Roboter-Operation per Joystick

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Seit 2006 setzt auch das Uniklinikum Dresden OP-Roboter ein. Die Chirurgen loben die Präzision der künstlichen Kollegen. Die Kosten allerdings sind hoch – und die Vorteile nicht sicher nachgewiesen.

Draußen heizt die Sommersonne den Planeten auf. Drinnen ist davon wenig zu spüren: Die Klimaanlage kühlt den OP-Saal des Dresdner Universitätsklinikums auf Wohlfühltemperatur, Inseln aus Kunstlicht saugen Stationen mit blitzenden Instrumenten, blutigen Tupfern und bunten Anzeigen aus dem dämmrigen Raum. Das Innere eines pochenden rosa Brustkorbs füllt einen großen Flachbildschirm in Augenhöhe aus. Doch die sieben Männer und Frauen in blauen Kitteln haben kaum einen Blick dafür, schauen konzentriert auf Sinuskurven – und den übermannshohen Roboter in der Mitte des Saales, der mit seinen sechs Armen über dem OP-Tisch thront.

“Saugen!” befiehlt eine Stimme aus dem Hintergrund. Sie kommt von Prof. Jürgen Weitz, und der sitzt ganz hinten in der Ecke, hat sich über die Sichtfenster eines Terminals gebeugt. “Die Falte bitte etwas zur Seite drehen!” Ein zweiter Chirurg direkt neben dem OP-Tisch greift zu seinen Instrumenten, hilft dort aus, wo der Roboter nicht so richtig herankommt. Auf dem Monitor erscheint ein Greifer, der das rosa Gewebe auseinanderzieht. “Ja, jaaa… gut so.” Der Chirurg dreht an seiner Konsole beide Joysticks gleichzeitig, sanft und elegant machen zwei Greifer die Bewegung auf dem großen Bildschirm nach.

Es ist eine jener Operationen, die landläufig Roboter-OPs genannt werden, obwohl der Fachausdruck eigentlich Telemanipulator heißt. “Der sogenannte Roboter macht hier gar nichts selbstständig, sondern setzt einzig die Bewegungen der Chirurgen um”, erläutert Weitz, Chef der Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie. “Trotzdem hat sich der Begriff Roboter-OP eingebürgert.” Bei solch einem Eingriff öffnet der Chirurg den Körper des Patienten nur mit einem kleinen Schnitt, durch den dann vom Team die dünnen Instrumente am Roboterarm eingeführt werden.

Der Operateur sitzt ein paar Schritte weiter an einer Konsole und steuert mit zwei einem Joystick ähnlichen Steuerknüppeln und Pedalen die Greifarme über dem OP-Tisch. Ein optisches System übermittelt derweil ein dreidimensionales Bild aus der Brust und dem Bauch des Patienten an die Konsole, so dass der Chirurg in räumliches Gefühl dafür bekommt, wo er mit den Roboterarmen ansetzt. Diesmal liegt ein 60-Jähriger auf dem OP-Tisch, dem ein Teil der Speiseröhre entfernt wurde, um den Rest dann wieder mit dem Magen zu verbinden.
“Krebs”, sagt Weitz lakonisch. Der Tumor hat sich an einer besonders ungünstigen Stelle eingenistet, an die mit herkömmlichen Methoden nur aufwendig und umständlich heranzukommen wäre. Daher die Entscheidung für den Roboter.

Roboter kann Chirurgen-Bewegungen 10:1 übersetzen

Der Telemanipulator hat Vor- und Nachteile, räumt der 48-Jährige ein, der bisher rund 50 Roboter-OPs geleitet hat. “Der entscheidende Vorteil ist die übersetzte Bewegung”, sagt er. “Ich kann das System so einstellen, dass aus einer einen Zentimeter weiten Handbewegung von mir eine Millimeter-Bewegung des Roboterinstruments wird.” So könne sehr präzise operiert werden, und beim Patienten komme kein Zittern an.

