„Patienten werden im Eiltempo betreut“

Franz Wagner, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) über den Mangel an Pflegekräften im deutschen Gesundheitswesen Neben einem Ärztemangel in vielen ländlichen G

Franz Wagner, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) über den Mangel an Pflegekräften im deutschen Gesundheitswesen

Neben einem Ärztemangel in vielen ländlichen Gebieten fehlen in Krankenhäusern und Pflegeheimen geschätzte 40.000 Pflegefachkräfte, während gleichzeitig aufgrund der Zunahme an älteren Menschen in der Gesellschaft der Bedarf deutlich steigt. Experten gehen davon aus, dass bis 2030 rund 3,22 Millionen pflegebedürftig sein werden. „Wir müssen die Rahmenbedingungen für Pflegeberufe verbessern und attraktiver gestalten“, fordert Franz Wagner, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Bundesverbands für Pflegeberufe, im Gespräch mit esanum.

esanum: In Deutschland wird immer wieder vom „Pflegenotstand“ gesprochen. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Wagner: Im wesentlichen verbirgt sich dahinter eine unzureichende Personalbemessung in allen Sektoren, die derzeit noch durch den zunehmenden Personalmangel verschärft wird. Das führt zu Mängeln in der Versorgung und zu einer physischen und psychischen Überlastung der Pflegefachpersonen.

esanum: Welche Folgen ergeben sich im Alltag in Krankenhäusern und Altenheimen aus dem Pflegekräftemangel? Wie wirkt sich das auf Patienten und Heimbewohner aus?

Wagner: Dienstpläne können nicht eingehalten werden und es gibt immer weniger planbare Freizeit. Patienten und Bewohner werden im Eiltempo betreut oder „abgefertigt“. Sie müssen beispielsweise bei Schmerzen oder wenn sie zur Toilette müssen (zu) lange warten. Außerdem können Hygienestandards nicht immer eingehalten werden.

esanum: Betreiber von Pflegeheimen rekrutieren längst Fachkräfte im Ausland: in Polen, Ungarn und mittlerweile selbst in China. Wie ist deren Qualifikation im Vergleich zu einer deutschen Kranken- oder Altenpflegerausbildung?

Wagner: Im Regelfall haben diese Pflegefachpersonen ihre Ausbildung an einer Hochschule absolviert. Es gibt die Herausforderung der Sprachkompetenz, und sie benötigen auf jeden Fall eine sorgfältige und intensive Einarbeitung, da Rollen und Systeme sich von Land zu Land sehr stark unterscheiden. So sind zum Beispiel spanische Krankenpflegerinnen entsetzt über ihre Aufgaben in einem deutschen Pflegeheim.

esanum: Inwieweit können ausländische Mitarbeiter deutsche Fachkräfte ersetzen? Wie reagieren die zu Pflegenden auf die ausländischen Mitarbeiter?

Wagner: Die Anwerbung kann nur einen kleinen Teil unseres Bedarfes decken. Deutschland ist da einfach nicht wettbewerbsfähig. Und solange die Rahmenbedingungen derart desolat bleiben, werden auch die Angeworbenen nicht lange bleiben. Die Reaktionen der deutschen Pflegenden sind gemischt: Wenn die Qualität stimmt und die Vorbereitung gut war, werden die Angeworbenen als Entlastung erlebt, wobei sich manche fragen, warum nicht früher in das hiesige Personal investiert wurde, um es zu halten. Stimmen die Qualifikation und Vorbereitung nicht, gibt es auch Frustrationen.

esanum: Experten sprechen von bis zu 40.000 fehlenden Fachkräften. Warum ist der Beruf eines Pflegers so unattraktiv geworden?

Wagner: Das hat vor allem mit den Rahmenbedingungen zu tun. Und damit, dass die Gesellschaft keine Vorstellung davon hat, was wirklich zu den Aufgaben und Kompetenzen einer Pflegefachperson gehört. Es wird vielfach unterschätzt, wie groß der Beitrag der Pflegefachpersonen zum Behandlungserfolg und zur Lebensqualität ist.

esanum: Die Pflege ist eine Branche, in der die Gehälter sehr gering sind – zwischen 2.200 und 2500 Euro brutto pro Monat. Welche Auswirkungen wird der Mindestlohn von 8,50 Euro auf Heimkosten und die Attraktivität des Pflegeberufs haben?

Wagner: Auf die Attraktivität des Berufes wird das kaum Auswirkungen haben, denn fast alle Pflegefachpersonen und die Mehrzahl der Pflegeassistent/innen verdienen mehr als 8,50 EURO.

esanum: Pflegekräfte verdienen deutlich weniger als Ärzte bei einem ähnlichen Arbeitsaufwand inklusive Schichtarbeit. Inwieweit halten Sie diese Differenz für gerechtfertigt?

Wagner: Man muss hier schon nach Qualifikation und Verantwortung unterscheiden.Eine Neiddebatte bringt niemanden etwas. Wenn Pflegefachpersonen entsprechend ihrer Kompetenzen, Verantwortung und Belastung bezahlt würden, wären wir ein großes Stück weiter.

esanum: Was fordern Sie von der Großen Koalition, um die Pflegesituation in Deutschland zu verbessern?

Wagner: Vor allem rasch mehr Planstellen, eine Ausbildungsreform, die den Beruf zukunftsfest macht, und die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes.

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