Oft übersehen: Krankheitsängste unter Kindern und Jugendlichen

Die Angst, krank zu werden, entwickelt sich oftmals bereits im Kindes- und Jugendalter – das wird häufig allerdings erst retrospektiv im Erwachsenenalter festgestellt. Die Diplompsychologin Vera Özak will im Rahmen der KaiKiJu-Studie erforschen, wie und warum Krankheitsängste bereits in jungen Jahren auftreten.

Die Angst, krank zu werden, entwickelt sich oftmals bereits im Kindes- und Jugendalter – das wird häufig allerdings erst retrospektiv im Erwachsenenalter festgestellt. Dieser Umstand soll sich jetzt ändern: Vera Özak, Diplompsychologin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, will im Rahmen der KaiKiJu-Studie (Krankheitsangst im Kindes- und Jugendalter) erforschen, wie und warum Krankheitsängste bereits in jungen Jahren auftreten. Im esanum-Interview spricht sie über die Hintergründe der Studie, „Warnzeichen“ für Kinderärztinnen und -ärzte und gibt Ausblicke, welche psychologischen Langzeitfolgen anschließend an die COVID-19-Pandemie häufiger beobachtet werden könnten. Kinder und Eltern sind gefragt, bis Ende April an der Online-Umfrage zur KaiKiJu-Studie teilzunehmen.

esanum: Frau Özak, im Rahmen des Projekts KaiKiJu (Krankheitsangst im Kindes- und Jugendalter) wollen Sie erforschen, wie und warum Krankheitsängste bereits in jungen Jahren entstehen. Wie sieht der aktuelle Forschungsstand dazu aus?

Özak: Der aktuelle Forschungsstand ist genau das Problem. Der Großteil der Forschung bezieht sich auf das Erwachsenenalter, beispielsweise zu den Themen Krankheitsängste oder Hypochondrie. Retrospektive Studien berichten dann oft, dass die Krankheitsängste schon seit dem Kindes- und Jugendalter bestehen. Es gibt aber erst vergleichsweise wenig Forschung aus dem eigentlichen Kindes- und Jugendalter. Das Bisschen, was es gibt, zeigt, dass diese Ängste durchaus schon bei Kindern und Jugendlichen vorkommen, dass Krankheitsängste sehr chronifiziert auftreten oder auch rezidiviert. Das bedeutet, dass es sich hierbei um ein Störungsbild handelt, das erst im Erwachsenenalter wirklich gut erforscht ist, obwohl die Symptome eigentlich bereits im Kindes- und Jugendalter auftreten.

Es könnte auch unterschiedliche Gründe geben, warum dieser Forschungsansatz bislang vernachlässigt wurde. Es kann sein, dass Kinder Krankheitsängste beispielsweise bis zu einem gewissen Alter noch gar nicht spezifisch genug benennen und diese dann einfach in anderen Angststörungen untergehen. Man hat im Kindesalter häufig auch Angststörungen, die weniger klar voneinander abgegrenzt sind als bei Erwachsenen, weil vielleicht die Ängste noch von einem Gebiet ins andere springen, je nachdem was für eine Entwicklungsaufgabe für ein Kind zu dem jeweiligen Zeitpunkt ansteht. Gerade somatische Ängste können von Kindern auch weniger klar benannt werden. Es können dann trotzdem Krankheitsängste vorliegen, die sich für das Kind eher in Richtung einer Somatisierung oder der Angst, daran zu sterben, zeigen. Das wird dann eventuell eher in Form der Angst vor einer Trennung interpretiert. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt noch sehr unklar, ob es einzelne Symptome gibt, die in anderen Angststörungen im Kindesalter aufgehen.

esanum: Was war für Sie der Stein des Anstoßes, das Thema "Krankheitsängste im Kindheitsalter" fundierter auszuleuchten?

