Das Geschäft mit Sterbenskranken: Überversorgung aus Profitinteresse?

Dr. Matthias Thöns, Palliativmediziner und Autor des Bestsellers "Patient ohne Verfügung: Das Geschäft mit dem Lebensende" im Interview mit esanum. 

Seit Jahren ärgert es den Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns, wenn er immer wieder von Fällen hört, in denen Ärzte und Kliniken Geschäfte mit Sterbenskranken machen. Jetzt hat er seine Empörung in ein Buch gepackt, das schnell zum Bestseller wurde. Im Februar will ihn Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe treffen, um das Problem und mögliche Lösungen mit ihm zu besprechen. 

esanum: Der Kostendruck an Kliniken und Krankenhäusern treibt viele Mediziner dazu, nach neuen Einnahmequellen zu suchen. Ein einträgliches Geschäft, so fanden Sie heraus, ist die Übertherapie am Lebensende von Patienten. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch darüber zu schreiben?

Thöns: Das Problem der Übertherapie hat mich in meiner Tätigkeit als Palliativmediziner schon immer gestört. Ich liebe meinen Job. Und ich habe immer wieder beobachtet, dass Patienten in sterbenaher Situation noch umfangreiche Therapien bekommen haben, die ihnen mehr geschadet als genützt haben. Anfangs habe ich dann den Kollegen einen Brief geschrieben, was das soll - da habe ich fast nur Anfeindungen erlebt: Was ich mir rausnehmen würde, einen Professor zu kritisieren. Dabei hat man die Fehler mit dem gesunden Menschenverstand schon erkennen können. Beispiel: Chemotherapie. Dafür muss ein Mensch noch eine gewisse Zeit zu leben haben, um davon überhaupt zu profitieren. Wenn die Lebenszeit schon sehr eingeschränkt ist, hilft Chemotherapie nicht mehr. Das ist nicht meine Privatmeinung, das sagen auch namhafte Krebsforscher. Zum Beispiel Frau Prof. Holly Priggerson, die untersucht hat, was Chemotherapie am Lebensende bringt.

esanum: Gibt es nicht gerade bei schweren Krebserkrankungen immer wieder Streitfälle, bei denen Ärzte unterschiedliche Prognosen stellen?

Thöns: Ich spreche nicht über den Graubereich, nicht über heilende Therapien, sondern darüber, wo wir keine Heilungschancen mehr haben. Ein Beispiel. Patienten werden durch künstliche Beatmung am Leben gehalten. Und bei vielen weiß man, dass es keinen Weg zurück gibt in ein vernünftiges Leben. Und manche haben den Willen oder eine Patientenverfügung, dass sie genau das nicht wollen. Und trotzdem wird die maximale Therapie gemacht – es wird sich über den Patientenwillen hinweg gesetzt.

esanum: Werden Krebskranke an ihrem Lebensende und ihre Angehörige bewusst falsch beraten, um lange an ihnen zu verdienen?

Thöns: Da wird durchaus mit Unwahrheiten gearbeitet. Das haben mir mehrere Patienten so berichtet. Ein Beispiel: Eine bestimmte Therapie von Bauchspeicheldrüsenkrebs verlängert das Leben von 5,93 auf 6,34 Monate, also um wenige Tage. Wenn man das einem Menschen so klar sagen würde, da würde doch fast jeder sagen, nein, das will ich nicht. Dafür möchte ich nicht sechs Monate Pillen mit möglichen schweren Nebenwirkungen schlucken. Wenn man aber gesagt bekommt, ohne die Therapie sind sie in wenigen Tagen tot, ansonsten leben sie noch Jahre – dann ist das etwas ganz anderes. Genau diese Situation hat mir ein Patient geschildert. Oder jetzt hatte ich das Beispiel eines Patienten mit einem allerschwersten Hirnschaden, der im Koma lag. Der Arzt hat ans Gericht geschrieben, es gäbe gute Chancen, dass er wieder aufwacht. Intern in einem Verlegungsbrief hatte er aber geschrieben, dass die Chancen schlecht sind.

esanum: Woher wissen sie das?

Thöns: Ich habe in dem Fall im Auftrag der Tochter ein Gutachten geschrieben, die Akte ist gruselig.

esanum: Wozu solche Tricksereien? Wer verdient?

Thöns: Eine Beatmung kostet in der Spitze 204.000 Euro. Und Chefärzte werden zum Teil an den Gewinnen, die in der Klinik eingefahren werden, beteiligt. Mit ungefähr 15 Prozent. Und da kann man ja ausrechen, was das für ein Anreiz ist, den Patienten noch einige Monate weiter zu beatmen.

esanum: Was bedeutet das für den Patienten?

