Interview mit Prof. Karl Lauterbach zu seinem neuen Buch “Die Krebs-Industrie”

Interview mit Prof. Karl Lauterbach, Professor an der Universitätsklinik Köln, Adjunct Professor an der Harvard School of Public Health, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag

Interview mit Prof. Karl Lauterbach, Professor an der Universitätsklinik Köln, Adjunct Professor an der Harvard School of Public Health, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag. In seinem gerade erschienenen Buch “Die Krebs-Industrie” fordert er mehr Grundlagenforschung und realistische Preise für neue Krebs-Medikamente

esanum: Prof. Lauterbach, Sie haben in Ihrem neuen Buch sehr anschaulich den aktuellen Wissensstand zum Krebs erklärt, die neusten Behandlungsmöglichkeiten beschrieben und gleichzeitig harsche Kritik an der Pharma-Industrie geübt. An wen wendet sich das Buch eigentlich?

Lauterbach: Es wendet sich an jeden Interessierten, der verstehen will, wie Krebs funktioniert, und an alle, die sich für Gesundheitspolitik und gesellschaftspolitische Entwicklungen interessieren. Da die Babyboomer, also die zwischen 1950 und 1970 Geborenen, wie keine Generation vor ihr und – hoffentlich – keine nach ihr, betroffen sein wird, ist das ein wichtiges Thema für sehr viele Menschen. Denn jeder zweite von ihnen wird im Laufe seines Lebens an Krebs erkranken.

esanum: Sie machen eine Rechnung auf, die die ganze Gesellschaft betrifft: Wenn die Babyboomer-Generation ins „beste Krebsalter“ kommt, wie Sie formulieren, werden die Kosten der Behandlung mit den neuen, so genannten gezielten Therapien unser Solidarsystem nicht nur an seine Grenze führen, sondern das Gesundheitssystem in seiner jetzigen Form sprengen. 45 Milliarden Mehrkosten pro Jahr sehen Sie auf uns zukommen. Soll diese Zuspitzung Alarm machen?

Lauterbach: Das ist eine notwendige Zuspitzung, um auf das Problem hinzuweisen. Die Gesellschaft muss darauf eingestimmt werden, dass da ein Konflikt auf sie zukommt. Wir brauchen kostensenkende Maßnahmen, um neue, sehr teure Therapien nicht etwa rationieren zu müssen. Zu den bekannten gezielten Therapien kommen ständig neue hinzu. Und jede weckt große Hoffnungen und treibt die Kosten pro Patient in die Höhe.

esanum: Dämpfen Sie die Erwartungen der Patienten und Ärzte an die neuen Hightech-Arzneimittel, um künftige Kosten zu vermeiden?

Lauterbach: Ich möchte überhaupt nichts schlechtreden. Ich will die neuen Medikamente billiger machen! Bei den Checkpoint-Inhibitoren sehe ich beispielsweise großes Potenzial. Und auch Imatinib ist bei chronisch myeloischer Leukämie ein Meilenstein in der Krebstherapie. Der Nutzen anderer Therapien ist längst nicht so gut belegt. Im Gegenteil, manche bilden gefährliche Resistenzen heraus, die in den kurzfristigen Studien nicht berücksichtig werden, manche haben erhebliche Nebenwirkungen, die nicht eingestanden werden, viele verlängern das Leben nur um wenige Wochen bei starker Einschränkung der Lebensqualität. Kosten und Nutzen stehen hier in keinem gesunden Verhältnis. Das ist alles wissenschaftlich genau belegt. Sollte sich daran etwas künftig ändern, bin ich gern bereit, das zu berücksichtigen und öffentlich zu machen.

esanum: Die Preise, die die Pharma-Riesen für die gezielten Therapien fordern, bezeichnen Sie als unethisch – erwarten Sie wirklich, dass sich internationale Konzerne freiwillig moralisch anständig verhalten – und auf den Maximal-Profit verzichten?

Lauterbach: Ja, gewisse ethische Erwartungen habe ich schon an die Pharma-Industrie. Es ist unerträglich, dass sie die neuen Therapien für Entwicklungsländer oft erst gar nicht vorhalten, weil die nicht zahlen können. Aber mit Selbstverpflichtungen der Konzerne wird es natürlich nicht funktionieren. Sie gehen immer aggressiver vor, weil der Druck der Aktionäre, den Profit zu maximieren, sehr gewachsen ist. Wir Gesundheitspolitiker müssen dieser Markt-Macht entgegen treten.

esanum: Was werfen Sie der Krebs-Industrie insgesamt vor?

Lauterbach: Die hohen Preise resultieren nicht aus ihrem realen Nutzen. Die enormen Gewinne werden nicht in die Forschung reinvestiert. Auch lassen sich die Kosten nicht mit aufwändiger Forschung begründen. Entscheidende wissenschaftliche Entdeckungen werden viel mehr von der Allgemeinheit finanziert, weil sie an Universitäten erreicht und dann von den Konzernen aufgekauft, in Blitzverfahren zur Zulassungsreife gebracht und vermarktet werden. Die Pharmakonzerne missbrauchen ihre Marktmacht und erpressen die Gesellschaft mit Preisdiktaten, oft behindern sie sogar die Forschung und sie gefährden in absehbarer Zeit die Finanzierbarkeit unseres Gesundheitssystems. In Deutschland sind die Preise besonders hoch, weil die Unternehmen in jedem Land den Preis aufrufen, der ihnen gerade noch durchsetzbar scheint.

esanum: Was muss sich ändern, damit die Krebs-Industrie den Patienten dient – und nicht umgekehrt?