Özak: Tatsächlich wurde an der Goethe-Universität schon vor einigen Jahren durch Herrn Professor Weck einiges an Krankheitsangst-Forschung im Erwachsenenalter betrieben. Unter anderem gab es Berichte von Patienten, die unter Krankheitsängsten im Erwachsenenalter leiden und retrospektiv berichtet haben, schon im Kindesalter diese Symptome bei sich bemerkt zu haben. Bei der Überprüfung des Forschungsstands stellten wir fest: Im Kindesalter gibt es bislang erst sehr wenig Forschung dazu, gerade im deutschen Sprachraum gab es nicht mal einen Fragebogen für Kinder, der das Thema erfasst. Der existiert bislang ausschließlich im Englischen. Das war der Anstoß, sich ausführlicher mit der Thematik zu beschäftigen.

esanum: Sehen Sie die Möglichkeit, dass Kinder frühe Krankheitsängste „von Haus aus“ - also vom Umgang ihrer Eltern mit dem Thema Krankheiten - mit auf den Weg bekommen?

Özak: Da gibt es auf jeden Fall Zusammenhänge. Natürlich existieren auch generell Zusammenhänge zwischen elterlichen und kindlichen psychischen Auffälligkeiten, wo verschiedene Faktoren mit reinspielen. Es gibt aus der Krankheitsangst-Forschung allerdings Ergebnisse, dass Aspekte wie elterliche Überbehütung, unsicherer Bindungsstil oder bestimmte genetische Faktoren einen Einfluss darauf haben können. Wir gehen natürlich wie bei allen psychischen Auffälligkeiten davon aus, dass ein großer Anteil auf ein „Modelllernen“ von den Eltern zurückzuführen sein könnte.

esanum: Können Sie uns das Studiendesign genauer erklären? Wer kann daran teilnehmen?

Özak: Die Studie war eigentlich schon vor Corona angedacht und geplant. Wir hatten mit der ersten Datenerhebung in Schulklassen schon gestartet, bevor COVID-19 losging. Es wurden klassenweise Fragebogenuntersuchungen durchgeführt, bei denen wir nur die Schüler erfasst haben. Für unsere jetzt abgewandelte Online-Version haben wir auch für die Eltern ein Fragebogen-Paket zusammengestellt. Wir suchen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen 8 und 19 Jahren. Wir starten mit dem Alter von 8 Jahren, weil es sich dabei um das früheste Alter handelt, in dem den Kindern Fragebogenuntersuchungen zugetraut werden können, aber auch weil ab diesem Alter das Konzept von Gesundheit und Krankheit langsam ausgeprägter vorhanden ist. Wir gehen bis zu 19 Jahren, weil es sich hierbei um das Alter handelt, in dem viele die Schule beenden. Wir wollten uns vor allem an Schüler wenden und trotzdem nicht die Volljährigen dabei außenvorlassen, weil viele bis zum Abschluss der Schule noch ans Elternhaus gebunden sind und dementsprechend Einflüsse von dieser Seite bestehen.

Aktuell haben wir ein Online-Format, bei dem sowohl die Kinder als auch die Eltern teilnehmen können. Am schönsten ist es natürlich, wenn das beide Parteien tun, weil dann auch die Übereinstimmungen zwischen Eltern und Kind untersucht werden können. Wir erheben verschiedene Bereiche psychischer Belastungen mit unterschiedlichen etablierten Fragebögen, sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern. Darunter sind Krankheitsangst-Fragebögen, Fragebögen zu somatischen Symptomen, zu allgemeiner psychischer Belastung, zu depressiver Symptomatik oder auch Umfragen zu Ängsten und Zwängen bei den Kindern – also Dinge, die besonders stark komorbid mit Krankheitsängsten auftreten können. Grundsätzlich hat sich gezeigt, dass Krankheitsängste in der Regel mindestens eine weitere klinisch bedeutsame psychische Störung als Komorbidität mit sich bringen. Sie treten nur selten allein und isoliert auf.

esanum: Bis wann läuft die Umfrage?

Özak: Die Umfrage in der Allgemeinbevölkerung würden wir gerne bis Ende April laufen lassen. Eventuell – das hängt ein bisschen von der Schulsituation ab – würden wir den Umfragezeitraum nochmals etwas verlängern, weil viele Kindern momentan sowieso schon viel Zeit vor dem Computer verbringen. Die Teilnahmebereitschaft, dann noch zusätzlich etwas auszufüllen, ist vielleicht nicht besonders hoch. Aktuelle Deadline ist allerdings der 30.04.2021, im Zweifelsfall soll die Verlängerung bis Ende Mai laufen.