Thöns: Furchtbare Qualen am Lebensende. Man wird wach gehalten, man hat einen Schlauch als Fremdkörper in der Luftröhre. Man muss ständig den Schleim absaugen, alle zwei Stunden. Intensivpatienten sagen, das sei die zweitschlimmste Prozedur, die man sich vorstellen kann. Die schlimmste ist, dass die Menschen über einen sprechen und nicht mit einem, das berichten Koma-Patienten, die das mitbekommen haben. Ich habe gerade einen Fall begutachtet, da waren über 70 Leidenszustände dokumentiert. Schmerzen, gegen die Beatmung pressen, Blutungen. Und dann wird da zum Teil nur 2 Milligramm Morphium gegeben. Das ist eine Dosis, die gebe ich einem zehn Kilogramm schweren Säugling.

esanum: Warum wird am Morphium gespart?

Thöns: Weil es das alte Vorurteil gibt, es verkürze das Leben. Aber das ist falsch. Es ist eindeutig belegt, dass gute Schmerzbehandlung das Leben verlängert. Aber es gibt eben die Furcht, es könnte diesen "zahlungskräftigen Kunden" gefährden.

esanum: Das klingt jetzt aber sehr verbittert.

Thöns: Nein, ich bin engagiert. Und ich bin ein Freund klarer Worte. Mir reicht es nicht, über die Missstände nur zu lamentieren. Viele von uns wissen das alles, alle wissen es eigentlich – aber keiner wehrt sich dagegen. Man muss sich doch für Sterbenskranke einsetzen! Das ist doch ein ganz hoher Wert in unserer Gesellschaft. Das geht doch jeden an. Im Moment trifft es unserer Eltern und Großeltern. Und später trifft es uns. Und wir müssen darüber reden. Zur Zeit steigen die Kosten der ambulanten Beatmung um 15% jährlich und sie sind schon heute beitragssatzrelevant.

esanum: Wie viel wird an Sterbenden mit teuren, aber sinnlosen Behandlungen verdient, welche Größenordnungen muss man sich vorstellen? Liegen für Krebsmedizin Zahlen oder Schätzungen vor?

Thöns: Mit Zahlen wird gemauert. Aber eins ist sicher: Das passiert in großem Stil. Prof. Borasio, ein führender Palliativmediziner, schätzt, dass 50 Prozent der sterbenskranken Patienten betroffen sind. Meine eigene Befragung unter Intensiv-Pflegepersonal, ergab: nur 10 Prozent halten sich an die Patientenverfügung. Alle anderen sind bereit, Patienten gegen ihre erklärten Willen aufzunehmen und zu beatmen. Und bei Krebsmedikamenten braucht man ja nur in die Gebührenordnung zu gucken und man sieht, was die Medikamente kosten. Das ist bei Krebsmedizin oft mehr als 100 000 Euro pro Jahr.

esanum: Und wie kommt der Arzt an das Geld? Er verkauft ja die Medikamente nicht.

Thöns: Ein Trick heißt: Anwendungsbeobachtung. Pharmafirmen setzen bei teuren lange bekannten Medikamenten eine Studie auf, die Ärzte setzen das Medikament ein - die Schwester füllt die Fragebogen aus, das muss der Arzt nicht mal selbst machen, der Arzt verdient bis zu 7.000 Euro daran, der Hersteller verdient. Der Patient denkt, er nimmt an einer ganz tollen Studie teil. Und alle sind glücklich.

Ein anderer Weg, für den Arzt, an Geld zu kommen: Die Finanzierung der Krebsmedizin in Kliniken ist ein völlig undurchsichtiger Bereich. Ich behaupte - ohne Belege dafür zu haben - es gibt hier und da Naturalrabatte. Etwa derart: Man bezahlt zehn Ampullen und bekommt elf. Bei Preisen von 20 000 Euro pro Stück kann man sich vorstellen, wie einträglich das  ist. Belegt ist allerdings, dass die Preisbindung für Privatpatienten nicht gilt, da können weit höhere Preise aufgerufen werden, als die Klinik dafür bezahlt. Das sind extrem undurchsichtige Strukturen – da ist viel Musik drin, wenn man Geschäfte machen will.

Viel Zuspruch von Hausärzten

esanum: Sie erheben sehr schwere Vorwürfe gegen Kollegen. Wie ist das Echo aus der Ärzteschaft?

Thöns: Viele sind durchweg positiv. Zum Beispiel bekomme ich viel Zuspruch von Hausärzten. Auch Chefärzte schreiben mir positiv – leider überwiegend ehemalige Chefärzte. Die noch aktiv sind, trauen sich nicht, mich anzuschreiben. Es sind natürlich nicht alle Ärzte schlecht. Im Gegenteil. Die Mehrheit der Ärzte macht gute, vernünftige, astreine Medizin. Es ist eine Minderheit, die diesen Mist macht. Im Krankenhausmanagement gibt es größere Probleme. Eine Untersuchung besagt: Der Patientenwille wird von 70 Prozent des Pflegepersonals für bindend angesehen, von Chefärzten nur noch von 36 Prozent und von Verwaltungsdirektoren nur von 22 Prozent. Das zeigt sehr schön: je weiter man weg ist, desto mehr zählt die Kohle, die man mit dem Patienten machen kann.

esanum: Was schreiben Ihnen Betroffene? Bekommen Sie schlimme Schicksale erzählt?

