Insolvenzgefahr an deutschen Krankenhäusern wächst

Interview mit Dr. Sebastian Krolop über den "Krankenhaus Rating Report" und ein notwendiges Umdenken im deutschen Gesundheitswesen.

"Neue Art und Weise der Patientensteuerung" gefordert: Interview mit Dr. Sebastian Krolop über den "Krankenhaus Rating Report" und ein notwendiges Umdenken im deutschen Gesundheitswesen.

Die fünfzehnte Ausgabe des "Krankenhaus Rating Report" ist erschienen - Zahlen und Fakten lassen aufhorchen. Dr. Sebastian Krolop, einer der Autoren und Global Chief Operating and Strategy Officer bei der amerikanischen Healthcare Information and Management Systems Society (HIMSS), fordert ein Umdenken im deutschen Gesundheitswesen - esanum fragt nach.

esanum: Jedes vierte Krankenhaus schreibt Verluste, jedes achte ist in erhöhter Insolvenzgefahr – sind diese Aussagen im Krankenhausreport 2019 auch Alarmismus oder bittere Realität?

Krolop: Es ist die Realität. Wir haben für unsere Analysen Jahresabschlüsse von 877 real existierenden Krankenhäusern verwendet – das sind ungefähr 70 Prozent der Umsätze im Markt. Grundlage waren die Bilanzen, sowie die Gewinn- und Verlustrechnungen.  Wir untersuchen die wirtschaftliche Lage der deutschen Krankenhäuser seit vielen Jahren. Letztes Jahr war ein eher gutes Jahr und jetzt hat sich die Lage deutlich verschlechtert.

esanum: Dann ist das kein Trend, sondern ein momentaner Befund?

Krolop: Man sieht schon, dass die Umgebung des Marktes sich momentan schwieriger darstellt. Zum ersten Mal gehen die Patientenzahlen zurück. Und wir sehen auch, dass die Struktur im Krankenhaussektor insgesamt nicht optimal ist. Es gibt immer noch viele Häuser, die nicht die nötige Größe haben, die nicht validiert sind, nicht genügend auf Qualität achten, sodass sie immer Probleme haben mit der Wirtschaftlichkeit. Daher ist das keine Sache, die kurzfristig entstanden ist.

esanum: Die Stärkung der großen und spezialisierten Häuser ist gesundheitspolitisch gewollt – haben Sie etwas dagegen? Sehen Sie in der Konzentration Gefahren?

Krolop: Nein, aber es gibt keinen geordneten Prozess des Wandels. Wir sagen, man sollte sich viel stärker am Bedarf ausrichten. Es gibt gute Beispiele, z.B. in Dänemark, wo man sich die Entwicklung der Bevölkerung anschaut, die angebotenen Therapien und deren wahrscheinlichen Bedarf. Danach entscheiden die Gremien, wie die optimale Krankhausstruktur aussieht. Bei uns ist es umgekehrt. Unsere Krankenhausstruktur ist vor 100 Jahren entstanden und jetzt verabschiedet sich immer mal wieder ein Haus - aus rein wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Besser wäre, danach zu gehen, welchen Bedarf die Patienten in welcher Region haben und dahingehend das Angebot zu steuern.

Die Schere zwischen Krankenhäusern, denen es gut geht und denen es nicht so gut geht, geht immer weiter auseinander. Die guten machen sich durchaus Gedanken über kommende Entwicklungen. Sie kaufen vielleicht ein Start-up oder investieren in neue Technologien, um mehr zu lernen. Wer aber dauernd in den roten Zahlen ist, hat keine Kraft und kein Geld, um mal ein Pilotprojekt oder auch nur einen Workshop zu machen – da wird ums Überleben gekämpft. Und welcher Mensch möchte in ein Krankenhaus gehen, das kurz vor der Schließung steht? Momentan gehen Krankenhäuser vom Markt, weil sie es nicht mehr schaffen, weil sie ausgeblutet sind. Die haben jahrelang gegen die Insolvenz gekämpft, haben gespart, nicht mehr investiert. Der Patient kann das aber von außen gar nicht beurteilen, und das ist nicht gut. Das Sterbenlassen von Krankenhäusern ist so gesehen nicht in Ordnung. Weil der Patient dort nicht mehr optimal behandelt werden kann.

esanum: Wünschen Sie mehr Planwirtschaft?

Krolop: Nein, das nicht. Sondern eine Strategie, und zwar in Richtung innovativer, sektorenübergreifender, digitaler und patientenzentrierter Versorgungsmodelle. Solche Ansätze sind gefordert - entsprechend der Demografie und der Frage, welche Diagnosen und Therapien werden wir voraussichtlich haben? Wie können wir idealerweise die Patienten versorgen? Diese Fragen gehen weit über die Krankenhäuser hinaus, das ist auch eine sektorenübergreifende Frage.

esanum: Ist es nicht auch ein gutes Zeichen, wenn die Fallzahlen, also die Anzahl der stationären Patienten, sinkt?

Krolop: Das ist ein gutes Zeichen. Nur für die Krankenhäuser ist es schlecht, da sie es gewohnt waren, dass es immer 3 bis 4 Prozent Wachstum gab. Und wenn jetzt einer der Treiber - die Kombination Demografie, Prävalenzzahlen und Schweregrad wegbricht, dann ist das für die Häuser, die eine Fixkostenstruktur haben, sehr schwierig.

esanum: Was priorisieren Sie - Ökonomie oder Medizin?

