Demenz: Pflegefachkräfte übernehmen erstmals ärztliche Aufgaben

Menschen mit Demenz haben einem hohen Versorgungsbedarf - aber oft fehlen spezielle Versorgungsangebote am Wohnort der Betroffenen. Das DZNE leitet ein Studienprojekt, in dem Pflegefachkräfte erstmals einzelne ärztliche Tätigkeiten übernehmen.

Menschen mit Demenz zuhause besser versorgen

In Deutschland leben gegenwärtig 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Das Fortschreiten der Erkrankung führt häufig zu einem hohen Versorgungsbedarf, der bei vielen Betroffenen, die in der Häuslichkeit leben, nicht umfassend erfüllt werden kann ─ zum Beispiel, weil die nächste ärztliche Praxis weit entfernt ist oder spezielle Versorgungsangebote am Wohnort der Betroffenen nicht verfügbar sind. Um diesem Mangel Abhilfe zu leisten, leitet das DZNE ein Studienprojekt, in dem Pflegefachkräfte erstmals einzelne ärztliche Tätigkeiten im Bereich der ambulanten Demenzversorgung übernehmen. Fachkräfte der Alten- und Krankenpflege werden dafür geschult und weiterqualifiziert.

Pflegehilfsmittel verschreiben, psychosoziale Beratung und Betreuung leisten, Abstimmungen mit beteiligten Professionen wie z.B. Physio-, Ergo- und Logotherapie ─ das sind typische Tätigkeiten, die bisher allein von Ärztinnen und Ärzten bei Menschen mit Demenz ausgeführt werden. Die abnehmende Zahl von Arztpraxen und lange Wege machen diese Versorgung in ländlichen Regionen aber zunehmend schwieriger. Auch die ausreichende Versorgung von Betroffenen in der Großstadt stellt aufgrund der Überlastung von Pflegediensten ein Problem dar. Deshalb sollen künftig speziell qualifizierte Pflegefachkräfte diese Tätigkeiten übernehmen.

Ziel: Versorgungslücken bei Demenz reduzieren und dadurch Lebensqualität verbessern

Um künftig eine standardisierte Zusatzqualifikation der Pflegefachkräfte zu ermöglichen, führt das DZNE seit Januar ein Studienprojekt unter dem Namen "InDePendent" ("Interprofessionelle Demenzversorgung: Aufgabenneuverteilung zwischen Ärzten und qualifizierten Pflegefachpersonen in der häuslichen Versorgung") durch. Das Projekt wird vom DZNE geleitet und in enger Zusammenarbeit mit mehreren Konsortialpartnern wie der Techniker Krankenkasse, der AOK Nordost und der Universitätsmedizin Rostock umgesetzt. Die Evaluation des Projektes erfolgt durch das Institut für Community Medicine der Universitätsmedizin Greifswald.

Zu den teilnehmenden Bundesländern zählen neben Mecklenburg-Vorpommern auch Brandenburg und Hessen, welche sich mit den Ärztenetzwerken HaffNet, GNEF Gesundheitsnetz Frankfurt a.M. eG, MEDIS Ärztenetz Südbrandenburg und dem Demenz-Netzwerk-Uckermark e.V. an der Durchführung beteiligen. Die Qualifikation der Pflegefachpersonen wird durch den Bildungsträger WBS Training AG umgesetzt. Der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) fördert das InDePendent Projekt mit insgesamt ca. 4,3 Millionen Euro. "Unser Ziel ist, bestehende Versorgungslücken durch die Aufgabenumverteilung zu reduzieren und damit langfristig die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern", sagt Projektleiter Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann, Standortsprecher des DZNE Rostock/Greifswald. "Auch deren Angehörige sollen entlastet werden ─ und ebenso die Hausärzte, die sich dadurch auf ärztliche Kernkompetenzen konzentrieren können."

Intensive wissenschaftliche Betreuung des InDePendent-Projektes

Im Rahmen des Projektes werden im eigenen Zuhause lebende Menschen mit einem Alter von mindestens 70 Jahren und dementieller Erkrankung von ihren Hausärztinnen und Hausärzten über die Studie aufgeklärt und nach Einwilligung als Teilnehmende aufgenommen. Sie werden dann per Zufall in Interventions- oder die Warte-Kontroll-Gruppe eingeteilt. Die teilnehmenden Patienten der Interventionsgruppe bekommen für einen Zeitraum von sechs Monaten eine speziell geschulte Pflegefachkraft mit erweiterter Pflegerolle zur Seite gestellt. Diese identifiziert die Versorgungsbedarfe mit Hilfe eines IT-basierten Versorgungs-Management-Systems und setzt diese anschließend um. Bislang ärztliche Leistungen können nach Rücksprache mit der hausärztlichen Praxis durch die Pflegefachkraft ausgeführt werden. In einer Warte-Kontroll-Gruppe hingegen wird zunächst für sechs Monate die übliche Routineversorgung geleistet ─ anschließend kümmert sich die speziell qualifizierte Pflegefachperson auch um diese Teilnehmenden.

Zu Beginn der Teilnahme sowie nach Abschluss der Betreuung durch die Pflegefachkraft werden die Lebens- und Versorgungssituation der Patienten erfasst und im Anschluss die Unterschiede zwischen beiden Gruppen identifiziert. Nach Beendigung der Teilnahme sollen die Versorgungsbedarfe erneut abgefragt werden, um die Wirksamkeit des neuen Konzeptes zu überprüfen. Das Projekt ist erfolgreich, wenn die Anzahl der unerfüllten Versorgungsbedarfe in der Interventionsgruppe deutlich niedriger als in der Warte-Kontroll-Gruppe ist. Erste Ergebnisse werden im Jahr 2022 erwartet.

Rechtliche Grundlage der erstmaligen Umsetzung für die ambulante Versorgung

Grundlage für das Projekt "InDePendent" und das darin integrierte Weiterbildungsangebot ist eine Regelung im Pflegeweiterentwicklungsgesetz aus dem Jahr 2008, die es Pflegefachkräften ermöglicht, ärztliche Tätigkeiten zu übernehmen: Der Paragraph 63 Abs. 3c SGB V enthält einen erweiterten Katalog von ärztlichen Tätigkeiten, die von Berufsangehörigen der Alten- und Krankenpflege übernommen werden dürfen. "Noch niemand hat diese erweiterte Pflegerolle in der ambulanten Versorgung umgesetzt", erklärt Wolfgang Hoffmann. "Wir sind die ersten, die ganz konkret diese neue Versorgungsform für Menschen mit Demenz, die zuhause leben, einführen wollen. Mit unserer Studie wollen wir die wissenschaftliche Basis dafür schaffen. Wenn der Praxistest jetzt erfolgreich ist, möchten wir diese neue Versorgungsform deutschlandweit etablieren. Dann könnte vielen Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen in der Häuslichkeit besser geholfen werden", so Hoffmann.

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