Klinikärzte leiden unter Dokumentationszwängen

Bis zu drei Stunden verbringen Ärzte in Kliniken am Schreibtisch. Besonders Unikliniken klagen über hohe Dokumentationskosten.

Die zunehmende Bürokratie macht den Klinikärzten in Deutschland zu schaffen. Bis zu drei Stunden täglich verbringen Klinikärztinnen und Klinikärzte am Schreibtisch statt am Patientenbett: Aufnahme- und Entlassungsgespräche müssen dokumentiert, der Behandlungsverlauf in der Patientenakte notiert, Berichte verfasst und Kassenanfragen beantwortet werden. Die Professoren Matthias W. Beckmann und Professor Michael P. Lux von der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen kommen zu diesem Ergebnis in einer in der Fachzeitschrift “Das Gesundheitswesen” (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) veröffentlichten Studie und beziehen sich darin auf den enormen Dokumentationsaufwand in der Brustkrebsbehandlung. Auch eine Umfrage unter Ärzten von esanum hat ergeben, dass 86 Prozent der Ärzte sich über zu viel Bürokratie beklagen.

Für Klinikdirektor Professor Beckmann, den leitenden Oberarzt Professor Lux und deren Mitautoren aus zahlreichen anderen Kliniken besteht eine große Diskrepanz zwischen dem Dokumentationsaufwand, welcher der medizinischen Qualitätssicherung dient, und den derzeitigen sehr viel umfangreicheren Dokumentationsanforderungen. “Von der Anamnese bis zum Ende der Nachsorge fallen für jede Patientin durchschnittlich 23 Stunden für die Dokumentation an”, fassen die Erlanger Mediziner ein Kernergebnis der Studie zusammen. Dabei schwankt der zeitliche Aufwand zwischen den an der Studie teilnehmenden Zentren erheblich und liegt zwischen 11,5 und 32,5 Stunden pro Patientin. Entsprechend liegen auch die Dokumentationskosten sehr uneinheitlich zwischen 353 Euro am unteren und über 1.000 Euro am oberen Ende der Skala. Dabei kam das einzige nicht-zertifizierte Brustzentrum unter den sieben teilnehmenden Einrichtungen auf die niedrigsten Werte, die Universitäten auf die höchsten.

Elektronische Akte kann sich positiv auswirken

“Insgesamt liegen in den universitären Häusern die Dokumentationskosten deutlich über denen in nicht-universitären Häusern”, konstatieren Beckmann und Lux. Dazu könne neben der Infrastruktur unter anderem die aufwendige Teilnahme an medizinischen Studien beigetragen haben. Eine Ausnahme bildet die Universität Tübingen, die mit 547 Euro pro Patientin recht niedrige Kosten für die Dokumentation ausweist. Hier wirkt sich offenbar die Einführung einer elektronischen Akte positiv aus, die eigens an der dortigen Frauenklinik entwickelt wurde. Derartige elektronische Lösungen könnten dabei helfen, unnötige Mehrfachdokumentationen zu vermeiden, so die Autoren der Studie.

Ein einheitliches, interdisziplinär nutzbares Dokumentationssystem, auf das alle an der Patientenversorgung mitwirkenden Berufsgruppen – auch im ambulanten Sektor – Zugriff haben, könnte die Dokumentationsabläufe erheblich straffen. Sogar der Zahnarzt oder der Physiotherapeut könnte den Gesundheitszustand der Patientinnen mitdokumentieren. Einsparpotenzial sehen die Mediziner auch bei den Vorgaben zur onkologischen Qualitätssicherung – hier gebe es zu viele, teils nicht relevante Parameter, die erfasst werden müssten. “Es müssen wenige, dafür jedoch wirklich relevante Variablen für die Qualitätssicherung festgelegt werden”, fordern sie.

Weitere Ansatzpunkte für Einsparungen ergeben sich für die Autoren daraus, dass weit mehr als die Hälfte der Dokumentationskosten auf die Ärztinnen und Ärzte entfällt. Hier würde es entlastend wirken, nicht-ärztliche Berufsgruppen zu stärken und zum Beispiel die Ausbildung von medizinischen Dokumentationsassistenten auf dem Gebiet der Tumordokumentation zu fördern. Nicht zuletzt fordern die Autoren eine adäquate Vergütung der zertifizierten Zentren – die Arbeit zeigt Mehraufwand, der im Rahmen einer Zertifizierung anfällt, deutlich.

Quelle: M. W. Beckmann et al.: Dokumentationsaufwand und verbundene Ressourcen bei Patientinnen mit einem primären Mammakarzinom – von der Primärdiagnose bis zum Abschluss der Nachsorge – Ergebnisse der multizentrischen Erhebung, Das Gesundheitswesen 2016; 78 (7); S. 438-445

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