Gesundheitsnetzwerker - Visionen für die medizinische Zukunft

"Leute haben Angst, ihre Daten einzuspeisen, wenn irgendwo Internet draufsteht"

Dr. Dominik Pförringer – Unfallchirurg und Orthopäde sowie DRG-Beauftragter an der Universitätsklinik München.

Auf dem 12. Kongress für Gesundheitsnetzwerker haben sich in Berlin Akteure der Gesundheitsbranche getroffen, um sich gemeinsam mit der Zukunft der Gesundheitsversorgung beschäftigen. Ein zentrales Thema war die fortschreitende Digitalisierung, die das Gesundheitswesen spürbar verändert.

esanum fragt Dr. Dominik Pförringer, Unfallchirurg und Orthopäde, sowie DRG-Beauftragter an der Universitätsklinik München, Rechts der Isar. Dr. Pförringer forscht auf dem Gebiet der Versorgungsforschung und Digitalisierung

esanum: Vernetzung soll der Arbeit der Mediziner und natürlich den Patienten nutzen. Sind wir da auf dem richtigen Weg?

Pförringer: Wir sind auf einem guten Weg. Ärzte sind mittlerweile in der Lage, das, was sie machen und an Befunden erheben und Leistungen erbringen, vernetzt darzustellen. Sie können sich mit anderen Ärzten sehr gut austauschen, sich zum Beispiel gemeinsam auf Distanz Röntgen- und Schichtbilder anschauen. Aber wir stehen ganz am Anfang. Wo Daimler zur Jahrhundertwende um 1900 bei der Autoentwicklung war, da stehen wir heute in Sachen Vernetzung in der Medizin. Und das, was sich in den nächsten zehn Jahren tut, wird vieles über den Haufen werfen, was sich an Technik in den letzten hundert Jahren getan hat. Es gibt also wahnsinniges Entwicklungspotenzial.

esanum: Die Digitalisierung ist im Versorgungsalltag angekommen. Was erleben Sie diese Tatsache als Praktiker in der Klinik?

Pförringer: Wir haben die Möglichkeit, über das Traumanetzwerk oder beispielsweise TK Med international Röntgenbilder auszutauschen und darauf basierend Entscheidungen zu beraten. Man kann online seine Bilder hochladen, sich eine Zweitmeinung einholen. Zum Beispiel hier: www.krebszweitmeinung.de Aber das findet im Moment noch deutlich zu selten statt. Wir müssen dafür sorgen, dass das besser akzeptiert wird und auch bekannter wird. Die Leute haben immer noch Angst, ihre Daten einzuspeisen, wenn irgendwo Internet draufsteht. Das ist auch ein Grund, warum sich die Riesen wie Google aus dem Medizingeschäft nach anfänglichem Drive erst mal wieder zurückgezogen hatten. Hier existiert ein unglaubliches Misstrauen. Also: viele Möglichkeiten wären da, doch Patient und Arzt sind noch nicht so weit. Das ist aber auch eine Generationenfrage.

esanum: Was genau betrachten Sie als Vorteile der wachsenden Vernetzungsmöglichkeiten in der Medizin?

Pförringer: Vor allem Behandlungsoptimierung, Prozessoptimierung, beides führt zum dritten Faktor: dass das Ganze kostengünstiger wird. Es gibt ein unglaubliches Einsparpotenzial, da Doppeluntersuchungen und Fehldiagnosen vermieden werden können. Behandlungspfade werden gestrafft, und der Patient ist am Ende derjenige, der den größten Vorteil hat. Wenn er beispielsweise von einem Arzt zum anderen wechselt, müssen nicht erst die Bilder angefordert oder gar neue angefertigt werden. Wenn alles in Datenform vorliegt und Zugriff darauf möglich ist, ist das ein großer Benefit für den Einzelnen und ein enorm kostensparender Faktor. Das Geld, das jetzt im Gesundheitssystem versandet, würde dann dahin kommen, wo es hingehört: bei der Versorgung von Patienten.

esanum: Was scheint aber auch bedenklich?

Pförringer: Es gibt eine Menge unübersichtliche Angebote, die sogenannten Gesundheits-Apps. Das sind meistens Wohlfühl-Apps. Da geht’s darum, sich selber zu optimieren, seine Fitness, seine Ernährung. Das bietet meistens per se noch keinen echten medizinischen Mehrwert im Sinne von Diagnose und Behandlung. Und die Leute denken dann, sie leben gesünder, was nicht unbedingt zutreffen muss. Ein Problem wird es, wenn "Dr. Google" mitspielt, wenn die Leute oberflächlich und unstrukturiert im Internet surfen und dann ihre eigene Diagnose stellen. Im Zweifelsfall kommt immer das Schlimmste heraus. Oder auch eine völlig verharmlosende Diagnose. Beides drastische Fehleinschätzungen.

esanum: Ist Datenschutz eigentlich noch allesentscheidend – wo doch der junge Nutzer seine Daten längst großzügig zur Verfügung stellt?

Pförringer: Der Datenschutz muss mit der Zeit gehen. Und wir Deutsche schaffen es immer noch mit der maximalen Bürokratie, den Datenschutz zum größtmöglichen Nachteil für den Patienten anzuwenden. Ein Beispiel: ich mache ein Röntgenbild von ihrem Fuß und sie möchten das Bild haben. Nun ist es mir als Arzt verboten, Ihnen dieses Bild per Email zu schicken, das verbietet der Datenschutz. Wenn sie das Bild aber haben, dürfen sie das auf Facebook oder Instagram posten oder als Poster in ihren Garten stellen. Aber ich als Arzt darf es nicht online weitergeben. Per Telefax darf ich Daten einer Patientin an einen zweiten behandelnden Arzt weitergeben, aber per Email nicht – weil das eine vermeintlich unsichere Kommunikationsform ist. Es ist absurd.

esanum: Was stellen Sie sich statt dieser Praxis vor?

