Sexsucht – Zwischen Zwang und Kontrolle

Hypersexualität, wie die Sexsucht auch genannt wird, ist ein sehr schwer zu fassender Begriff. Was bedeutet eigentlich zu viel Sex? Wieviel ist noch normal? Wen betrifft das eigentlich? Fragen über Fragen, die den Umgang mit diesem suchtähnlichen Krankheitsbild erschweren.

Einschnitte in allen Lebensbereichen

Hypersexualität, wie die Sexsucht auch genannt wird, ist ein sehr schwer zu fassender Begriff. Was bedeutet eigentlich zu viel Sex? Wieviel ist noch normal? Wen betrifft das eigentlich? Fragen über Fragen, die den Umgang mit diesem suchtähnlichen Krankheitsbild erschweren.

Im globalen Maßstab gesehen, sind wir Deutschen Weltmeister im Online-Porno-Konsum; insgesamt verbringt die Weltbevölkerung statistisch gesehen sogar bis zu 12 Millionen Stunden täglich auf Pornowebseiten. Schätzungsweise 43% aller InternetnutzerInnen bei uns konsumieren Pornographie. Interessanterweise werden 70% der pornographischen Inhalte werktags zwischen 9 und 17 Uhr abgerufen. Doch sind wir deshalb nun sexsüchtig?

Nein. Dennoch wirkt die ständige, niedrigschwellige Verfügbarkeit von Pornographie als ein sogenannter supernormaler Stimulus. Das kennen wir sonst nur vom Zucker oder dem lieben Geschmacksträger Fett. Experten sprechen daher auch treffend von der "All-you-can-eat-Sexualität". Diese kann schließlich in eine gelegenheitsinduzierte Sexsucht münden.

Klassifizierung der Sexsucht

Bei der Sexsucht sind im Wesentlichen zwei verschiedene Betroffenen-Typen zu unterscheiden: 1) der extrovertierte Sensationslüsterne, der auch den realen Sexkontakt sucht und 2) der introvertierte, schüchtern-gehemmte Typ, der sich vornehmlich auf den Porno beschränkt.

Doch woran erkennen ÄrztInnen sexsüchtige PatientInnen? Die Mehrzahl ist in der Tat männlich. Das dysregulierte Sexualverhalten äußert sich auf verschiedene Weise. So tritt häufig z. B. ein exzessives, sich selbst oder fremdschädigendes Verhalten zutage. Der sogenannte Jäger sucht den immer neuen Kick, während der Sammler zum Teil massive Pornosammlungen anlegt, welche er nie mehr im Leben nur ansatzweise vollumfänglich anzusehen vermag. Hinzu kommen in etwa 70% der Fälle eine zwanghafte Masturbation sowie der exzessive Pornographiekonsum. Darüber hinaus treten im Zusammenhang mit der Dysregulation häufiger Depressionen oder Hypermanien und andere psychische Symptomatiken auf.

Ebenfalls charakteristisch für die Sexsucht ist, dass diese zu Konsequenzen im Lebensumfeld der Betroffenen führt. Durch teils immer riskantere Zwangsmasturbationen, beispielsweise im Büro oder in öffentlichen Bereichen, kann der Betroffene mit seinem Verhalten sehr leicht auffliegen. Um dies möglichst zu verhindern, ziehen sich Sexsüchtige immer weiter zurück, was wiederum die soziale Isolation fördert und zu Partnerschaftskonflikten führt. Im schlimmsten Fall drohen Arbeitsplatzverlust und damit auch der wirtschaftliche Ruin.

Diagnostisch liegt nach ICD-11 bei der Sexsucht eine Störung der Impulskontrolle vor, welche die folgenden drei Kernmerkmale besitzt:

Ursachensuche

Die genaue Ursache der Sexsucht ist nach wie vor unbekannt. Vermutet wird z. B. eine Beteiligung des dopaminergen und/oder der serotonergen Systems im Gehirn. Auffällig ist allerdings, dass Betroffene häufig süchtig sind nach der erfahrenen sexuellen Erregung, nicht so sehr nach dem erlebten Orgasmus. So können mitunter Stunden in einem sexuellen Erregungszustand verbracht werden, der am Ende zwangsläufig durch die Masturbation beendet wird. Die erlebte, fast andauernde Erregung davor entspricht im Wesentlichen einem bewusstseinsverändernden Zustand. Sexsüchtige wandeln so ihre emotionale Bedürftigkeit in rein sexuelle Bedürfnisse um – ExpertInnen sprechen dabei von einer zunehmenden Sexualisierung auf Basis eines Defizites an Intimität und interpersoneller Bindung.

Diagnostik und Therapie

Für die Diagnostik bietet sich insbesondere der Selbstbewertungsbogen HBI-19 als ein probates Hilfsmittel an. Doch auch Antworten auf erste einfache Fragen im Arzt-Patienten-Gespräch können Hinweise liefern: Haben Sie Schwierigkeiten, sich in Ihrer Sexualität zu kontrollieren? Hatten Sie oder fürchten Sie negative Konsequenzen? Gab es Versuche, sich zu verstecken? Zusätzlich kann auch eine situative erektile Dysfunktion in jüngeren Jahren auf eine mögliche Sexsucht – verbunden mit exzessivem Pornokonsum – hinweisen. Dies steht jedoch sehr wahrscheinlich nicht mit der höheren Masturbationsfrequenz im Zusammenhang, als vielmehr mit dem Fehlen des Stimulus in der realen Partnersituation.

Therapeutisch ist zu sagen, dass es keine wirkliche Sexsucht-Therapie gibt. In erster Linie geht es darum, z. B. über psychotherapeutische Angebote eine positive Selbstzuwendung zu induzieren. Dafür muss zuerst der Selbsthass, den viele Betroffene empfinden, eine Modifizierung erfahren. Das zwanghafte Verhalten muss zudem reguliert werden. Zwar gibt es auch medikamentöse Ansätze, um diese Regulation zu gewährleisten, allerdings führen die Medikamente zu keiner eigentlichen Veränderung der Sexsucht-Ursachen.  Das heißt: Sobald die Medikamente abgesetzt werden, kehrt auch die Hypersexualität zurück. Stattdessen soll abschließend Freud zu Wort kommen, der seinerzeit schon erklärte: "Psychotherapie ist Heilung durch Liebe".

Veranstaltung:
AF08 „Psychosomatische Urologie und Sexualmedizin“: Wenn die Lust aus dem Ruder läuft: Sexsucht und Pornographie als Problem (Hartmann U.), 71. DGU-Kongress, 18.09.2019, Hamburg

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