolleginnen und Kollegen haben längst wirksame Hygienekonzepte in ihren Praxen etabliert und führen Schnelltestungen des Personals durch. Das Ansteckungsrisiko dürfte nahezu überall im Lande größer sein als in unseren Praxen.

esanum: Welche gesundheitlichen Folgeschäden sind bei pädiatrischen Patientinnen und Patienten aufgrund ausbleibender Besuche in Kinderarztpraxen zu befürchten?

Fischbach: Verabsäumte Vorsorgen und Impfungen bedeuten für die Patienten ein reales Gesundheitsrisiko. Das gilt auch für nicht stattfindende Vorstellungen chronisch oder akut Kranker. Entgleister Diabetes mellitus und schwere Asthmaanfälle musste ich bereits selbst erleben. Ganz klar: Auch in Pandemiezeiten darf die Gesundheitsfür- und -vorsorge nicht leiden, um die Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen nicht leichtfertig zu gefährden.

esanum: In einem Brief haben Sie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn um dringende Unterstützung für Kinderarztpraxen gebeten. Haben Sie von gesundheitspolitischer Seite schon eine Rückmeldung hierzu erhalten?

Fischbach: Stand heute hat der Minister leider noch nicht geantwortet.

Die Umfrageergebnisse des BVKJ und die Schilderungen durch Dr. Fischbach zeigen dringlichst, warum Kinderarztpraxen gerade jetzt Unterstützung der Bundespolitik brauchen. Außerdem werden Eltern aufgerufen, ärztliche Untersuchungen mit ihren Kindern unbedingt weiterhin wahrzunehmen, um mögliche Langzeitfolgen zu verhindern. Die gesundheitliche Versorgung einer ganzen Patientengeneration hängt in der Schwebe.

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