Mit Gesang fürs Rettungswesen einsetzen

Die Probleme im deutschen Rettungswesen sind nicht neu: Auf originelle Art schaffen es ein Notfallsanitäter, eine Notärztin und ein Mitarbeiter aus der Leitstelle, auf Missstände aufmerksam zu machen.

Fehlende Anerkennung von NotfallsanitäterInnen

Die Probleme im deutschen Rettungswesen sind nicht neu: Auf originelle Art schaffen es ein Notfallsanitäter, eine Notärztin und ein Mitarbeiter aus der Leitstelle, auf Missstände aufmerksam zu machen.

Hier geht es täglich um Leben und Tod. Der Rettungswagen und die Rettungsleitstelle sind eigentlich keine Orte, wo lustige, selbst gereimte Lieder geträllert werden. Ein Notfallsanitäter, eine Notärztin und ein Rettungsassistent haben aber genau das getan und mit ihren selbst geposteten Videos Internet-Hits gelandet. Alle drei machen in humorvoller Weise auf Probleme in ihrem Alltag aufmerksam: Sie klagen über gesetzliche Vorgaben, den Missbrauch des Notrufs sowie fehlende Anerkennung.

Geringe Hemmschwelle, Rettungskräfte zu alarmieren

"Meine Nummer, die kennt wohl jedes Kind, doch mancher wählt sie auch mal zu geschwind", singt Jan Dreier, der in der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland in Wittmund Notrufe entgegennimmt. Mit Husten, "und das schon 14 Tage", verlangten sie "'ne Rettungstrage". Nach Beobachtung des 30-Jährigen sinkt die Hemmschwelle, die Rettungskräfte zu alarmieren: "Es rief sogar mal eine Frau an, die wollte, dass die Feuerwehr ihr Sandsäcke liefert, weil ihr Keller überschwemmt war." Dagegen hätten ältere Leute, denen es richtig schlecht geht, oft Scheu, die 112 zu wählen.

Dreier ist völlig überwältigt von den Hunderten Kommentaren zu seinem Zweieinhalb-Minuten-Video. "Lieber Kollege, du sprichst mir aus der Seele!" heißt es da. Oder: "Gruß aus Bayern. Respekt und gut rübergebracht". Oder: "Super gesungen!" Den Text dichtete er mit seinem Vater Claus Dreier, der Notfallseelsorger ist und die Gitarrenbegleitung übernahm. "Ich singe sonst auch auf Hochzeiten", erzählt der Rettungsassistent. Sein Lied verstehe er als Ergänzung zu den Songs von Notfallsanitäter Felix Peter und Notärztin "Doc Caro".

Mehr Rechtssicherheit für NotfallsanitäterInnen gefordert

Felix Peter Haehne setzte sich als erster mit einer Ukulele in den Rettungswagen und löste damit den Trend aus. Der 26-Jährige arbeitet für den Arbeiter Samariter Bund (ASB) in Uschlag bei Göttingen. In seinem ironischen Song geht es darum, dass er PatientInnen aus rechtlichen Gründen häufig nicht helfen darf, obwohl er es könnte. Die dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter an Berufsfachschulen gibt es seit 2014. "Man erlernt Dinge, die lebensrettend sein können und den Patienten schmerzfrei machen", sagt Haehne. "Man darf es aber später im Einsatz nicht anwenden, das ist total frustrierend, besonders für junge Kollegen."

Die Länder wollen das ändern. Der Bundesrat verabschiedete im Oktober einen Beschluss zu mehr Rechtssicherheit für NotfallsanitäterInnen, der in den Bundestag eingebracht werden soll. Die SanitäterInnen sollen nach dem Willen der Länder lebensrettende Maßnahmen auch ohne notärztliches Beisein ergreifen dürfen.

NotärztInnen werden oft unnötigerweise eingebunden

Carola Holzner, leitende Oberärztin am Universitätsklinikum Essen, unterstützt das Anliegen und antwortete Felix Peter mit einem eigenen Lied. Auch NotfallsanitäterInnen sollte etwa bei Unterzuckerung Glucose geben dürfen, meint die promovierte Medizinerin, die als Notärztin in Essen und Mülheim an der Ruhr unterwegs ist. Schmerzmittel könnten die Fachkräfte ebenfalls geben. "Dafür braucht es keinen Notarzt am Einsatzort. In Deutschland bindet man den Notarzt oft unnötigerweise", kritisiert die 37-Jährige. "Ich hatte auch schon die Situation, dass der vermeintlich nicht mehr ansprechbare Patient mir fröhlich strahlend die Tür öffnete."

Holzner will mit ihrem Blog "Doc Caro" Medizin verständlich machen. Auf ihre Homepage hat sie eine Karaoke-Version des Notfallsanitäter-Songs gestellt. Sie hofft auf eine Gesetzesänderung in Berlin: "Dann möchte ich gemeinsam mit Felix Peter vor dem Bundestag singen."

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