Psychoökologien: Die Neuerfindung der Psychiatrie?

Beziehungsmedizin statt neurobiologischem Reduktionismus

Vom 28. November bis zum 01. Dezember treffen sich rund 9.000 Teilnehmer aus 50 Nationen auf dem DGPPN zu einem Spitzentreffen in Berlin, um eine Standortbestimmung der gegenwärtigen Psychiatrie und Psychotherapie vorzunehmen und einen Ausblick in die Zukunft zu geben. Ein zentrales Thema wird die Frage nach dem Selbst- und Fremdverständnis einer Psychiatrie sein, die im Spannungsfeld der angrenzenden und interferierenden Wissenschaften um eine Positionsbestimmung bemüht ist. Auf dem am Donnerstag stattfindenden Präsidentensymposium "Wer sind wir? Die Identität der Psychiater aus unterschiedlichen Perspektiven" werden eben diese Schnittstellen beleuchtet, die die Psychiatrie zu einem sich rasant verändernden Fach machen, das sich in kontinuierlichem und konstituierendem Austausch mit sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Prozessen befindet.

Thomas Fuchs, Karl Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Heidelberg, arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich mit den transdisziplinären Schnittstellen der Natur- und Geisteswissenschaften. Er plädiert für "die Entwicklung einer Konzeption der Psychiatrie als einer Beziehungsmedizin im umfassenden Sinn"1 und wendet sich damit vor allem gegen einen neurobiologischen Reduktionismus, der dazu tendiert, psychische Erkrankungen als bloße "Epiphänomene von Gehirnprozessen" zu betrachten. Beim Präsidentensymposium am Donnerstag, den 29. November 2018 spricht Fuchs zum Thema "Die Psychiatrie als Beziehungsmedizin".

Psychische Krankheiten sind nicht nur Gehirnkrankheiten

Anhand der Abbildung neuronaler Prozesse lassen sich zwar Daten erheben, erfasst werden können jedoch immer nur statistische Abweichungen, die für sich genommen erst einmal keine Aussagekraft besitzen. Erst durch eine differenzierte Psychopathologie gewinnt neurobiologische Forschung ihre Validität in der Praxis. Damit haben die Patientin oder der Patient als empfindsame Subjekte, die ihr Leiden beschreiben können, in einer für sie belastenden Lebenssituation eine zentrale Stellung innerhalb des Anamnese-Settings.

Subjektive und intersubjektive Prozesse der anschließenden Therapie stehen mit den neuronalen Prozessen im Gehirn in einer Austauschbeziehung: Subjektives Erleben ist an Gehirnprozesse gekoppelt und umgekehrt. Dabei handelt es sich bei psychischen Erkrankungen keineswegs um individuelle Phänomene, sondern um Erkrankungen, die Teil gesellschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Anordnungen sind und so auch Teil von Kommunikationsprozessen.

Die Psyche als Organismus-Umwelt-Ökologie

Lebensereignisse nehmen Einfluss auf die psychische Gesundheit. Gibt es hier ungünstige Einflüsse, Störungen im sozialen Umfeld, persönliche Verluste oder nicht zu verkraftende wirtschaftliche Ereignisse, steigt das Krankheitsrisiko, und mit der psychischen Erkrankung kommt es wiederum zu Störungen im sozialen Umfeld und in der Kommunikation mit Anderen, die sich auf den Verlauf der Krankheit auswirken. Psychotherapie kann Gehirnstrukturen nur deshalb verändern, weil diese selbst auf bedeutungs- und strukturgenerierenden Prozessen basieren und nicht getrennt davon existieren. Die Psyche erhält somit eine übergreifende Funktion, die sinnstiftende, bedeutungstragende Dynamiken und Ordnungsmuster umfasst. Diese lassen sich in neuronalen Prozessen zwar abbilden, sie erschöpfen sich jedoch nicht in ihnen.

Wie auch in den benachbarten Geisteswissenschaften, so muss sich auch die Psychiatrie von den klassischen Dualismen – am prominentesten sicherlich Natur/Kultur und Körper/Psyche – weg und zu einem ökologischen Verständnis der die psychischen Krankheiten betreffenden Zusammenhänge hinbewegen. Psychiatrie wird so zur Beziehungsmedizin, die von einem umfassenden Konzept der Psyche als Ökologie von Organsimus und Umwelt begründet wird. Hierbei liegt der validen Diagnostik eine Psychopathologie zugrunde, die nicht nur subjektorientiert auf die Patientin oder den Patienten blickt, sondern sich durchaus ihrer verstehenden Intuition bedient und somit ebenfalls vor dem Hintergrund der sie begründenden Erfahrungsparametern zu verstehen ist.

Quelle:

1Nervenarzt 2017. 88:520–528. DOI 10.1007/s00115-017-0317-z, zuletzt 27.11.2018

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