Social Freezing: Kinderwunsch auf Eis gelegt

Das Einfrieren von Eizellen ermöglicht es Frauen, auch noch in höherem Alter ein Kind zu bekommen. Doch ist das Verfahren nicht ohne Risiko für das Baby: Die Gefahr von Missbildungen und Autismus s

Das Einfrieren von Eizellen ermöglicht es Frauen, auch noch in höherem Alter ein Kind zu bekommen. Doch ist das Verfahren nicht ohne Risiko für das Baby: Die Gefahr von Missbildungen und Autismus steigt. Die Politik sollte deshalb Anreize setzen, dass Frauen sich auch ohne Social Freezing für ein Kind entscheiden, findet esanum-Gründer Dr. Bodo Müller.

Die Geburtsmedizin war häufig Gegenstand heftiger gesellschaftlicher Diskussionen: Anti-Baby-Pille, § 218 StGB, In-vitro-Fertilisation, Leihmutterschaft und die Präimplantationsdiagnostik sind nur einige Beispiele. Es ging meist um die Frage, wo die Grenzen der Medizin liegen, was moralisch vertretbar ist oder wann „Leben“ eigentlich beginnt. Das Thema „Social Freezing“ bietet Potenzial für eine weitere Debatte. Hier geht es um etwas Elementares: Sollen Frauen ihre biologische Uhr anhalten und auch in reiferem Alter Kinder bekommen können, indem sie Eizellen einfrieren lassen?

So funktioniert Social Freezing

„Social Freezing“ stammt aus der Krebstherapie. Patientinnen werden beim „Medical Freezing“ vor Chemo- oder Strahlentherapien Eizellen entnommen, um sie nach einer Behandlung wieder einzusetzen. Das Verfahren gleicht einer künstlichen Befruchtung. Die Frau erhält über mehrere Tage Hormone, die verschiedene Follikel reifen lassen, um diese vaginal zu entnehmen. Die Eizellen (Ooyzten) werden anschließend bei rund minus 200 Grad tiefgekühlt und aufbewahrt, bis sich die Frau für eine künstliche Befruchtung und anschließende Einpflanzung der Embryonen entscheidet. Der Embryonentransfer geschieht entweder am zweiten Tag nach der Befruchtung, im 4-Zell-Stadium, oder am fünften Tag nach Befruchtung im sogenannten Blastozysten-Stadium.

Erfolg hängt vom Alter ab

Experten gehen davon aus, dass 80 bis 90 Prozent der Zellen Einfrieren und Auftauen überstehen. 50 bis 70 Prozent lassen sich normal befruchten. Zwischen 20 und 30 Prozent der eingepflanzten Eizellen führen nach einer künstlichen Befruchtung zu einer Schwangerschaft, wenn die Follikel im Alter von unter 35 Jahren entnommen wurde. Die Kosten für die Entnahme der Eizellen, ihre Konservierung sowie die erforderlichen Hormonpräparate und Medikamente liegen bei circa 3.000 bis 4.000 Euro. Hinzu kommen knapp 2.000 Euro für das Einpflanzen der befruchteten Eizellen in den Uterus.

Familienplanung beginnt später

Frauen haben für ein Kind ein begrenztes Zeitfenster. Eine Frau verliert mit der Pubertät pro Jahr rund 12.000 ihrer 400.000 Eizellen. Die Fruchtbarkeit sinkt ab dem 20sten Lebensjahr. Das Risiko, ein Kind mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) zu bekommen, steigt ab Mitte 30 deutlich an. Auch sind Fehl- und Frühgeburten in höherem Alter häufiger. Eine australische Studie zeigt, dass es ein gegenüber einer Spontanschwangerschaft um circa drei Prozent höheres Fehlbildungsrisiko gibt, wenn Eizellen für eine Schwangerschaft aufgetaut und In-vitro (im Reagenzglas) fertilisiert werden. Einer schwedische Analyse zufolge gibt es ein circa zehn Prozent höheres Risiko für Autismus und andere mentale Störungen. Auch die Wahrscheinlichkeit für Mehrlingsgeburten steigt.

Social Freezing aus Karrieregründen?

Nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung lag das Durchschnittsalter einer Frau in Deutschland bei Geburt ihrer Kinder im Jahr 1980 bei 26,4 Jahren. Die durchschnittliche Mutter in Deutschland ist heute bei Geburt des ersten Kindes im Schnitt 29,2 Jahre alt. 28.455 der rund 673.000 Mütter waren 2012 älter als 40 Jahre, so Zahlen des Statistischen Bundesamts. Dass „Social Freezing“ eine bestimmte Klientel Frauen anspricht, dürfte nicht überraschen. Mehr als die Hälfte der im Jahr 2013 rund 200 Social-Freezing-Patientinnen waren zwischen 35 und 39 Jahre alt und Akademikerinnen. Das hat das Netzwerk FertiPROTEKT – eine Kooperation von circa 100 universitären Zentren, Kliniken und Arztpraxen herausgefunden.

Fehlende politische Anreize

Der „Monitor Familienleben 2013“ des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt, dass unter jüngeren Kinderlosen der Anteil mit Kinderwunsch seit 2008 von 73 auf 83 Prozent gestiegen ist. Zwei Drittel der Bevölkerung hat den Eindruck, dass Familie und Beruf in Deutschland nicht gut zusammenpassen. Offenbar ist für ein Kind nie der richtige Zeitpunkt. Befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit, steigende Mieten in Großstädten, fehlende Kita-Plätze, niedrige Löhne und Karrieredruck sind wenig förderlich, um ein Baby zu bekommen. Die Politik hat mit Elternzeit, Elterngeld, Wiedereinstiegsmöglichkeiten in das Berufsleben, Ganztagsbetreuung und Teilzeitmodellen sinnvolle Instrumente geschaffen. Trotzdem fehlt Paaren das Vertrauen, ihren Kinderwunsch bereits in einem Alter zu realisieren, in dem es ohne Social Freezing geht. Es bedarf eines von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ausgehenden Sinneswandels!

Ältere Eltern können eine Bereicherung sein

Studien belegen, dass ältere Paare bei Verlässlichkeit, Empathie, Lebenserfahrung und bei der für ihre Kinder verfügbaren Zeit nicht schlechter abschneiden als jüngere. Ein „Rentner-Vater“ kann ein guter Vater sein, auch wenn er mit seinem Sohn nicht mehr ganz so leicht auf Bäume klettern kann und eventuell noch nie etwas von Justin Bieber gehört hat. Nur gibt es auch die andere Perspektive: Die des Kindes, dessen Eltern bei der Einschulung als „Opa“ und „Oma“ angesprochen werden, die ein höheres Krankheits- und Sterberisiko aufweisen und deren soziales Umfeld wenig kindgerecht erscheint. Die Wahrscheinlichkeit für Krankheiten und die Mortalität der Eltern steigen mit zunehmendem Alter.

Die vom Netzwerk FertiPROTEKT vorgeschlagene Altersgrenze für das Einsetzen der Eizellen von 50 Jahren ist deshalb sinnvoll. Damit wird dem Auftreten von Erkrankungen im Alter Rechnung getragen und man verabschiedet sich nicht komplett von der Evolution, die sich bei Frauen in einer abnehmenden Fortpflanzungsfähigkeit äußert.

Über Dr. Bodo Müller

Dr. Bodo Müller ist Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe im Vivantes-Klinikum Berlin Hellersdorf. Gleichzeitig ist er Gründer von esanum.

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