Lauterbach: Die Zulassungsstudien müssen sehr viel besser werden – größer, repräsentativer. Die schnellen Zulassungswege sind nicht gut. Die können sich nur wenige große Konzerne leisten. Studien werden unter Idealbedingungen gemacht, sind also in der alltäglichen Praxis nicht unbedingt wiederholbar – damit nur bedingt aussagekräftig, was den realen Nutzen für den Patienten betrifft. Hier müssen FDA in den USA und EMA in der Europa tätig werden, strengere Aufsicht führen, da setzen meine Vorschläge an. Die Preiskontrolle muss in der EU eine konzertierte Aktion werden. Ich bin für Qualität statt für Tempo.

esanum: Wo sehen Sie Möglichkeiten deutscher Forschungseinrichtungen?

Lauterbach: Deutsche Forschungseinrichtungen sind unterfinanziert. Mittelständische Pharma-Firmen arbeiten zudem nicht mit den Forschungsinstituten zusammen. Deutsche Firmen haben keine Netzwerke für schnelle Zulassungsverfahren. All das behindert sie stark. Sie können mit den großen amerikanischen und schweizer Konzernen nicht mithalten. Das lässt sich nur ändern, wenn Grundlagenforschung stark gefördert wird. Gleichzeitig brauchen wir mehr pharmafirmen-unabhängige Spezialisten.

esanum: Und was können Ärzte tun, um verantwortlich und im Interesse ihrer Patienten mit den neuen Therapien umzugehen?

Lauterbach: So viel lesen wie sie können. Sich unabhängig von Pharmakonzernen ein Bild machen, eine ausreichende Grundskepsis bewahren. Ärzte müssen sich über Studien informieren, fortbilden. Denn die Medikamente müssen bei den richtigen Patienten eingesetzt werden, und Patienten müssen besser aufgeklärt werden. Außerdem sollten Ärzte stärker auf Palliativ-Medizin setzen, die hat gute lebensverlängernde Angebote, weitet ihre Möglichkeiten gerade sehr aus. Auch interdisziplinäre Zusammenarbeit wird wichtiger. Das klingt alles anstrengend, aber der Arzt gewinnt dabei nur – es gibt kaum etwas Spannenderes, Faszinierenderes als die neuen Wege der Krebs-Behandlung.

esanum: Sie sagen, in dreißig Jahren könnte die Volksseuche Krebs weitgehend beherrschbar sein. Was muss geschehen, damit die medizinischen Fortschritte wirklich allen nutzen?

Lauterbach: Mehr Investitionen in die Grundlagenforschung. Wenn nur fünf Prozent des Umsatzes der zehn führenden Hersteller in Grundlagen-Forschung gesteckt werden, wie derzeit, ist das nicht genug. Es geht um ganz neue Wege – jenseits der bekannten – beim Verständnis von Krebs-Mechanismen, zum Beispiel um Durchbrüche bei den Suppressor-Genen. Das genetische Wissen um jeden einzelnen Krebs-Patienten wird sehr viel umfangreicher sein. Der Tumor wird genetisch immer besser untersucht, man wird Krebs in seinen unterschiedlichen Stadien erwischen. Viele Patienten werden Kombinations-Therapien brauchen. Womit wir wieder bei der Kosten-Frage sind.

esanum: Sind Sie optimistisch, dass das beides zugleich gelingen kann – mehr Forschung und realistische Preise?

Lauterbach: Wenn ich die Fortschritte in der Forschung der letzten Jahre betrachte und nach vielen Gesprächen mit Wissenschaftlern bin ich optimistisch. Auch viele amerikanische Spitzen-Ärzte lehnen sich derzeit ja gegen die unethischen Preise auf.

esanum: Der Spiegel schreibt über Sie: „Er ist angetreten, die deutsche Politik zu verändern.“ Kein kleiner Anspruch – wo sehen Sie Ihren Part in der Krebsindustrie?

Lauterbach: Ach, ich bin da bescheiden. Ich möchte eine gute Gesundheitspolitik machen, möchte aufklärerisch wirken – und zwar als Wissenschaftler in der Politik, der sich aktuell gut auskennt.


Das Gespräch führte Vera Sandberg.

Vera Sandberg#Vera Sandberg

Vera Sandberg, geboren 1952 in Berlin, absolvierte ihr Journalistik-Studium in Leipzig und war 12 Jahre lang Redakteurin einer Tageszeitung in Ost-Berlin. Im Juni 1989 wurde ihr die Ausreise bewilligt, seit 1990 ist sie Autorin für verschiedene Publikationen, Journalistin für medizinische Themen und hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt “Krebs. Und alles ist anders”. Vera Sandberg ist Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern und lebt seit 2000 bei Berlin.

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