Lebenszeit-Blutdruck steigt schneller bei Frauen als bei Männern

Frauen verzeichnen im Laufe ihres Lebens einen stärkeren Blutdruckanstieg als Männer, was ihr erhöhtes Risiko für bestimmte kardiovaskuläre Erkrankungen wie koronare mikrovaskuläre Dysfunktion und diastolische Herzschwäche erklären könnte.

Rapider Anstieg schon ab dem 20. Lebensjahr

Frauen verzeichnen im Laufe ihres Lebens einen stärkeren Blutdruckanstieg als Männer, was ihr erhöhtes Risiko für bestimmte kardiovaskuläre Erkrankungen wie koronare mikrovaskuläre Dysfunktion und diastolische Herzschwäche erklären könnte.

Ein idealer Blutdruck liegt bei 120/80 mmHg, und das gilt für Männer und Frauen. Ist er erhöht, drohen typische Herz-Kreislauf-Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzinsuffizienz. Interessanterweise erkranken Frauen daran jedoch seltener, beziehungsweise eher später im Leben. Nach gängiger Lehrmeinung besitzen sie allein schon aufgrund ihres Geschlechts ein geringeres kardiovaskuläres Risiko als Männer. Einige eher untypische kardiovaskuläre Krankheiten treten bei Frauen jedoch häufiger auf, wie beispielsweise die koronare mikrovaskuläre Dysfunktion (CMD) oder die diastolische Herzschwäche (auch HFpEF genannt). Diese Erkenntnisse lassen vermuten, dass Frauen im Vergleich zu Männern eine unterschiedliche kardiovaskuläre Physiologie haben. Da der Blutdruck ein wichtiger kardiovaskulärer Risikofaktor ist und zudem Aufschluss über den Zustand des Gefäßsystems gibt, haben sich Wissenschaftler um Dr. Ji Hongwei von der Harvard Medical School in Boston entschlossen, die Entwicklung des Blutdrucks im Laufe des Lebens zwischen Männern und Frauen zu vergleichen. Sie erhoffen sich dadurch, Rückschlüsse ziehen zu können, warum Männer und Frauen im Alter an so unterschiedlichen kardiovaskulären Erkrankungen leiden.

Retrospektive Studie mit über 32.000 Teilnehmenden

In die kürzlich im Fachmagazin JAMA Cardiology veröffentlichte retrospektive Studie flossen Blutdruck-Daten von insgesamt 32.833 Testpersonen (54% weiblich, Alter: 5 bis 98 Jahre) ein. Die Daten wurden über 43 Jahre im Zeitraum von 1971 bis 2014 in vier großen US-amerikanischen Studien erhoben. Insgesamt analysierte das Forschungsteam rund 145.000 Blutdruckdaten. In allen Studien wurde der Blutdruck im Sitzen nach fünfminütiger Ruhezeit gemessen. Da teilweise unterschiedliche Blutdruckmessgeräte benutzt wurden, adjustierten die Forschenden die erhobenen Daten mittels eines mathematischen Modells. Zur Untersuchung der Frage, wie sich der Blutdruck bei Frauen und Männern im Laufe des Lebens entwickelt, führte das Fotschungsteam eine sogenannte mixed-effects Regressionsanalyse durch, in der Confounder wie Body Mass Index, Blutlipidwerte, Diabetes, Nikotinabusus, ethnische Herkunft, und die Einnahme von Blutdrucksenkern berücksichtigt wurden.

Frauen überholen Männer im siebten Lebensjahrzehnt

Die Ergebnisse der Analyse zeigten, dass Frauen einen stärkeren systolischen Blutdruckanstieg verzeichneten als Männer, und das schon ab der dritten Lebensdekade. Zwar starteten Frauen im jungen Erwachsenenalter mit einem niedrigeren systolischen Blutdruck als Männer (105 versus 115 mmHg), doch sie überholten den Blutdruck der Männer im siebten Lebensjahrzehnt. Über das gesamte Leben gesehen lag der Blutdruckanstieg der Frauen bei rund 40 mmHg während er sich bei Männern nur um rund 25 mmHg erhöhte. Ähnliche Resultate fanden sich auch bei der Analyse des mittleren arteriellen Drucks und des Pulsdrucks (beide Werte berechnet aus systolischem und diastolischem Blutdruck).

