Hausarzt-Tag am 13. März: Mit exzellenten Referenten gemeinsam über den fachärztlichen Tellerrand gucken

Auf dem Hausarzt-Tag, erstmals abgehalten am 13. 3. 2019 in Berlin, werden in einer curricularen Programmstruktur alle Funktionssysteme abgedeckt – komprimiert in nur einem Tag. esanum stellt den wissenschaftlichen Leiter des Hausärztetages, Dr. med. Thomas Schultz, Pneumologe in Berlin-Lichterfelde, vor und befragt ihn zu Ansätzen und Zielen der Veranstaltung.

esanum: Herr Dr. Schultz, 1988 haben Sie Ihre Lungenarztpraxis in Berlin eingerichtet, 2011 das Ärztenetzwerk Pneumocare gegründet. Was ist Ihr ärztliches Grundmotiv, was treibt Sie an auf Ihrem Weg?

Dr. Schultz: Die große Mehrheit der Ärzte fühlt sich dem hippokratischen Eid verpflichtet. Dies betrifft sicher inzwischen nur noch einige Formulierungen des Eides. In erster Linie geht es um die ethischen Richtlinien. Dann sucht sich jeder Arzt seine Plattform, seinen Raum, in dem er seine medizinischen Kenntnisse und Vorstellungen am besten umsetzen kann.

Nach neun Jahren Tätigkeit in der größten Lungenklinik der Region fand ich es dann an der Zeit, direkter am Patienten zu sein, im eigenen Praxisumfeld in meinem Fachgebiet für die Patienten da zu sein. Die ersten eigenen Patienten zu haben - im ersten Quartal waren es, glaube ich, 40 Patienten -, das war ein schönes Gefühl.

Die Zahlen haben sich inzwischen etwas erhöht, mehr Kollegen, mehr Mitarbeiter. Kommunikation in einem wachsenden Betrieb wurde immer wichtiger, das war eine weitere Herausforderung, die aber, wenn man nicht Schiffbruch erleidet, auch Spaß machen kann. Inzwischen sind wir ein kleiner Wirtschaftsbetrieb, fünf Partner, zwei angestellte Ärzte und natürlich viele Mitarbeiterinnen.

Durch die enge Kooperation zu der Lungenklinik mit regelmäßiger Assistentenrotation ergaben sich Projekte zur besseren, sektorenübergreifenden Betreuung bestimmter Patienten, dazu haben wir die PneumoCare gegründet. Wir betreuen hier in enger Kooperation schwerkranke COPD-Patienten, die in einer WG leben, sowie auch beatmete Patienten, die von der Klinik nicht mehr in die eigene Wohnung zurückkehren können. Durch die PneumoCare wollen wir auch in Zukunft sektorenübergreifende Projekte in der Pneumologie umsetzen.

esanum: Ein neuer Schritt ist nun, dass Sie als wissenschaftlicher Leiter des Hausarzt-Tages 2019 fungieren. Was genau ist Ihr Auftrag, Ihre Rolle?

Dr. Schultz: Als wissenschaftlicher Leiter habe ich Verpflichtungen, trage Verantwortung, habe aber auch meine Freiheiten: ich bin mitverantwortlich für die Qualität der Vorträge, die Ausgewogenheit der Themen und das Wohl der Zuhörer. Als Moderator kann ich auch direkt eingreifen, sollte mich aber generell ein wenig zurücknehmen und die Zuhörer im Blick haben. Im Vorfeld ist mir bereits bewusst, dass wir exzellente Referenten haben, ich weiß auch, dass es sich hier nicht um eine Werbeveranstaltung handelt. Das will im Übrigen keiner, auch die Industrie wünscht heute produktneutrale Veranstaltungen. Und schließlich: wir Fachärzte bewegen uns zu häufig nur in unserer eigenen "fachärztlichen Welt" - da kann es auch nicht schaden, über den Tellerrand zu gucken. Ich freue mich immer auf Fortbildungen, die nicht direkt etwas mit der Lunge zu tun haben. 

esanum: Ohne Fortbildung keine gute medizinische Versorgung – gerade auch bei Hausärzten. Richtig? 

Dr. Schultz: Fortbildungen waren besonders für Mediziner schon immer wichtig. Auch wenn heute das Angebot auch dank der neuen Medien immer vielfältiger wird, bin ich nach wie vor ein Fan der "Old-Scool"-Fortbildungen. Sowohl auf Kongressen, als auch auf solchen kompletten Tagesveranstaltungen mit bunten Themen-Mischungen lernen wir nicht nur viel, wir kommunizieren auch miteinander, konzentrieren uns für einige Stunden auf sehr unterschiedliche Inhalte. Und wenn ich etwas nicht verstehe, etwas hinterfragen will, kann ich das sofort machen. Dadurch kann ich aktiv das Geschehen beeinflussen. Und in den Pausen habe ich Gelegenheit, den kollegialen Austausch zu suchen, das ist wichtig und kann viel Spaß bereiten.

esanum: Kommen wir auf Ihre Schwerpunkte: COPD und Asthma. Welche Standards sind zu betonen, von welchen Neuerungen sollte man wissen?