Pförringer: Ich stelle mir eine sichere Austauschplattform mit einer end-to-end Verschlüsselung vor. So wie wir alle beim online-Banking mit unserer Bank kommunizieren, müssen auch Ärzte untereinander kommunizieren können. Das heißt, jeder Arzt kann dem anderen Arzt etwas verfügbar machen, worauf aber niemand anders zugreifen kann. Nur wenn der andere den digitalen Schlüssel zum Entsperren der Daten hat, kann er sie nutzen.

esanum: Das wäre ja technisch ganz einfach.

Pförringer: Ja, aber die Leute müssen es sich auch trauen, der Gesetzgeber es zulassen. Es gibt sehr viele hauptamtliche Bedenkenträger. Diejenigen, die bisher die Daten in der Hand haben, die Versicherer und die Ärzte, haben Angst, dass man ihnen Datenmanipulation oder einen Einsatz der Daten zum Nachteil der Patienten vorwerfen könnte.

esanum: Wo bleiben der Mensch und der Anteil der sprechenden Medizin in Zeiten fortschreitender Digitalisierung?

Pförringer: Die Tatsache, dass das Arzt-Patienten-Gespräch jetzt schon auf ein Minimum reduziert ist, liegt an einer fehlerhaften Vergütung. Das müsste wesentlich besser vergütet werden. Daran muss die Gesundheitsökonomie arbeiten. Ich bin für eine ganz klare Trennung zwischen online und offline. Die Ärzte sollten im Sprechzimmer gar keinen Computer haben und nicht in ihre Tastatur hacken, während sie mit dem Patienten sprechen. Man sollte sich den Patienten anschauen und sich ihm zu 100 Prozent widmen, ihm genug Zeit schenken. Daneben kann man durchaus eine online-Sprechstunde einrichten, jedoch ganz klar getrennt von der klassischen Sprechstunde.

esanum: Was halten Sie von Gesundheits-Apps, die in den USA gerade den Markt erobern und auch bei uns auf dem Weg sind?

Pförringer: Fünf Prozent sind gut und der Rest ist weitgehend unbrauchbar. Zudem ist die Auswahl der geeigneten App für den Einzelnen unübersichtlich geworden. Abgesehen von den schon erwähnten Fitness-Apps und Ernährungs-Apps gibt es auch wirklich gute Gesundheits-Apps. Zum Beispiel solche, mit deren Hilfe Diabetiker ihren Blutzucker messen, aufzeichnen und analysieren können. Die Bundesregierung hat die Chance, diese mobile Gesundheitsversorgung zu fördern, damit bessere Gesundheits-Apps entwickelt werden. Versicherungen tun das teilweise schon. Zum Beispiel gibt es in Berlin Caspar Health ein Unternehmen, das Rehabilitation online verfügbar macht: www.caspar-health.com Das heißt, begleitend oder anstelle von konventioneller Reha, können sie online weitermachen. Reha-Videos anschauen, eigene Übungen filmen, die dann von Physiotherapeuten gesichtet werden. Damit kann ein Therapeut zu gleicher Zeit mehrere Patienten betreuen.

Auch für Tinnitus-Patienten gibt es eine sinnvolle App, Tinni-Tracks: www.tinnitracks.com/de Und in München gibt es ein Online-Unternehmen, das kümmert sich um Rückenschmerzen. Da wird mit Hilfe der App ein Tagebuch geführt, wann die Schmerzen stark auftreten, nach welchen Übungen sie besser werden. Das hilft sehr.

esanum: Manche sagen, der Arzt wird eines Tages durch Algorithmen ersetzt? Schöne Utopie oder Horrorvorstellung?

Pförringer: Horror! Menschen müssen durch Menschen behandelt werden. Am Ende ist die Arzt-Patienten-Interaktion durch nichts zu ersetzen. Aber im Vorfeld können verschiedene Dinge durch Algorithmen abgeklärt werden. Dann kann man gezielter mit der Diagnose und Behandlung beginnen. Also können und werden Algorithmen dem Patienten und dem Arzt helfen.

esanum: Stichwort Vergütung – welche Rolle spielt sie bei der Digitalisierung?

Pförringer: Moderne und innovative Techniken müssen vom Gesetzgeber vernünftig vergütet werden. Die Offenheit und die Bereitschaft der Kostenträger sind die Grundvoraussetzung für die Entwicklung von solchen Systemen. Aber ich glaube auch, man muss es jetzt einfach mal machen. So wie vor dreißig Jahren ein paar hundert mutige Leute in Deutschland gesagt haben, ich kaufe mir ein Handy - und heute hat jeder eins. Dadurch konnte die Technologie vorangetrieben werden. So müssen auch der Arzt und der Patient ein bisschen visionär sein. Nur so können wir gemeinsam die Technik der Zukunft entwickeln. Demnächst werden wir in München mit Ottonova (www.ottonova.de)  beispielsweise die erste digitale Krankenversicherung haben. Dort sehen wir dann den Austausch von Patient und Versicherung online. Natürlich gibt es da eine größere Bereitschaft, offen an solche Neuerungen heranzugehen als bei den alten Dinosauriern auf dem Markt – die, offen gesagt, technisch noch ziemlich hinter dem Mond sind.

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