Wurde der diastolische Blutdruck isoliert betrachtet, zeigte sich ein etwas anderes Ergebnis: Auch hier starteten die Frauen niedriger als die Männer (68 versus 75 mmHg), jedoch war der Anstieg des Blutdrucks bis zum 50. Lebensjahr in beiden Gruppen vergleichbar. Nach dem 50. Lebensjahr fiel der diastolische Blutdruck in beiden Gruppen wieder ab, bei Männern jedoch etwas stärker als bei Frauen, sodass beide Geschlechter im hohen Alter einen ähnlichen diastolischen Blutdruckwert erreichten (rund 70 mmHg). Netto senkten die Männer also ihren diastolischen Blutdruck im Alter, während er bei Frauen im Vergleich zur dritten Lebensdekade leicht anstieg.

Die Forschenden untersuchten auch die Rate an kardiovaskulären Ereignissen und verglichen sie zwischen Männern und Frauen. Erwartungsgemäß zeigte sich, dass mehr Männer als Frauen eine typische Herz-Kreislauf-Krankheit entwickelten (29,7% versus 20,5%). Das Risiko für Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, und Schlaganfall war für das männliche Geschlecht im Laufe des Lebens rund 61% höher.

Frauen haben ein anderes Gefäßsystem als Männer

Die Daten der Studie weisen darauf hin, dass sich der Blutdruck im Laufe des Lebens schon sehr frühzeitig geschlechtsabhängig entwickelt: So steigt er bei Frauen schneller an als bei Männern. Da vermutet wird, dass der weibliche Körper eher an einen niedrigeren Blutdruck gewöhnt ist, könnte der schnelle Blutdruckanstieg das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen bei Frauen überdurchschnittlich erhöhen. Bleibt die Frage, warum Männer dann im Durchschnitt 10 bis 20 Jahre vor Frauen einen Herzinfarkt oder eine Herzschwäche erleiden. Die AutorInnen erklären sich die Diskrepanz mit geschlechtsspezifischen Unterschieden im Gefäßsystem. Einfach gesagt sind die Blutgefäße von Frauen "kleiner und dünner" als die der Männer. Ein erhöhter Blutdruck – insbesondere ein erhöhter mittlerer arterieller Druck als Zeichen des Remodelings kleiner Gefäße – führt dann nicht zu den typischen kardiovaskulären Erkrankungen großer Gefäße wie Herzinfarkt und Schlaganfall, sondern zu Erkrankungen kleinerer Gefäße. Dies könnte erklären, warum Frauen häufiger und früher an CMD erkranken, eine Krankheit, bei der vorwiegend die kleinen Gefäße betroffen sind. Der stärkere Anstieg des Pulsdrucks bei Frauen, der als Indikator für die Gefäßsteifigkeit genutzt werden kann, könnte in dem Zusammenhang auch das gehäufte Auftreten einer diastolischen Herzinsuffizienz beim weiblichen Geschlecht erklären.

Ist es an der Zeit für geschlechtsspezifische Blutdruck-Referenzwerte?

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass für Frauen und Männer unterschiedliche Blutdruck-Referenzwerte gelten sollten. Bleibt abzuwarten, wie die hiesigen kardiologischen Gesellschaften die Studienergebnisse in ihren Leitlinien einarbeiten. Eines ist jedoch sicher: Frauen sind nicht – wie oft vermutet – besser geschützt vor kardiovaskulären Erkrankungen als Männer. Sie entwickeln nur andere Erkrankungen. Daher ist es wichtig, auch Frauen (und nicht nur Männer) optimal primärpräventiv zu behandeln, um ihr kardiovaskuläres Risiko bestmöglich zu reduzieren.

Quelle:
Hongwei J et al. Sex Differences in Blood Pressure Trajectories Over the Life Course. JAMA Cardiology. Published online January 15, 2020. doi:10.1001/jamacardio.2019.5306

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