Statine auch im Alter sinnvoll

Statine werden älteren Personen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung nur selten verschrieben, da ihr Nutzen nicht eindeutig belegt ist. Nun zeigt eine neue Studie, dass auch Menschen jenseits der 75 Jahre von einer primärpräventiven Statintherapie profitieren.

Patientinnen und Patienten ab 75 Jahren profitieren von primärpräventiver Statintherapie

Statine werden älteren Personen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung nur selten verschrieben, da ihr Nutzen nicht eindeutig belegt ist. Nun zeigt eine neue Studie, dass auch Menschen jenseits der 75 Jahre von einer primärpräventiven Statintherapie profitieren.

Statine stellen die Basistherapie zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen dar. Sie senken das Low-Density Lipoprotein Cholesterin (LDL-C), indem sie die Bildung von Cholesterin in der Leber hemmen. Zu hohe LDL-Werte im Blut fördern die Bildung von Gefäßplaques und sind einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Während der Nutzen einer Statintherapie bei jüngeren Menschen gut belegt ist, gibt es weniger Daten in Bezug auf ältere Menschen. Daher haben die europäischen und US-amerikanischen Leitlinien für diese Patientengruppe auch keine eindeutigen Empfehlungen. Im ärztlichen Alltag wird der Nutzen bei Menschen jenseits der 75 Jahre deshalb angezweifelt, auch da sie vermeintlich "nicht mehr lang genug leben" um von den positiven Effekten zu profitieren. Fakt ist aber: 75 Jahre ist heutzutage kein hohes Alter mehr. Daher sollte geklärt werden, ob auch ältere PatientInnen von einer Statintherapie profitieren. Zwar wurde mittlerweile gezeigt, dass in dieser Altersgruppe Statine in der Sekundärprävention Sinn machen, aber es gibt noch keine aussagekräftigen Daten hinsichtlich einer primärpräventiven Behandlung.

Vergleich älterer Statin-Absetzer versus Nicht-Absetzer

Um diese Frage zu klären, wurde in Frankreich eine intelligent designte Studie durchgeführt: Mithilfe der Datenbank der nationalen Krankenversicherung wurden retrospektiv 120.173 ältere PatientInnen erfasst (40% männlich), die zu ihrem 75. Geburtstag eine mindestens zweijährige Statintherapie erhielten und zu dieser auch adhärent waren. PatientInnen mit bekannter kardiovaskulärer Erkrankung oder solche, die Thrombozytenaggregationshemmer erhielten, wurden von der Auswertung ausgeschlossen. Die Testpersonen wurden dann im Mittel 2,4 Jahre nachbeobachtet. Im Laufe dieser Zeit setzten insgesamt 17.204 PatientInnen (14 %) die Statintherapie ab – zur Info: ein Statin wurde nach 3 Monaten ohne protokollierte Einnahme als "abgesetzt" gewertet. Das Forschungsteam analysierte dann, ob Personen, die ihr Statin absetzten, häufiger kardiovaskuläre Ereignisse erlitten als jene, die ihr Statin regelmäßig einnahmen. In ihren Analysen berücksichtigten die Forschenden mögliche Confounder wie Geschlecht, Wohnsituation, Gebrechlichkeit, Begleiterkrankungen und die Einnahme kardiovaskulärer Medikamente.

Statin-Absetzer hatten 33% erhöhtes kardiovaskuläres Risiko

Im Verlauf der Studie kam es zu 5.396 kardiovaskulären Ereignissen (2,1 pro 100 Patienten-Jahren), darunter 2.299 Koronarereignisse, 2.328 zerebrovaskuläre Ereignisse und 769 anderweitige kardiovaskuläre Ereignisse.

Im Vergleich zu Testpersonen mit durchgehender Statintherapie wiesen PatientInnen, die ihr Statin während der Studie abgesetzt haben, ein 33% höheres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse auf (adjustierte Hazard Ratio 1,33, 95% Konfidenzintervall 1,18–1,50). Das Risiko, ein Koronarereignis zu erleiden, war nach Absetzen des Statins höher, als das Risiko ein zerebrovaskuläres Ereignis zu erleiden (46% versus 26% Risikoerhöhung). Eine Subgruppen-Analyse zeigte, dass die Risikoerhöhung geschlechtsunabhängig war. Es spielte auch keine Rolle, ob die Statintherapie in hoher oder niedriger Dosis durchgeführt wurde. Nur bei DiabetikerInnen erhöhte sich das kardiovaskuläre Risiko überraschenderweise nicht nach Absetzen des Statins. Die Forschenden erklären sich das Ergebnis damit, dass DiabetikerInnen durch ihr per se erhöhtes kardiovaskuläres Risiko (auch unter Statintherapie) möglicherweise nur zu einer relativ geringen, und damit statistisch schwer erfassbaren, Risikoerhöhung nach Absetzen des Statins neigen. Die Frage ist, ob ältere DiabetikerInnen dann überhaupt Statine erhalten müssen? Nach Ansicht des Forschungsteams sollte diese Fragestellung in weiteren Studien untersucht werden.

Primärpräventive Statintherapie auch bei älteren Menschen sinnvoll

Die Ergebnisse dieser wichtigen "Real-Life" Studie weisen darauf hin, dass eine primärpräventive Statintherapie auch bei älteren Menschen jenseits der 75 Jahre Sinn macht, bei denen ein erhöhtes Risiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung vorliegt. Denn entgegen früherer Annahmen lässt sich auch in dieser Patientengruppe das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch senken, und zwar schon nach wenigen Jahren. Da die Ergebnisse retrospektiv erhoben wurden, können mögliche Confounder jedoch nicht ausgeschlossen werden. Daher empfehlen die AutorInnen die Durchführung von randomisierten Kontrollstudien zur Bestätigung ihrer Ergebnisse. Solche Studien laufen bereits und mit Ergebnissen ist Ende dieses Jahres zu rechnen.

Die Studie zeigt auch, dass rund die Hälfte der älteren PatientInnen ihre Statine nicht regelmäßig einnehmen. Daher ist es äußerst wichtig, diese Personen im Praxisalltag zu motivieren, ihre Behandlung ernst zu nehmen und adhärent zu bleiben. Regelmäßige Patientengespräche und Kontrollen des Therapieerfolgs stellen hier die Basis jeder Behandlung dar. Und vielleicht hilft auch die ein oder andere Anekdote: Als der ehemalige US-Präsident Bill Clinton im hohen Alter sein Statin absetzte, weil er mehr Sport trieb und etwas Gewicht verlor, erlitt er mehrere Monate später ein akutes Koronarsyndrom und musste sich einer Bypass-OP unterziehen. Soweit muss es natürlich nicht kommen, aber ein eindrucksvolles Beispiel ist es allemal.

Quellen:
Giral P et al. Cardiovascular effect of discontinuing statins for primary prevention at the age of 75 years: a nationwide population-based cohort study in France. European Heart Journal, Volume 40, Issue 43, 14 November 2019, Pages 3516–3525
Altman LK. Heart-Health Lessons From the Clinton Case. Sept. 21, 2004. The New York Times.

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