Prof. Lothar Wieler: Unglaublich, wie borniert wir sind!

Klimawandel und Gesundheit - welche Verantwortung haben Ärztinnen und Ärzte? So war eine Hauptsitzung auf dem 127. DGIM-Kongress überschrieben, bei der sich prominente Rednerinnen und Redner zur Diskussion trafen. Dr. Eckart von Hirschhausen moderierte die Session sehr engagiert.

Klimawandel und Gesundheit - welche Verantwortung haben Ärztinnen und Ärzte? So war eine Hauptsitzung auf dem 127. DGIM-Kongress überschrieben, bei der sich prominente RednerInnen zur Diskussion trafen. Dr. Eckart von Hirschhausen, Moderator der Session, Arzt und Autor, auch DGIM-Mitglied, moderierte die Session sehr engagiert. 

Prof. Dr. Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, trug die grundlegenden Klimawandel-Fakten und ihre gesundheitlichen Auswirkungen zusammen. Am Anfang stand die Frage: Was ist der wissenschaftliche Konsens zu den Entwicklungen des Klimawandels und seinen Auswirkungen auf die Gesundheit? Dazu führte Lothar Wieler den aktuellen wissenschaftlichen Konsens aus. Er gab einen Überblick über Umweltbelastungen, die ganz konkret in Deutschland zu gesundheitlichen Gefahren werden können.

Zunächst zog der Referent eine Parallele zur COVID-19-Pandemie. Erstaunlich sei in beiden Fällen, beim Klima-Problemen wie der Pandemie, "mit welcher Borniertheit immer wieder in andere Länder geschaut" werde, und dass immer noch gedacht werde, "dass das alles bei uns ganz anders sei."

Das sind die Fakten

Die Verantwortung der Mediziner

"Wir müssen als Wissenschaftler offen sein, lösungsorientiert, faktenbasiert und transparent kommunizieren," erklärt der Referent sehr eindringlich. Hier zieht Prof. Wieler wieder eine Parallele zur Corona-Pandemie, die derzeit naturgemäß sein Hauptthema ist. "Wir müssen die Erkenntnisse in die Gesellschaft tragen – in einem nüchternen, sachlichen Duktus. Wir wollen den Sachstandsbericht Klimawandel und Gesundheit erneuern." Dazu gibt es den Auftrag von Gesundheitsministerium. "Wir müssen uns vorbereiten und nicht den Kopf in den Sand stecken", appelliert der Wissenschaftler. "Das Hoffen, dass etwas vorbei geht - und schon irgendwie besser wird", sei unerträglich. Die Todeszahlen der Corona-Pandemie widerlegen diese Hoffnung eindrucksvoll. Wieler: "Wir hätten viel früher viel stärker Zusammenkünfte reduzieren können, dann hätten wir viele Menschenleben gerettet."

Und so ist es mit dem Klimawandel. "Wir müssen handeln und Verantwortung übernehmen - global."

Eckart von Hirschhausen fragte im Anschluss an den Vortrag nach der Rolle des Wildtierhandels bei der Corona-Pandemie. Wieler dazu: Ganz genau wissen wir nicht, wie die Pandemie entstanden ist. Die höchste Wahrscheinlichkeit ist, dass das Virus von einer Fledermaus stammt. Da gibt es Interaktionen, die wir Menschen uns einfach sparen können. "Warum muss man in Fledermaushöhlen gehen, ohne hinterher zwei Wochen in Quarantäne zu gehen? Wir wissen ja, dass diese Tiere das höchste Reservoir an Viren haben." Ist es von einem Zwischenwirt zu uns gekommen? Dann ist klar, dass wir die Art und Weise, wie wir Tiere halten und was wir für Tiere verzehren, ändern können. "Natürlich sind wir in der Lage, uns anders zu ernähren. COVID ist eine rein menschengemachte Pandemie."

Ethische und politische Dimensionen des Themas

Dr. Verina Wild, Ärztin und Medizinethikerin, erklärte die ethische Dimension des Themas. Der Klimawandel hat Auswirkungen auf die Gesundheit, das bedeutet, die Ärzteschaft sollte sich mit dem Thema beschäftigen. Und das Thema auf die Agenda der Aus- und Weiterbildung nehmen. Das leitet sich direkt daraus ab, dass das oberste Anliegen der ÄrztInnen das Wohlergehen und die Gesundheit der Menschen ist.

Prof. Dr. Klaus Reinhardt, der Bundesärztekammer-Präsident, betonte die enorme Entwicklung der Medizin in den letzten Jahrzehnten. Und erinnerte an den gesellschaftlichen Aspekt der Publik Health, den die Ärzteschaft zuletzt vernachlässigt habe. Bei der Erhaltung der Grundlagen für die Gesundheit müssen ÄrztInnen mitwirken. Da gäbe es einiges aufzuholen und dafür setze er sich auch persönlich ein. So gibt es beispielsweise eine Reihe von Ausbildungs-Curricula in der Umweltmedizin. Darüber hinaus soll es in jedem Fach ein Modul geben, das sich mit den Auswirkungen der Umweltbelastungen auf die Gesundheit befasst.

Der Präsident des DGIM-Kongresses, Prof. Dr. Sebastian Schellong, unterstrich die Rolle der Ärzteschaft für eine Wende zum Besseren. "Wir haben einen guten Zugang zum Wissen darüber, welche gesundheitlichen Probleme der Klimawandel verursacht." ÄrztInnen können ihre PatientInnen zu einem gesunden Leben motivieren, das auch dem Klima zugutekommt. Mit dem Kongressthema "Weniger ist mehr" – adressiert er eine innere Haltung, die "in unserem Alltag Dinge nicht mehr verschwendet, wie zum Beispiel bei überflüssiger Diagnostik. Da haben wir eine große Verantwortung. Weniger Verschwendung bedeutet, begrenzte Ressourcen dort hin zu lenken, wo sie sinnvoller eingesetzt werden." Und er schließt mit einem ungewöhnlich klaren politischen Statement: "Also fragen wir die Politiker, die wir demnächst wählen wollen, zu diesen Themen, die ethisch wichtig sind: Emissionen, Energie, Verkehrspolitik, Klimapolitik. Wenn es stimmt, dass Ärztinnen und Ärzte eine hohe Glaubwürdigkeit haben, dann können sie sich jetzt politisch einbringen."

Quelle: DGIM-Kongress 2021; Session "Klimawandel und Gesundheit - welche Verantwortung haben Ärztinnen und Ärzte?"

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