Parallel wird das Projekt bei uns in Frankfurt am Zentrum für Psychotherapie in der Ambulanz für Kinder und Jugendliche erhoben, also haben wir im Vergleich noch eine klinische Stichprobe. Dabei handelt es sich um Kinder, die wegen unterschiedlicher psychischer Auffälligkeiten in Behandlung sind. In diesem Setting läuft die Umfrage bis Ende Juni.

esanum: Gibt es „Warnzeichen“, anhand derer beispielsweise Kinderärztinnen und -ärzte erkennen könnten, dass ihre pädiatrischen Patientinnen und Patienten im Begriff sind, besonders ausgeprägte Krankheitsängste zu entwickeln?

Özak: Ich glaube, das zeichnet sich besonders in Form dieses klassischen „besonders oft den Arzt aufsuchen“ ab, um sich rückzuversichern, dass ein Symptom nicht vielleicht doch etwas Schlimmes bedeutet. Das stimmt im Wesentlichen mit dem Erwachsenenbereich überein, ist bei Kindern nur vielleicht weniger deutlich erkennbar. Häufige Arztbesuche, ohne dass tatsächlich Gründe erkennbar sind, wären auf jeden Fall ein solches Warnzeichen. Das Gleiche kann aber auch für das völlige Vermeiden von Arztbesuchen gelten, also bloß nicht wissen wollen, was sein könnte. Generell können sich Krankheitsängste in beiden Richtungen zeigen. Für den Aspekt der starken Rückversicherung ist es auch besonders wichtig, die Eltern der pädiatrischen Patienten mit einzubeziehen: Wie oft bittet das Kind die Eltern um eine Einschätzung der körperlichen Symptome? Wie oft wird elterliche Beruhigung benötigt, dass es sich dabei um nichts Schlimmes handelt?  

esanum: Sehen Sie aufgrund der andauernden COVID-19-Pandemie ein erhöhtes Risiko, dass mehr Kinder psychologische Langzeitfolgen davontragen und beispielweise eine überhöhte Angst vor Krankheiten entwickeln?

Özak: Belastende Lebensereignisse sind auf jeden Fall ein möglicher prädisponierender Faktor oder auslösender Faktor für Krankheitsängste. Wir gehen von einem Modell aus, in dem frühe Erfahrungen mit Krankheiten oder medizinischer Behandlung eine Rolle spielen und in dem dann zusätzlich ein belastendes oder kritisches Lebensereignis hinzukommt – zusätzlich zu diversen anderen Faktoren.

Die aktuelle Corona-Pandemie erfüllt schonmal Beides. Die Kinder machen viel mehr Erfahrungen mit Krankheit und medizinischen Behandlungen, entweder im familiären Umfeld oder über die Medien. Als kritische Ereignisse kommen Maßnahmen wie Quarantäne oder Kontaktbeschränkungen hinzu, die sich nachweislich jetzt schon stark auf die psychische Belastung von Kindern auswirken. Das bedeutet, dass definitiv davon auszugehen ist, dass ein anderer Umgang mit Krankheitssymptomen auftreten könnte, der vielleicht auch längerfristig erhalten bleibt.

Die Hamburger COPSY-Studie (Corona & Psyche) als erste große deutsche Kinder-Corona-Studie zeigt beispielsweise auf, dass Ängste schon deutlich vermehrt auftreten, die oftmals einen rezidivierenden oder aber chronischen Verlauf haben. Daher ist davon auszugehen, dass die Corona-Auswirkungen noch eine ganze Zeit lang spürbar sein werden. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die Belastung im familiären System einen großen Einfluss hat und Familien, in denen die Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss haben oder die auf beengtem Raum leben, besonders belastet sind. Auch dort sind die Folgen der Corona-Pandemie noch überhaupt nicht vollständig absehbar. All das sind allerdings Faktoren, die sich auf die psychische Gesundheit von Kindern auswirken. Daher ist davon auszugehen, dass die Thematik nicht mit dem Ende des Lockdowns oder der Pandemie plötzlich abgehakt ist, sondern Auswirkungen auf das Leben der Kinder und die Psyche der Kinder haben wird.

Die Expertenrunde "COVID-19 in der Praxis - Die Abrechnung" wird am 28. April unter dem Titel "Folge #8: Was macht Angst?" die Schwerpunkte Psychiatrie und Neurologie in den Fokus stellen. Hier können Sie sich kostenfrei zum Livestream anmelden und nach der Veranstaltung die Aufzeichnung On-Demand anschauen.

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