Krolop: Ganz klar die patientenzentrierte Medizin. Die wiederum wirtschaftlich sein sollte – das funktioniert auch. Aber ich glaube, dass wir in vielerlei Hinsicht vergessen haben, was aus der Sicht des Patienten wichtig ist. Die schwierige Vernetzung zwischen den verschiedenen Sektoren ist beispielsweise nicht patientenfreundlich. Und das Vergütungssystem ist nicht auf gute Ergebnisqualität ausgerichtet, sondern die Vergütung geht nach Menge, nach Prozessen. Also wenn Sie irgendwo reinstechen oder irgendetwas operieren, kriegen Sie Geld, wenn Sie mit dem Patienten länger sprechen, kriegen Sie kein Geld. Das ist nicht immer zielführend.

esanum: Sie mahnen eine neue Rolle von Krankenhäusern an – in welcher Weise stellen Sie sie sich vor?

Krolop: Wir müssen uns bewusst sein, dass sich die Art und Weise, wie der Patient durch die Tür kommt, demnächst noch stärker verändert. Früher haben sie ein Krankenhaus irgendwo hingebaut und die Patienten kamen von allein. Dann wurde es schwieriger, man brauchte den einweisenden Arzt, musste sich mit einem Einweisermanagement befassen. Bald wird es so sein, dass Patienten durch digitale Plattformen oder Apps gelenkt werden. Das klassische Beispiel ist: "Siri, mir geht es nicht gut." Und dann werden sie vom Handy charmant durch eine Anamnese geführt. Auf einmal werden durch diese Möglichkeiten Patienten durch ein Gesundheitssystem gelotst, das diese Dinge noch gar nicht verstanden hat. Man muss also eine ganz neue Art und Weise der Patientensteuerung finden.

esanum: Was meinen Sie konkret, wenn Sie von "angestaubten Strukturen im Gesundheitswesen" sprechen?

Krolop: Der Gesetzgeber will uns ja schützen, das ist per se kein Nachteil. Das Gesundheitswesen ist deswegen sehr stark reguliert. Aber diese Regulation macht es schwer, neue Dinge, Innovationen einzubringen. Es ist eine stark abgeschirmte Industrie. Man kann nicht einfach ein Krankenhaus eröffnen, da muss man mit den Krankenkassen und anderen verhandeln. Aber nun kommen auf einmal neue Player ins Spiel, ähnlich wie z.B. bei den Taxis, die sich mit dem neuen Anbieter Uber auseinandersetzen müssen. Damit muss man sich auch im Gesundheitswesen auseinandersetzen. Doch je mehr ein Markt reguliert ist, desto schwieriger kann er mit solchen neuen Entwicklungen umgehen.

Ein Blick in die Welt, nach Asien, nach Amerika und Skandinavien zeigt, dass sie dort wesentlich weiter sind. Eine Krankenschwester kann auf einmal eine Praxis eröffnen, z.B. für Diabetiker oder chronisch Kranke. Das ist bei uns nicht möglich. Aber wenn unsere regulierte Abkapselung auseinanderbricht, ist unser Gesundheitssystem besonders gefährdet. Und durch digitale Lösungen wird genau das passieren. Die Regulierung, die Abkapselung wird brechen. Wenn der Patient sich mit Siri unterhält, kommt er nicht mehr in die nächste Praxis, nicht ins nächste Krankenhaus, damit müssen sich die jetzigen Marktteilnehmer auseinandersetzen. In anderen Bereichen, z.B. im Buchhandel sieht man, dass digitale Lösungen Geschäftsmodelle durcheinanderbringen. Das deutsche Gesundheitswesen bereitet sich aber darauf fast nicht vor.

esanum: Was müsste sich dringend und schnell ändern?

Krolop: Wir brauchen ein kluges Vergütungssystem, das ermöglicht, dass auch Innovation und Investition vergütet werden. Das ist im Moment nicht der Fall. Und wir müssen dahin kommen, dass wir den guten, kreativen Krankenhäusern die Möglichkeit geben, nicht nur stationäre Versorgung anzubieten, sondern auch an digitale Lösungen zu denken. Sodass sich die dafür nötigen Investitionen auch im Vergütungssystem wiederfinden. Innovation und Investition müssen bedarfsgerecht entwickelt werden. Die Digitalisierung muss die bürokratische Arbeitsverdichtung durch Automatisierungstools auflösen, damit Ärzte und Pfleger wieder mehr Zeit haben für die Patienten.

esanum: Wer ist da in der Pflicht?

Krolop: Das ist sicher schwierig. Man könnte einen runden Tisch machen – aber letztendlich ist es eine Sache der Politik. Es geht nicht in Richtung mehr Regulierung, sondern im Sinne von mehr Freiheit. Man muss sagen:  Macht gute Sachen, macht mehr Qualität – dann werdet ihr gut bezahlt. Mehr Unternehmertum an guten Krankhäusern ist besser, als schlechte Krankenhäuser am Leben zu erhalten. Das sagen auch viele Krankenkassen und Krankenhäuser Die Erkenntnis, dass Abschotten nicht mehr funktioniert, kommt immer stärker an.

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