Heilen ohne Honorar

Ulmer "Armenklinik" hilft unbürokratisch und kostenlos

Brille nicht mehr scharf genug? Ab zum Optiker. Doch den kann sich so mancher nicht leisten. Ein Arzt in Ulm sammelt Sehhilfen für Arme. Mit anderen Kollegen hilft er zudem Menschen, die keinen Versicherungsschutz haben. Deutschlandweit sind das Hunderttausende.

Rosemarie Schwarz kann den Überfall vor ihrer Haustür nur schwer verwinden. "Es waren zwei junge Kerle, alles ging ganz schnell", erzählt die 76-Jährige. "Handtasche weg, Papiere weg, Geld, auch die Brille." In der Pauluskirche in Ulm hört Hans-Walter Roth geduldig zu. "Das ist ein herber Verlust", sagt der pensionierte Augenarzt. Die Krankenkasse zahle der Seniorin keine neue Brille. Und ihre Rente sei nur klein. Zum Glück hat Stadtrat Roth, den viele als den "Armendoktor von Ulm" kennen, gerade wieder ein paar Kartons voller Brillen mitgebracht. Zwei Brillen sind passend für Frau Schwarz. "Nehmen Sie gleich beide mit", sagt der 73-jährige Roth. "Kostenlos natürlich."

Vor fast 40 Jahren beeindruckte ein Onkel - ein Missionar - den Ulmer Augenarzt mit seinem Bericht, wie wenige Menschen sich in Tansania eine Brille leisten könnten. Und wie viele dringend eine bräuchten. Roth startete damals seine erste Sammelaktion "Eine Brille für Menschen in Not". Zehntausende Second-Hand-Sehhilfen hat er seitdem in Länder Afrikas verschifft.

An Nachschub mangelt es nicht. Viele Menschen geben ausrangierte Brillen im Ulmer Rathaus ab. Seit langem steht die Aktion unter Schirmherrschaft von Kulturbürgermeisterin Iris Mann: "Ich freue mich über diese konkrete Hilfe, die vom einzelnen nur einen kleinen Einsatz verlangt, aber sehr viel bewirkt."

Was Roth einst für Afrika in Gang setzte, ist längst auch daheim in Deutschland willkommen. Nur noch in seltenen medizinischen Ausnahmefällen beteiligen sich gesetzliche Krankenkassen an Kosten für Brillen. "Schlimmer ist, dass es in unserem reichen Land Menschen gibt, die gar nicht krankenversichert sind", sagt Roth. 2009 hat er deshalb mit Gleichgesinnten die Ulmer Armenklinik gegründet.

Armenklinik steht in Tradition einer mittelalterlichen Stiftung 

Sie steht in der Tradition einer mittelalterlichen Stiftung, in der Ulmer Ärzte armen Kranken unentgeltlich halfen. Die Armenklinik ist kein Gebäude. Sie ist ein Netzwerk der humanitären Hilfe: Rund 40 Ärzte im Alb-Donau-Kreis und in Neu-Ulm behandeln Patienten ohne Versicherungsschutz - und ohne dafür eine Rechnung auszustellen.

Deutschlandweit wurde die Armenklinik durch die ARD-Dokumentation "Heilen ohne Honorar" bekannt. Aber sie ist nicht die einzige ihrer Art. In vielen Städten helfen Mediziner Bedürftigen kostenlos. Viele Obdachlose sind unter ihren Patienten, auch Migranten ohne Aufenthaltspapiere. Aber immer wieder auch Menschen, die einst zum wohlhabenden Mittelstand gehörten, nun aber ohne Krankenversicherung dastehen.

"Das gibt es öfter als mancher denkt", sagt der Arzt Michael Fietzek. Der 76-Jährige leitet die Stuttgarter Praxis der Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung - eine von deutschlandweit 18, die der Malteser Hilfsdienst unterhält.

Fietzek schildert einen Fall: "Ein Ingenieur bekommt einen Großauftrag. Er nimmt dafür Kredite auf. Der Auftrag platzt, er ist pleite und kann seine private Krankenkasse nicht mehr bezahlen. Und dann bekommt er auch noch einen schweren Leistenbruch." Dank ihrer Zusammenarbeit mit einem ganzen Netzwerk der Hilfsbereitschaft fanden die Maltester eine Lösung und der Mann konnte erfolgreich operiert werden. Zwei Monate danach kam er wieder in die Stuttgarter Malteser-Praxis - diesmal um sich zu bedanken.

Noch immer Hunderttausende in Deutschland ohne Krankenversicherung

Statistisch betrachtet könnte man solche Fälle als Randproblem eines ansonsten funktionierenden Systems ansehen. Seit 2007 in Deutschland die Krankenversicherungspflicht für alle eingeführt worden sei, kämen weniger Menschen in solche Situationen, sagt der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem, der an der Universität Duisburg-Essen den Lehrstuhl für Medizinmanagement hat. Keinen Krankenversicherungsschutz hätten heute wohl deutlich weniger als ein Prozent der Bevölkerung. "Aber richtig ist natürlich auch: Das sind vermutlich mehrere hunderttausend Menschen."

Für Hans-Walter Roth und Michael Fietzek sind solche statistischen Betrachtungen freilich kaum von Belang, solange immer noch Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. "Für mich als politisch interessierten Menschen war es unerträglich, die Not von Menschen zu sehen, die nicht krankenversichert sind - neben dem Wohlstand, in dem die meisten doch leben", sagt Fietzek. Daher habe er sich zur Mitarbeit bei den Maltestern entschlossen, als er vor zehn Jahren seine eigene Praxis aufgab.

Der Ulmer Stadtrat Roth, der als Wissenschaftler einst zu den "Vätern" der Kontaktlinse gezählt wurde, antwortet auf die Frage nach seiner Motivation mit einem Augenzwinkern: "Ich habe mich jahrelang auch in der Politik engagiert. Da bekommt man kaum Dank. Aber hier beim Brillenverteilen, da höre ich öfter mal 'Danke, Doktor.'"

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