Dr. Schultz: Beim Asthma tut sich einiges, allein schon in den Begrifflichkeiten, früher differenzierten wir ein allergisches vom nicht allergischen Asthma, heute kennen wir das - ach, lassen Sie sich überraschen, das erzähle ich ja dann auf dem Hausarzt-Tag ausführlich.

Bei der COPD müssen wir immer aufpassen, was sagen die Deutschen/Europäischen, was die GOLD-Leitlinien, was müssen wir bedenken, bei welchem Schweregrad gebe ich welche Substanzen? Immer mehr Bedeutung kommt dem Patientenbefinden zu. Das ist natürlich gut so, aber ohne CAT-, mMRC-Fragebogen kann ich eigentlich keine konkrete Therapieentscheidung treffen. Was ist mit den "alten" Substanzen wie Theophyllin? Absolutes "No-Go" oder doch eine Alternative? Auch diese Frage wird beantwortet! 

esanum: Stichwort Feinstaubdiskussion - was sagen Sie bei all den kontroversen Meldungen Ihren besorgten Patienten?

Dr. Schultz: Die Feinstaubdiskussion hat alle ein bisschen aufgerüttelt, leider sind auch Gräben aufgerissen worden. Die Journalisten haben sich auf das Thema fokussiert und Herr Köhler hätte am Tag in fünf Sendungen auftreten können. 

Er war dann auch omnipräsent, hat sich sehr oft gut geschlagen, hatte bei einigen Veranstaltungen aber keine Chance. Nicht alles, was er gesagt hat, findet meine Unterstützung. Aber im Grunde lag er nicht falsch - nur wollten viele Leute das nicht hören. Problematisch wird es dann, wenn seine Aussagen instrumentalisiert werden, wenn plötzlich Köhler mit 150 weiteren Ärzten in eine rechte Ecke gedrängt wird. Oder wenn es heißt, "Ihr Lungenärzte müsst doch dafür sorgen, dass möglichst keine Schadstoffbelastung da ist, wie könnt Ihr denn...?" 

Leider ist das Thema noch nicht ganz durch. Ich würde mich freuen, wenn sich auf unserem nächsten Kongress (DGP München im März 2019) eine produktive Diskussion ergibt, in der wir nicht nur Werte anzweifeln, sondern konkrete Vorschläge machen können, was zu tun ist, wo die schwerwiegenden Gefahren liegen - und damit eine neue Richtung einschlagen können.

esanum: Wo sehen Sie Ihr Fach, bzw. die Medizin in zwanzig Jahren? Werden Innovationen wie neue Medikamente und Digitalisierung heute noch bestehende Probleme lösen?

Dr. Schultz: Das ist eine echt spannende Frage, wobei ich schon unsicher wäre, wenn Sie mich nach fünf oder sieben Jahren fragen würden. Die Digitalisierung wird die Medizin verändern, das tut sie jetzt schon.

Schon jetzt müssen wir bei seltenen Krankheiten das Netz befragen. Der Patient hat es mit großer Wahrscheinlichkeit schon getan, bevor er mich – egal, ob Allgemeinmediziner oder Facharzt - aufsucht. Das wird dramatisch zunehmen. Die künstliche Intelligenz wird immer besser, lernt von sich selbst; aber wenn jemand sich professionell um das System kümmern will, wenn Google, Amazon und Co. sich die Mühe machen, das System zu verbessern, dazu brauchen sie dann schon auch Ärzte.

Als Pneumologen müssen wir noch mehr Profil zeigen, dürfen uns nicht in der "0815-Barfußmedizin" zurücklehnen nach dem Motto: Asthma, ein bisschen COPD, aber bitte kein schweres Asthm oder gar seltene Lungenkrankheiten – wenn die immer gleich in die Klinik geschickt werden, das wäre das Ende der Pneumologie. Nein, wir müssen gute Diagnostiker sein, sollten uns auch um die schweren Fälle kümmern, sie nach entsprechender Weichenstellung dann in Kooperation mit unseren Zuweisern die Patienten gut managen, alles zum Wohle des Patienten.

Wir Ärzte werden sicher weiter gebraucht werden, aber wir müssen uns umstellen, können damit nicht warten und sollten zusehen, dass wir uns einmischen!

Ein bisschen mulmig ist mir dabei schon, es ergeben sich im weiteren Verlauf sicher auch neue Fragestellungen und Aufgabengebiete. Deshalb sollten wir aktiv mitmachen und dürfen die Initiative nicht allein privaten Großkonzernen überlassen, die ja bislang schon viele Milliarden Euro investiert haben. 

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