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Interview mit Prof. Martin Fassnacht, Präsident des diesjährigen Endokrinologiekongresses

Aktuelle Studien zu GLP1-Analoga, vielversprechende Lipidsenker, ein Steroid-Fingerabdruck zur Tumorerkennung, Adipositas und überflüssiges Vitamin D - die Themen beim 60. Deutschen Kongress für Endokrinologie 2017.

Fragen an Prof. Martin Fassnacht, Universitätsklinikum Würzburg, Präsident des 60. Deutschen Kongresses für Endokrinologie im März 2017.

esanum: Was hat sich die Gesellschaft für Endokrinologie zu ihrem 60. Kongress besonders auf die Fahnen geschrieben? Unter welchem großen Thema steht das Treffen?

Fassnacht: Es gibt vier offizielle Hauptthemen, die sich natürlich etwas an unseren Würzburger Schwerpunkten orientieren: Endokrine Tumore, Adipositas, Kardiovaskuläre Endokrinologie und neue Diagnostik bei Hormonstörungen.

esanum: Welche spannenden Neuigkeiten wird es geben?

Fassnacht: Es gibt eine Menge Neues. Der Kongress ist eine Mischung aus Grundlagen-  und klinischer Forschung. Auf einer eigenen Sitzung für "Emerging Research Message" wird die Biochemikerin Prof. Almut Schulze aus Würzburg darstellen, wie man den Metabolismus von einem Tumor ganz neu messen kann. Und in der gleichen Sitzung stellt Prof. Axel Walch aus München ein neues massenspektrometrisches Verfahren vor, das an operierten Tumoren neben spektakulären Bildern auch komplett neue Informationen über die Tumore liefert. Sie zeigen, welche Stoffwechselprozesse sich in welcher Zelle abspielen.

Für die Kliniker werden in einer eigenen Sitzung die neusten Ergebnisse der wesentlich sogenannten Outcome-Studien im Bereich der Diabetetologie der letzten 18 Monate vorgestellt. Prof. Christoph Wanner, einer der Hauptautoren der Empa-Reg-Outcome-Studie, wird von dieser wichtigen Studie berichten, die erstmalig seit über 10 Jahren positive Ergebnisse bei Typ 2 Diabetikern erzielt hatte.

Ähnliches gilt dann aber auch für aktuelle Studien zu den GLP1-Analoga, die Prof. Seufert vorstellen wird. Außerdem wird Prof. Klaus Parhofer interessante Daten zu einem neuen Lipid-Senker zeigen. Das ganz Neue daran ist, dass man jetzt weiß, dass diese neue Medikamentenklasse nicht nur die Cholesterin-Werte sehr deutlich senken kann, sondern auch zu weniger Schlaganfällen und weniger Herzinfarkten führt.

esanum: Was werden daneben noch Kongress-Highlights sein?

Fassnacht: Prof. Arya Sharma aus Kanada wird darüber sprechen, warum Adipositas eine chronische Erkrankung ist. Dieser Vortrag wird ganz sicher ein Highlight. Und die Berthold-Medaille, die höchste Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, erhält Frau Prof. Wiebke Arlt aus Birmingham. In der Berthold-Lecture wird sie über den sogenannten Steroid-Fingerabdruck im Urin  bei Nebennierentumoren-Patienten sprechen. Mit dieser neuartigen Labormethode kann man sehr zuverlässig gutartige von bösartigen Tumoren unterscheiden. Noch wird dieses Verfahren nicht im klinischen Alltag eingesetzt, aber ich bin sicher, dass es in Zukunft in die Routinediagnostik Eingang finden wird.

esanum: Viel wird derzeit unter Endokrinologen über die Rolle von Vitamin D diskutiert. Was ist Hype und was evidenzbasiert?

Fassnacht: Meine Meinung ist, das ist momentan größtenteils Hype. Was wir bisher wirklich evidenzbasiert wissen, ist wenig bis sehr wenig. Klar ist, dass ein schwerer Vitamin-D-Mangel, also Blutspiegel unter 10 Nanogramm pro Milliliter, schlecht für den Patienten, vor allem für seine Knochen und das Muskelskelett-System sind. Aber der Großteil der Patienten oder besser Menschen mit sogenanntem Vitamin-D-Mangel haben einen Spiegel zwischen 10 und 30 und viele davon einen Spiegel zwischen 20 und 30, was aus meiner Sicht nicht krankhaft ist.

esanum: Das ist alles nicht behandlungsbedürftig?

Fassnacht: Es gibt leider überhaupt keine Daten, die zeigen könnten, dass eine Behandlung mit Vitamin D irgendetwas eindeutig verbessert. Es gibt z. B. viele  Studien, die  nachweisen konnten, dass es scheinbar einen Zusammenhang zwischen „Vitamin-D-Mangel“ und der Tumor-Entwicklung gibt. Und das hat die Hoffnung geweckt, dass man beispielsweise Darmkrebs zurückdrängen kann, wenn man Vitamin D gibt. Aber was zeigte sich dann in der großen Studie, die Vitamin D zu diesem Zwecke verabreicht hat? Keine wirkliche Verbesserung.

esanum: Es schadet aber auch nicht, wenn man Vitamin D nimmt?

