Ist Impfangst ein Luxusproblem?

Im Interview mit esanum erklärt Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), warum er für eine Impfpflicht plädiert und Bedenken von Eltern für die Folgen

Im Interview mit esanum erklärt Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), warum er für eine Impfpflicht plädiert und Bedenken von Eltern für die Folgen einer Überflussgesellschaft hält

Sind Impfungen eine persönliche Angelegenheit oder hat der Staat die Aufgabe, für eine ausreichende Impfung der Bevölkerung zu sorgen? Regelmäßig entsteht in Deutschland eine Diskussion um die Impfpflicht – aktuell aufgrund der Verbreitung von Masern. Die Argumente der Gegner gegen eine Impfpflicht: Das Selbstbestimmungsrecht jedes einzelnen habe Vorrang und Eltern müssten selbst entscheiden dürfen, ob ihr Kind geimpft werden soll. Zusätzlich seien die langfristigen Auswirkungen einer Impfung auf den Organismus nicht geklärt. Dagegen plädiert Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), im Gespräch mit esanum für eine Impfpflicht. Nur auf diese Weise lasse sich eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent erreichen, so Hartmann.

esanum: Sie fordern eine deutlich höhere Impfquote für Kinder in Deutschland. Wie könnte diese erreicht werden?

Hartmann: Um einen Herdenschutz der Bevölkerung zu erreichen, benötigen wir eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent. Da alle Appelle an die Vernunft der Eltern bisher nicht dazu geführt haben, dass impfpräventable Erkrankungen in Deutschland nicht mehr vorkommen, müssen wir andere Maßnahmen ergreifen, um zum Beispiel die Zusage der Bundesregierung gegenüber der Weltgesundheitsorganisation WHO zu erfüllen, die Masern in Deutschland bis 2015 auszurotten. Amerika hat uns gezeigt, dass dies möglich ist mit der Verpflichtung, dass Kinder vor dem Besuch von Kindergärten und Schulen einen kompletten Impfnachweis vorlegen müssen.

esanum: Gegen welche Krankheiten sollten Eltern ihre Kinder unbedingt impfen lassen?

Hartmann: Da ein Kind ein Grundrecht darauf hat, sollte es gegen alle Erkrankungen geimpft werden, gegen die ein gut wirksamer Impfstoff bei uns zugelassen ist und die bei uns relevant sind beziehungsweise sein könnten. Aktuell sind dies die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Impfungen für Kinder gegen Diphtherie, Tetanus, Polio, HIB, Pertussis, Hepatitis B, Masern, Mumps, Röteln, Varicellen (Windpocken), Pneumokokken, Meningokokken C und Rota-Virusinfektionen.

esanum: Wie erklären Sie sich, dass eine Impfpflicht in Deutschland so kritisch diskutiert wird? Wovor haben Eltern Angst?

Hartmann: Dies ist ein Luxusproblem in einer Überflussgesellschaft. In Entwicklungsländern wird darüber überhaupt nicht diskutiert. Hier wäre man froh, wenn man die Mittel hätte, die Kinder zu impfen. Die Eltern lassen sich von wenigen, aber im Internet sehr aktiven Impfgegnern, beeinflussen.

esanum: Was sind die Gründe dafür, dass besonders die Masern wieder stärker auftreten?

Hartmann: Die Hauptgründe sind die unzureichenden Raten der notwendigen Zweitimpfung und eine verspätete Erstimpfung.

esanum: Inwieweit sind neben Kinderärzten auch andere Ärztegruppen (beispielsweise Allgemeinmediziner) aufgerufen, ihren Patienten Impfungen nahe zu bringen?

Hartmann: Es sollte selbstverständlich sein, dass zumindest auf der hausärztlichen Versorgungsebene bei jedem Arzt-Patienten-Kontakt (APK) der aktuelle Impfstatus überprüft und entsprechend beraten wird. In der Kinder- und Jugendmedizin ist das selbstverständlich.

www.bvkj.de

Interview: Volker Thoms

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