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Traumatische Stresserfahrungen in der Kindheit erhöhen Erkrankungsrisiko im Erwachsenenalter

Frühe Stresssituationen wirken sich auf das Gehirn, Immunsystem und den Stoffwechsel aus, wodurch die Entstehung von Erkrankungen begünstigt wird.

Alter von zehn bis elf: Amygdala besonders sensibel für Folgen starker Stresserfahrungen

Frühe Stresssituationen wirken sich auf das Gehirn, Immunsystem und den Stoffwechsel aus, wodurch die Entstehung von Erkrankungen begünstigt wird.

Eine deutschlandweite Umfrage ergab, dass 27,7 Prozent der befragten Erwachsenen mindestens einer Form der Misshandlung im Kindesalter ausgesetzt waren. Auf der Pressekonferenz im Rahmen der 62. Wissenschaftlichen Jahrestagung der DGKN gewährte uns Prof. Dr. rer. nat. Christine Heim Einblicke in langfristige neurobiologische Folgen von Traumatisierung im Kindesalter. Die Leiterin des Instituts für Medizinische Psychologie an der Berliner Charité nimmt im Interview mit esanum Bezug auf neue Möglichkeiten, mittels genauer Kenntnisse der beteiligten biologischen Mechanismen der "Einbettung" des Traumas, neue Wege und Strategien zu finden, welche helfen sollen, betroffenen Kindern eine gesunde Zukunft zu ermöglichen. 

Prof. Dr. rer. nat. Christine Heim

esanum: Zahlreiche Studien belegen, dass traumatische Erlebnisse in der Kindheit nicht nur das Risiko für psychische Erkrankungen, sondern auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gastrointestinale Störungen, Diabetes und Krebs im Erwachsenenalter erhöhen. Gibt es im Zuge dessen Unterschiede? Ist zum Beispiel ein Erwachsener, der als Kind geschlagen oder sexuell missbraucht wurde, einem höheren Risiko ausgesetzt, als jemand, der emotional verkümmert oder in schwerer Armut aufgewachsen ist?

Heim: Große epidemiologische Studien beispielsweise in den USA zeigen, dass kindliche Traumata unspezifische Risikofaktoren darstellen. Eine breite Palette kindlicher Stresserfahrungen kann das Risiko für ein breites Spektrum von psychischen und körperlichen Erkrankungen erhöhen. Der kritische Faktor dabei ist der Zeitpunkt im frühen Leben. Also auch emotionale Vernachlässigung oder schwere Armut im frühen Leben können langfristige Folgen für ein erhöhtes Erkrankungsrisiko nach sich ziehen. Dabei gibt es auch Dosis-Wirkungs-Zusammenhänge relativ Schweregrad der Erfahrungen: Je mehr stressreiche Erfahrungen früh im Leben gemacht wurden, umso größer das Erkrankungsrisiko.

esanum: Sie sagten, dass nicht jedes Kind diesen Langzeitrisiken ausgesetzt ist. Gibt es neben genetischen Komponenten noch weitere Faktoren, die Einfluss darauf nehmen, wer etwaigen Risiken unterliegt und wer gesund bleibt?

Heim: Ja, es gibt eine ganze Reihe von sogenannten Resilienzfaktoren. Neben genetischen Faktoren spielen hier soziale und psychologische Faktoren eine Rolle. Beispielsweise kann eine gute Beziehung zu einem Elternteil oder Pflegeeltern die Folgen von frühen Stresserfahrungen abschwächen. Wichtig ist, dass manche Kinder biologisch/genetisch sensitiver auf den Kontext reagieren als andere. Diese sensitiveren Kinder scheinen ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen nach frühen Stresserfahrungen zu besitzen, andererseits können diese Kinder eventuell ebenfalls von positiven Einflüssen (wie etwa Therapie) eher profitieren.  

esanum: Können traumatische Erfahrungen in der Kindheit Einfluss auf die fortschreitende körperliche Entwicklung nehmen?

