mRNA zeigt große Wirkung bei herediäterer spastischer Spinalparalyse

Tübinger Hirnforscherinnen und Hirnforscher haben einen neuen Ansatz zur Behandlung der hereditären spastischen Spinalparalyse (HSP) entwickelt. Eine Gentherapie soll die seltene neurologische Erbkrankheit direkt am Ort ihrer Entstehung behandeln.

Konzentration der neurotoxischen Stoffwechselprodukte im Gehirn wird normalisiert

Tübinger HirnforscherInnen haben einen neuen Ansatz zur Behandlung der hereditären spastischen Spinalparalyse (HSP) entwickelt. Eine Gentherapie soll die seltene neurologische Erbkrankheit direkt am Ort ihrer Entstehung behandeln. 

Der Therapieansatz zielt auf die Unterform SPG5 ab, deren Abkürzung von der englischen Bezeichnung spastic paraplegia gene type 5 stammt. Bei ihr führt ein defektes Gen zum Anstieg bestimmter Stoffwechselprodukte im Gehirn, die tödlich auf Nervenzellen wirken. Langfristig verlieren die betroffenen PatientInnen dadurch die Fähigkeit zu laufen. In einem Tiermodell konnte der Gendefekt erstmals erfolgreich durch die wiederholte Gabe eines Botenmoleküls (mRNA) ins Blut umgangen werden. Dadurch normalisierte sich die Konzentration der neurotoxischen Stoffwechselprodukte im Gehirn, berichtete das Forscherteam vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung, der Universität Tübingen sowie dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Zusammenarbeit mit internationalen KollegInnen und der Firma CureVac. Das Team plane nun, die Methode für die therapeutische Anwendung bei PatientInnen zu optimieren.

Von der spastischen Spinalparalyse Typ SPG5 ist etwa einer von einer Million Menschen betroffen. Zwar verläuft jeder Fall sehr individuell, im Durchschnitt verlieren PatientInnen jedoch 20 Jahre nach Krankheitsausbruch die Fähigkeit, selbstständig zu gehen und sind auf Krücken und Rollstuhl angewiesen. "Bei den PatientInnen sammeln sich durch einen Genfehler verschiedene Cholesterinstoffwechselprodukte in Blut und Hirngewebe an", erklärte Erstautor Dr. Stefan Hauser. Diese Stoffe bauen sich vermutlich in Zellmembranen ein und verändern dadurch deren Struktur. "Wir gehen davon aus, dass sie auf diese Weise bevorzugt Nervenzellen mit langen Fortsätzen schädigen, wie sie in den motorischen Bahnen im Rückenmark zu finden sind", ergänzte Studienleiter Professor Dr. Ludger Schöls. "Wenn die Zellen sterben, kann das Gehirn langfristig keine Bewegungssignale mehr an die Muskeln weiterleiten und der Patient verliert seine Gehfähigkeit."

Gentherapie ist sicher und effizient

Für die Studie untersuchten die WissenschaftlerInnen Mäuse mit SPG5-Gendefekt. Ihnen injizierten sie Botenmoleküle in Form von intakter mRNA ins Blut. Anhand dieser Moleküle konnten die Körperzellen dann Eiweiße bilden, die effizient die schädlichen Cholesterinstoffwechselprodukte abbauen. "Bereits eine einzige Injektion führte zu einer deutlichen Absenkung der Stoffe in Blut und Leber innerhalb von zwei Tagen", berichtete Hauser. "Als wir die Boten-RNA wiederholt verabreichten, reduzierten sich die Konzentrationen dann auch im Hirngewebe." Insgesamt wurde die Behandlung im Tierversuch gut vertragen, wie das Forscherteam in weiteren Untersuchungen feststellte.

"Ziel unserer Studie war, die Möglichkeit einer Gentherapie bei der Erkrankung zu beweisen", sagte Schöls. "Wir konnten zeigen, dass die Methode effizient und sicher ist und somit einen guten Therapieansatz darstellt." Als nächsten Schritt planen die WissenschaftlerInnen das Verfahren weiterzuentwickeln und dadurch die therapeutische Wirkung zu optimieren. Langfristig möchten sie auch PatientInnen mit SPG5 damit behandeln. Bis zur ersten Pilotstudie wird es allerdings noch dauern.

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