Fassnacht: Nein, das ist der Charme am Vitamin D. Es schadet in „normalen“ Dosen meist nicht. Aber wir Ärzte sind ja nicht dazu da, nicht zu schaden, sondern zu helfen. Und ich bin auch überzeugt, dass manche Menschen sich alleine schon deshalb kränker fühlen, weil sie ein weiteres Medikament nehmen.

esanum: Lange hoffte man, Herzkrankheiten, Diabetes, Krebs, Depressionen, grippale Infekte und Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose können mit Hilfe von Vitamin D abgewehrt werden. Alles falsch?

Fassnacht: Für alles, was bisher sauber getestet wurde, ist die Antwort eindeutig: Es stimmt nicht!

esanum: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfahl vor zwei Jahren 20 Mikrogramm Vitamin-D am Tag zu sich zu nehmen. Was sagen Sie?

Fassnacht: Ich stimme dem nicht zu. Es gibt spezielle Patientengruppen, die – wahrscheinlich! - davon profitieren würden. Das sind die älteren, bettlägerigen Patienten, die nicht mehr viel an die frische Luft kommen. Da mag es sinnvoll sein, Vitamin D zu geben. Wir haben eine ganze Menge Patienten, die unnötig zu viel nehmen, und die es brauchen könnten, bekommen es sicher zum Großteil nicht.

esanum: Dem Robert-Koch-Institut zufolge sind 60 Prozent der Bevölkerung unzureichend mit Vitamin D versorgt – sehen Sie darin keine Gefahr?

Fassnacht: Nein, die legen einen Spiegel von unter 30 zugrunde. Ich sehe darin nicht gleich eine bedrohliche Unterversorgung. Ich würde sogar davor warnen, das zu tun.

esanum: Sie forschen in Würzburg speziell zum Cushing-Syndrom, eine seltene Erkrankung, was sind Ihre ersten Ergebnisse?

Fassnacht: Wir sind in der molekularen Forschung in den letzten zwei Jahren dramatisch weiter gekommen. Bisher wusste man fast überhaupt nicht, warum das Cushing-Syndrom entsteht. Es gibt verschiedene Formen. Die häufigste Ursache ist ein gutartiger Tumor in der Hirnanhangsdrüse. Dafür haben wir zusammen mit Kollegen in München und in Japan eine molekulare Ursache gefunden, welche ein gutes Drittel der Fälle erklärt. Und beim Cushing der Nebenniere wusste man das bisher nur in drei bis vier Prozent der Fälle - wir haben nun eine Ursache gefunden, die immerhin 40 Prozent der Fälle erklärt.

esanum: Ziel ist es, die molekularen Grundlagen des Cushing-Syndroms vollständig zu entschlüsseln. Was erhoffen Sie sich davon?

Fassnacht: Unser Ziel ist natürlich, die Erkrankung besser zu verstehen und damit langfristig auch die Behandlungsmöglichkeiten zu verbessern.

esanum: Wo stehen wir derzeit auf einer Skala von 0 bis 10?

Fassnacht: Vielleicht zwischen drei und vier. Aber vor zwei Jahren standen wir noch auf 0 bis 1. Das ist zum großen Teil durch einen technischen Fortschritt möglich geworden. Man kann jetzt in relativ kurzer Zeit, die gesamten kodierenden DNA-Sequenzen eines Tumors analysieren und dadurch Mutation finden. Der nächste Schritt ist es dann zu beweisen, dass diese auch wirklich schuld sind an der Erkrankung. Damit sind wir derzeit beschäftigt. Aktuell arbeiten wir zum Beispiel auch mit Tierärzten aus Holland und Belgien zusammen. Das Hunde-Cushing Syndrom kommt 1000mal häufiger vor als Cushing beim Menschen. Wir erhoffen uns von diesen Forschungsarbeiten im Endeffekt Rückschlüsse auf den Menschen.

esanum: Was ist die Hoffnung für die Entwicklung neuer Medikamente? Dürfen sich heute Erkrankte Hoffnung auf baldige Heilung machen?

Fassnacht: Hoffnung schon. Aber Diagnostik und Therapie zu verbessern, das wird sicher noch einige Jahre brauchen. Das, was wir aktuell im Labor machen, wird einen langen Weg brauchen, bis es beim einzelnen Patienten ankommt – schätzungsweise mindestens 10 Jahre.

Das Gespräch führte Vera Sandberg.

Vera Sandberg, geboren 1952 in Berlin, absolvierte ihr Journalistik-Studium in Leipzig und war 12 Jahre lang Redakteurin einer Tageszeitung in Ost-Berlin. Im Juni 1989 wurde ihr die Ausreise bewilligt, seit 1990 ist sie Autorin für verschiedene Publikationen, Journalistin für medizinische Themen und hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt “Krebs. Und alles ist anders”. Vera Sandberg ist Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern und lebt seit 2000 bei Berlin.