Das sei bei schwierigen Eingriffen wie etwa einer Enddarm-Entfernung hilfreich. “Da will man natürlich die Nerven, die den Schließmuskel oder die sexuellen Funktionen steuern, nicht schädigen.” Aber er sehe auch Nachteile: “Eine Roboter-OP dauert länger als eine klassische Operation, auch hat man kein haptisches Feedback wie bei OPs, bei denen man selbst die Instrumente führt. Daran gewöhnt man sich aber mit der Zeit.”

Auch haftet Roboter-OPs immer noch der Makel früherer Modelle an: Die waren nämlich wirklich Maschinen, wurden bei Hüftgelenk-Operationen eingesetzt, arbeiteten autonom nach einem einprogrammierten Schema, aber eben nicht präzise genug – hinterher klagten viele Patienten über starke Schmerzen. “Der Begriff Roboter-OP war danach sehr negativ belegt”, räumt Uniklinik-Sprecher Holger Ostermeyer ein.

Weltweit rund 3400 “Da Vinci”-Roboter installiert

Inzwischen sind OP-Roboter fast alle Telemanipulatoren, werden also von einem speziell ausgebildeten Chirurgen ferngesteuert. Sie dürfen keinen Schnitt, keine Bewegung selbstständig machen. Eine nahezu monopolartige Stellung in diesem Sektor hat die US-amerikanische Firma Intuitive Surgicals, die nach eigenen Angaben weltweit rund 3400 dieser “Da Vincis” installiert hat. Auch der OP-Roboter im Uniklinikum ist solch ein Modell. Den ersten kauften die Dresdner 2006, mittlerweile ist ein Nachfolgemodell installiert.

Und die Uniklinik-Mediziner setzen den “Da Vinci” immer häufiger ein: 154 Roboter-OPs waren es im Jahr 2014 – etwa doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Das liegt auch daran, dass am Uniklinikum inzwischen mehr Ärzte für den Roboter ausgebildet sind: Anfangs operierte hier nur Urologie-Professor Manfred Wirth mit dem Telemanipulator, nun sitzen auch Prof. Jürgen Weitz und die Frauenheilkundlerin Prof. Pauline Wimberger oft an den Hebeln.

Aus medizinischer Sicht negative Erfahrungen haben die Ärzte mit dem “Da Vinci”-System nicht gemacht. Aber: Die Technik ist alles anderes als billig – sowohl in Anschaffung als auch Unterhalt. Der Roboter selbst kostet je nach Ausführung bis zu zwei Millionen Euro, dazu kommen Schulungskosten für die Mitarbeiter. Zudem haben die Instrumente, mit denen diese Roboter bestückt sind, eine vom Hersteller vorgegebene Nutzungsdauer: Hat der interne Zähler das Limit erreicht, muss zwingend ein neuer Aufsatz gekauft werden.

Ein weiteres Problem: In der Regel bekommen Kliniken, die Da Vincis einsetzen, von den Krankenkassen nur eine normale OP erstattet. Die Mehrkosten für den Robotereinsatz müssen sie aus dem eigenen Budget decken. Bemühungen einzelner Krankenhäuser, das kostenintensivere Verfahren mit neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zusätzlich vergütet zu bekommen, waren nicht erfolgreich, sagt die Sprecherin der AOK Plus, Hannelore Strobel.

Das Uniklinikum fühlt sich dem Gedanken verpflichtet, sich auch mit neuen OP-Techniken auseinanderzusetzen, betont Weitz. “Wir setzen den OP-Roboter aber nur für Patienten ein, wo die medizinischen Vorteile klar auf der Hand liegen.” Bisher gebe es keine belastbaren repräsentativen Studien, die eindeutige medizinische Vorteile nachweisen. Aber Hinweise aus der operativen Praxis, dass Roboter-OPs mit weniger Blutverlust und Komplikationen in der Folge verbunden seien als bei klassischen Operationen.

“Ich persönlich glaube aber, dass der OP-Roboter seine Vorteile noch zeigen und zum Beispiel in der Bauchchirurgie noch mehr Einsatzfelder finden wird”, sagt Weitz. Für den 60-jährigen Mann mit Speiseröhrenkrebs, den Weitz an diesem Tag mit Unterstützung des künstlichen Kollegen operiert hat, war der Eingriff laut Weitz erfolgreich. “Dem Patienten geht es gut.”

Text und Foto: dpa /fw

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