Social Media und die Lebensqualität des Onkologen

Es gibt viele Gründe, sich als Arzt bei Social Media zu engagieren und verschiedene Untersuchungen haben mittlerweile auch den Nutzen belegt. Nichtsdestotrotz sind auch Risiken zu beachten, wie auf dem ASCO 2019 zu erfahren war.

Es gibt viele Gründe, sich bei Social Media zu engagieren - auch durch Studien belegt.

"Wenn wir Social Media optimal einsetzen, kann es uns dabei helfen, vieles besser zu erledigen…und unser eigenes Wohlbefinden zu verbessern", so das Fazit von Jane Lowe Meisel, Winship Cancer Institute, Emory Universität, Atlanta, USA, bei einem Educational Symposium während der Jahrestagung 2019 der ASCO (American Society of Clinical Oncology) zum Thema Social Media in der Onkologie.

Meisel fragte zunächst, warum man als Arzt in die Onkologie gehe. Für sie war die Versorgung von Patienten an wichtigen Stellen des Lebens mit tiefen, anhaltenden Beziehungen wichtig. Die Tätigkeit erlaubt es, Forschung und klinische Praxis zu kombinieren, weil sich die Erkenntnisse rasch ändern und viel Forschungsarbeit erforderlich ist. Und die Onkologie erlaubt es, schwierige Gebiete in der Patientenversorgung kennen zu lernen wie Arzneimittelentwicklung und Design klinischer Studien, die Überbringung schlechter Nachrichten und die Begleitung bis zum Ende des Lebens.

Allerdings – wie so oft – klaffen Ideal und Realität weit auseinander. Jeden Tag muss der Onkologe schwierige Botschaften mit den Patienten besprechen und ihm in Situationen weiter helfen, die er und seine Familie nicht vergessen werden. "Die Anforderungen an unsere Zeit und unsere Emotionen sind extrem", so Meisel. Deshalb sind auch Stress und Burnout bei Onkologen sehr häufig.

Eine Umfrage der ASCO ergab, dass rund 45 % der 1.490 Onkologen, die den Fragebogen beantwortet hatten, ausgebrannt waren. Je höher die Zahl der wöchentlichen Arbeitsstunden war, umso wahrscheinlicher war ein Burnout. Es besteht das Risiko der Isolation, denn die harten Arbeitstage des Onkologen unterscheiden sich häufig von den harten Arbeitstagen der Kollegen in anderen medizinischen Fachbereichen.

Virtuelle Gruppen zum Erfahrungsaustausch in allen Lebenslagen

Um belastbar zu bleiben, empfiehlt Meisel, Menschen zu finden, die nachvollziehen können, was der Onkologe durchmacht. Eine Hilfe können hier virtuelle Gruppen sein, wie ASCO Connection. Als weiteres Beispiel nannte Meisel die Hematology Oncology Women Physician Group (HOWPG), eine private Facebook-Gruppe mit mehr als 1.350 Frauen, die im Bereich der Hämatologie/Onkologie arbeiten. Sie bietet Unterstützung in allen Lebenslagen der Onkologinnen, angefangen bei Problemen mit Patienten über Schwierigkeiten mit Kollegen oder Mitarbeitern, Gehaltsverhandlungen, Work-Life-Balance, Jobangeboten bis hin zu virtuellen Tumorboards. Eine aktuelle Publikation hat gezeigt, dass die Gruppenmitglieder von der emotionalen Unterstützung profitieren und mit ihrer beruflichen Entwicklung zufriedener sind, was wiederum das Risiko eines Burnouts verringert.

Fachlicher Austausch über Grenzen hinweg

Social Media kann dem Onkologen aber nicht nur emotional helfen, sondern auch wertvolle fachliche Unterstützung bieten. In der Onkologie ändern sich die Therapiestandards rasch, es gibt ständig zahlreiche neue Entwicklungen. Social-Media-Gruppen erlauben es dem Onkologen, einzelne Fälle mit Kollegen zu diskutieren. Dies ist insbesondere für ländliche Gegenden von Bedeutung, wo weniger Spezialisten tätig sind. In den Social-Media-Gruppen kann nach Kollegen für eine Zweitmeinung oder Experten zur Weiterbehandlung gesucht werden, z. B. "Kennt irgendjemand einen Lungenkrebs-Experten an der Universität von Michigan?" oder "Weiß einer einen Melanom-Spezialisten bei Hopkins?" oder "Mein Patient möchte eine zweite Meinung am MSKCC… kann mir jemand eine Empfehlung geben?"

Social Media erlaubt es auch, aus der "eigenen Blase" heraus zu kommen. Man lernt neue Arbeitsmöglichkeiten kennen, die inspirierend für die eigene Karriere sein können. "Virtuelle Interaktionen können in reale interessante Beziehungen übergehen, die manchmal zu einem Jobangebot oder zu einem Vortrag führen können."

Aufgrund der zunehmenden Spezialisierung in der Onkologie sind Kollaborationen in der Forschung häufig nur über große Entfernungen möglich. Der Informationsaustausch über das Internet erleichtert dies erheblich.

Es gibt also viele Gründe, sich bei Social Media zu engagieren und verschiedene Untersuchungen haben mittlerweile auch den Nutzen belegt. Nichtsdestotrotz sind auch Risiken zu beachten. Meisel empfahl folgende Vorsichtsmaßnahmen:

Quelle:
Meisel JL. Creating connections and building community: Social media and physician quality of life. Educational Symposium„ Tweets, chats, and posts: using social media to transcend boundaries and create opportunities for patients“, 2019 ASCO Annual Meeting, Chicago, 31. Mai bis 4. Juni  2019.

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