Neuste Forschungsergebnisse detektieren prädiabetische Hochrisikopatienten

Prof. Dr. Robert Wagner, Universitätsklinikum Tübingen, forscht an der frühen Pathogenese von Typ-2-Diabetes. Die aktuellen Forschungsergebnisse sind vor kurzem in Nature Medicine veröffentlicht worden. Auf dem Kongress der Deutschen Diabetesgesellschaft wird der Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie sie konkret vorstellen. Im Vorabinterview mit esanum erläutert Prof. Wagner die praxisrelevanten Erkenntnisse.

Prof. Dr. Robert Wagner, Universitätsklinikum Tübingen, forscht an der frühen Pathogenese von Typ-2-Diabetes. Die aktuellen Forschungsergebnisse sind vor kurzem in Nature Medicine veröffentlicht worden. Auf dem Kongress der Deutschen Diabetesgesellschaft wird der Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie sie konkret vorstellen. Im Vorabinterview mit esanum erläutert Prof. Wagner die praxisrelevanten Erkenntnisse.

esanum: Prof. Wagner, was bringen Sie aus der Diabetesforschung zum diesjährigen DDG-Kongress mit?

Wagner: Ich spreche über unser Projekt in der Subphänotypisierung von Menschen mit erhöhtem Diabetes-Risiko. Das Konzept der tiefen Phänotypisierung des Stoffwechsels vor dem Auftreten des Diabetes haben Prof. Häring und Prof. Fritsche in Tübingen bereits vor 25 Jahren angefangen. Damals wurde zunehmend klar, dass der Typ-2-Diabetes keine einheitliche Erkrankung ist, sondern ein Sammelsurium von unterschiedlichen pathologischen Mechanismen. Darum versucht man seit einigen Jahren, die Krankheit in Subgruppen zu unterteilen, die bezüglich Pathophysiologie, Behandelbarkeit und Komplikationen konsistenter sind. Diese verschiedenen Phänotypen zeigen sich bereits im Prädiabetes. Man kann also die unterschiedlichen Stoffwechselkonstellationen schon lange vor dem Auftreten von Diabetes erkennen.

esanum: Wer nahm an der Studie teil?

Wagner: Wir haben knapp 900 Probanden untersucht, die ein erhöhtes Diabetesrisiko hatten. Diese haben wir mit einem Clustering-Verfahren in Subgruppen geteilt.  Aufgrund von metabolischen Variablen wurden sechs Cluster identifiziert. Sie beruhen auf Körperfettkompartimenten, wie viszerales Fett oder subkutanes Fett, Leberfett, der Insulinsensitivität, der Insulinsekretion, der Glykämie und auf dem HDL Cholesterin. Hinzu kommt ein genetischer Risikoscore für Diabetes Typ 2. Die durchschnittliche Beobachtung lief über rund 4 Jahre. In der Replikationskohorte in England waren mehr als 6.000 Probanden und die Beobachtung lief über rund 16 Jahre. 

esanum: Was haben Sie gefunden?

Wagner: Wir haben versucht, Ähnlichkeiten in der Konstellation der Variablen zu finden, also Gruppen zu identifizieren, in denen diese Variablen ähnlich sind. Dabei hat sich herausgestellt, dass es drei Gruppen gibt, die ein besonderes Risiko haben - zwei davon ein generell hohes Risiko für Diabetes. Doch die dritte, das Cluster 6, ist die interessanteste Gruppe. Sie hat zwar kein besonders hohes Risiko für Diabetes in den nächsten ca. zehn Jahren, aber sie entwickelt im Verlauf Komplikationen wie beispielsweise Niereninsuffizienz. Diese Gruppe wies in der englischen Kohorte mit der langen Verlaufsbeobachtung die höchste Mortalität auf.

esanum: Welchen Nutzen haben Ihre Ergebnisse für die Diabetes-Forschung und die Patientinnen und Patienten?

Wagner: Perspektivisch können wir mit den Studienergebnissen präventive und prophylaktische Interventionen gezielter einsetzen, sodass die Bedürftigsten entsprechende Behandlungen fokussierter bekommen. Personen dieser Gruppe haben häufiger Nebenerkrankungen wie zum Beispiel Hypertonie, werden aber lange nicht mit Diabetes auffällig. Diese Gruppe wäre sonst "unter dem Radar" geblieben. Wenn wir sie aber identifizieren können, dann kann man sie intensiver betreuen. Die Niedrigrisiko-Gruppen brauchen vermutlich keine besondere medizinische Aufmerksamkeit.

esanum: Brauchen demnach viele Adipöse keine gezielten gesundheitlichen Interventionen, obwohl sie ja unter anderem ein sehr hohes Risiko für viele Erkrankungen, auch für schwere COVID-19-Verläufe, haben?

Wagner: Das muss man differenziert betrachten. Übergewicht verursacht nicht nur Stoffwechselkrankheiten, sondern auch andere Erkrankungen. Dazu gehören muskuloskelettäre Erkrankungen wie eine Arthrose, aber auch ein erhöhtes Risiko für Atherosklerose und Krebs. Das Risiko von Arthrose kann durch eine Gewichtsreduktion wahrscheinlich bei stoffwechselgesunden Adipösen auch gesenkt werden. Das Risiko von Herzinfarkt und malignen Erkrankungen könnte etwas mit der Hyperinsulinämie zu tun haben, was ja gut auf das Cluster 6 zutrifft. Ob das erhöhte Risiko für einen schweren COVID-Verlauf generell Adipositas-bedingt ist oder nur mit den Aspekten der stoffwechselungesunden Adipositas zu tun hat, wissen wir noch nicht genau.

esanum: ielleicht ein Thema auf dem nächsten DDG-Kongress?

Wagner: Gut möglich. Es wäre eine interessante Fragestellung, bei unseren Clustern zu untersuchen, inwiefern sie ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-Verläufe haben.

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