Stillen ist keine Lebensphilosophie

Es gibt gute medizinische und persönliche Gründe, sein Kind nicht zu stillen, sagt esanum-Gründer Dr. Bodo Müller. Wie ernähre ich mein Kind in den ersten Lebensmonaten? War es über Jahrtausende in

Es gibt gute medizinische und persönliche Gründe, sein Kind nicht zu stillen, sagt esanum-Gründer Dr. Bodo Müller.
Wie ernähre ich mein Kind in den ersten Lebensmonaten? War es über Jahrtausende in allen Kulturen keine Frage, dass jede Frau ihr Kind selbst stillt, hat sich in jüngster Zeit die Diskussion in eine andere Richtung entwickelt.

Klar ist: Stillen ist eine der natürlichsten Handlungen überhaupt. Nur ist Stillen immer noch der beste Start ins Leben eines Menschen? Angesichts des medizinischen Fortschritts und der sich rasch verändernden Lebenswelten junger Frauen und Familien ist diese Sorge berechtigt. Nur leider wird in Internetforen, Gesprächskreisen und auf Fachportalen die „Stillfrage“ häufig alles andere als sachlich diskutiert. Gespräche entgleisen zu ideologischen Kämpfen und Stillen wird fast zu einem höheren moralischen Gut hochstilisiert. Sogar die Tatsache, dass einige Frauen aus medizinischen Gründen nicht stillen können, wird nicht mehr respektiert. Sie werden angefeindet.

Es gibt sie tatsächlich, die Vertreter mit geradezu stillfanatischen Ansichten aus alternativen Trendbezirken wie Berlin Prenzlauer Berg oder dem Hamburger Schanzenviertel, aber genauso gibt es diejenigen, die dem zeitgenössischen Kult nach einem nicht alternden, makellosen Körper gnadenlos verfallen sind. Das sind die Extreme. Für die einen impliziert die bewusst getroffene Entscheidung zum Kind auch automatisch die Bereitschaft und Verpflichtung der Mutter zum Stillen. Auf der anderen Seite sind viele der Meinung, mit dem Verzicht auf das Stillen den biologischen Veränderungsprozess im Erscheinungsbild
einer Frau verdrängen, ihren Stand in der Gesellschaft verbessern beziehungsweise sich im Berufsleben schneller wieder auf das Niveau der Zeit vor der Schwangerschaft bringen zu können. Dabei gilt es stets die Interessenlage der jungen Mutter mit der des Säuglings abzuwägen.

Muttermilch ist gut für das Baby

Dass Muttermilch die ideale Ernährung für das Neugeborene ist, kann nicht ernsthaft bestritten werden. Sie ist von Zusammensetzung und Flüssigkeitsgehalt her auf die Bedürfnisse des Babys abgestimmt, liefert im ersten Lebenshalbjahr die notwendigen Nährstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe und Enzyme – gut aufbereitet und wohltemperiert. Dazu kommen Abwehrstoffe gegen Infektionskrankheiten, der Schutz vor Allergien und späteren Erkrankungen wie Diabetes. Auch die stillende Mutter profitiert körperlich. So erleichtert der durch das Stillen bedingte Energieverbrauch von rund 600 Kalorien pro Tag der Mutter das Abnehmen nach einer Schwangerschaft. Frauen, die gestillt haben, erkranken auch seltener an bestimmten Krebsarten. Und das Wichtigste: Stillen wirkt sich positiv auf die Mutter-Kind-Beziehung aus. Die Empfehlungen von Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO gehen nicht zuletzt deshalb dahin, bis zu sechs Monate zu stillen und dann unter Beikost weiter bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr Muttermilch zu geben. Es reicht sicher auch aus, wenn ein Kind bis zum ersten Geburtstag Muttermilch erhält.

Frauen wollen selbstbestimmt leben

Es sind persönliche und soziale Gründe, die Frauen dazu bewegen nicht zu stillen oder es zumindest sehr schnell einzuschränken. Auf der einen Seite gibt es den berechtigten Wunsch, zügig wieder in das Berufsleben einzusteigen – aus ökonomischer Notwendigkeit oder um wieder den ursprünglichen Lebensstil aus der Zeit vor der Schwangerschaft zu erreichen. Sie wollen wieder ihre körperliche Unabhängigkeit und zum Beispiel nicht noch länger ihre Ernährung einschränken.

Nicht unwesentlich ist die Furcht vor kosmetischen Nachteilen – sprich Veränderungen an der Brust –, die dafür sorgt, dass Frauen ihre Stillzeit verkürzen. Die Befürchtungen aufgrund einer Schwangerschaft kosmetische Nachteile zu erleiden und weniger attraktiv zu sein, sind generell überzogen. Eine Schwangerschaft geht zwar nicht spurlos an einem weiblichen Körper vorbei. Sie sollten aber nicht als Makel betrachtet werden, sondern als etwas Natürliches. Leider transportieren gerade die Medien ein anderes Idealbild: makellose Schönheit. Am besten zeigen sich Frauen wie Michelle Hunziker oder Heidi Klum sofort nach der Geburt wieder im Bikini am Strand und sind fit wie nie zuvor – unrealistisch und die normale Frau setzt dieser Anspruch unnötig unter Druck.

Die Stillfrage muss sich wieder mehr versachlichen. Toleranz für die Entscheidung einer Frau ist angesagt. Unabhängig, ob sie stillt oder sich dagegen entscheidet. Einen guten Mittelweg bieten zum Beispiel zertifizierte Stillzentren. Nachdem zunächst jede Frau mehr oder weniger sanft zum Stillen geführt wurde, ist es dort gang und gebe ärztlich verordnetes Zufüttern zu akzeptieren. Wichtigste Grundregel: Eine Frau sollte sich beim Stillen wohl fühlen, denn das Kind nimmt den Zustand der Mutter stärker wahr als viele denken.

Eine rundum gesunde und glückliche Mutter ist für das Kind sowieso besser als eine unglückliche stillende.

Über Dr. Bodo Müller

Dr. Bodo Müller ist Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe im Vivantes-Klinikum Berlin Hellersdorf. Gleichzeitig ist er Gründer von esanum.


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