Thöns: Die Beispiele sind alle ganz entsetzlich. Eine junge Mutter mit einem kleinen Kind, der Partner hat Knochenkrebs, ein Sarkom, von dem wir wissen, das ist chemotherapeutisch extrem schlecht zu behandeln. Trotzdem hat der junge Mann jede mögliche Art von Chemotherapie bekommen, und immer wurde er in dem Glauben gehalten, es wird wieder. Der konnte sich von seiner Familie gar nicht richtig verabschieden, weil er die letzten Wochen in der Intensivstation sogar noch beatmet verbracht hat. Es ist ganz besonders schrecklich, wenn den Familien das Abschiednehmen durch das Prinzip Hoffnung, das überhaupt nicht berechtigt war, genommen wird.

esanum: Woher stammen Ihre Beispiele und Fakten, wie haben Sie recherchiert?

Thöns: Die Beispiele sind von mir selbst erlebt, eins ist mir von der Ehefrau berichtet worden. Und ich habe viel im Internet recherchiert und im Buch mit Zitaten belegt. Denn wenn man in dem Bereich etwas behauptet, was nicht stimmt, bekommt man ganz schnell Ärger. Als das Buch im September rauskam, habe ich gehört, dass sich mehrere Ärzte vereinigt haben, um einen Anwalt zu finanzieren, der mir entgegen tritt. Aber bis heute hat mich kein einziger Anwaltsbrief erreicht. Man findet offenbar kein falsches Wort, um mich vor Gericht zu ziehen.

esanum: Was läuft im Gesundheitswesen so falsch, dass es zu diesen unethischen Auswüchsen kommt? Seit wann ist das überhaupt so?

Thöns: Früher galt das Kostendeckungsprinzip bei den Kliniken. 2004 hat man gesagt, wir haben zu viele Krankhausbetten. Das soll durch den Markt reguliert werden. Jede Klinik bekam jetzt für eine Leistung das gleiche Geld. Für jede Diagnose und jede Prozedur gibt es also überall das gleiche Geld. Dann werden die guten Kliniken damit gut wirtschaften und gut leben und die andere werden pleite gehen. Kluge Idee. Das Problem ist nur, dass man sich jetzt die lukrativen Leistung rauspickt, also große Eingriffe bei schlimmen Diagnosen. Und da sind eben genau meine Patienten betroffen. Die haben schwerste Diagnosen und bei denen kann man große Eingriffe durchführen. Und die wehren sich auch nicht richtig dagegen. Wenn der Arzt ihn mit der Tumor-Op doch nicht retten kann, dann ist der Patient ja tot. Und die Angehörigen, die vielleicht merken, dass da etwas nicht so gut gelaufen ist, die sind dann zwar wütend, und denken dann: ach, na gut, jetzt hat er seinen Frieden. Also das ist ein relativ sicheres Geschäft. Es sind Fehlanreize, die durch die zu hohe Vergütung von großen Eingriffen und der Intensivmedizin gesetzt werden die führen zu dieser Katastrophe.

esanum: Ihr Buch ist ein Bestseller geworden – mit einem eher unappetitlichen Thema - haben Sie die Hoffnung, dass es etwas ändern kann?

Thöns: Das hoffe ich schon. Ich habe das Glück, dass Minister Gröhe mich eingeladen hat, im Februar zu ihm zu kommen. Das heißt, die ganz hohen Herren beschäftigen sich jetzt mit dem Thema.

esanum: Was wollen Sie dem Minister sagen?

Thöns: Ich habe mir zwei bescheidene Ziele vorgenommen, die ich erreichen möchte. Einmal die Transparenz bei diesen Scheinstudien. Es gibt schon die Rechtslage, dass Ross und Reiter zu nennen sind. Und allein, wenn man das konsequent umsetzt, also dass wir im Internet nachlesen können, welcher Arzt für Scheinstudien die Hand aufhält, dann kann man als Patient und Angehöriger doch gleich besser hinterfragen: warum gibt er mir gerade diese Pille? Kluge Ärzte würden sich die Finger daran nicht mehr verbrennen wollen. Und zweitens: Man muss die Bonusvereinbarungen mit Chefärzten transparent machen. Das könnte den Patienten mündiger machen, um Entscheidungswege zu verstehen. Wenn ich zur Sparkasse gehe, weiß ich doch auch genau, wie viel Provision verdient mein Berater an mir. Mehr Transparenz, das ist mein kleines Ziel, wenn ich das erreiche, bin ich ein glücklicher Mensch.

esanum: Transparenz ist immer gut. Wenn ein Arzt viel verdient, heißt das allerdings noch lange nicht, dass sein Rat aus Geldgier falsch sein muss.

Thöns: Deshalb ist es wichtig, dass man sich im Zweifel immer eine zweite Meinung einholt - von jemandem, der kein wirtschaftliches Interessen an dem Patienten hat.

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