Heim: Unsere Daten an drei- bis fünfjährigen Kindern zeigen, dass diejenigen, welche Misshandlung erfahren haben, eine verzögerte motorische, sprachliche und kognitive Entwicklung aufweisen. Es gibt auch Beobachtungen in der Literatur, dass starker Stress in frühen Lebensjahren zu einer geringeren Körpergröße beitragen kann.

esanum: Die Amygdala ist im Alter von zehn bis elf Jahren besonders sensibel für die Folgen von starken Stresserfahrungen. Bedeutet dies, dass Kinder, die in diesem Alter traumatisiert werden, später mit gravierenderen Konsequenzen zu kämpfen haben als Kinder, die zum Traumatisierungszeitpunkt jünger oder älter bzw. jugendlich sind?

Heim: Das sind Studien von Professor Martin H. Teicher et al. (2016)  und Pechtel et al. (2014), Teicher war an letzterer ebenfalls beteiligt. Er untersucht sogenannte "sensible Zeitfenster", in welchen traumatische Erfahrungen besonders ausgeprägte biologische Folgen hinterlassen. Er konnte an Studien mit jungen Erwachsenen zeigen, dass diese ein besonders ausgeprägt vergrößertes Amygdala-Volumen aufwiesen, wenn die Stresserfahrung im Alter von ca. zehn bis elf Jahren gemacht wurde. Für verschiedene Hirnregionen findet er unterschiedliche sensible Zeitfenster. Inwieweit diese Zeitfenster ebenfalls ein unterschiedliches Störungsrisiko bedingen, muss noch weiter erforscht werden.  

esanum: Zahlreiche Studien zeigen, dass Kinder von traumatisierten Eltern, etwa Nachfahren von Überlebenden des Holocausts, ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen aufweisen, obwohl sie selbst keine direkten traumatischen Erfahrungen gemacht haben. Würden Sie soweit gehen und sagen, dass das erhöhte Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs ebenfalls "vererbt" wird?

Heim: In jüngerer Zeit konnte man die Mechanismen genauer aufdecken, welche zu einer intergenerationalen Transmission von Folgen von Traumatisierung beitragen können. Hierbei spielen epigenetische Faktoren eine Rolle, aber auch Veränderungen in der pränatalen und postnatalen Umgebung des Kindes. Wenn die Folgen der mütterlichen Traumatisierung über diese Wege übertragen werden und sich beispielsweise in langfristigen Störungen der Stressregulation bei den Kindern äußern, so könnten plausibel physiologische Störungen auftreten, welche auch in dieser Generation das körperliche Erkrankungsrisiko erhöhen könnten.

esanum: Ihr Statement, dass Medikamente in Kombination mit Psychotherapie die Langzeitfolgen schmälern können, klang sehr positiv. Über welche Ausmaße reden wir hier?

Heim: Hier beziehe ich mich darauf, dass man möglicherweise neuartige Medikamente entwickeln könnte, die direkt an den beteiligten biologischen Mechanismen der "Einbettung" des Traumas ansetzen und diese mindern oder umkehren. Solche Medikamente existieren momentan noch nicht. Es finden aber erste Versuche im Tiermodell statt, in welchem bestimmte biologische Systeme moduliert werden. In welchem Ausmaß solche Strategien wirksam sein könnten (mit oder ohne Psychotherapie), ist noch nicht bekannt.

esanum: Kürzlich wurde Ihnen ein Projekt genehmigt, das traumatisierten Kindern mit Misshandlungserfahrungen helfen soll. Erzählen Sie uns bitte mehr davon.

Heim: Unser Projekt "Kids2Health" untersucht Kinder mit stark belastenden oder traumatischen Erfahrungen über die Entwicklung hinweg. Wir untersuchen, welche genauen biologischen Mechanismen einem erhöhten Erkrankungsrisiko zugrunde liegen und welche Faktoren dazu beitragen, dass Kinder gesund bleiben. Hierzu schauen wir uns an, wie das Zusammenspiel von Stressfaktoren und genetischen Merkmalen den Hormonhaushalt, das Immunsystem, den Stoffwechsel und die Gehirnentwicklung im Kindesalter beeinflussen. Außerdem untersuchen wir, ob psychotherapeutische Behandlungen stressbezogene biologische Veränderungen rückgängig machen oder verhindern können. Kollegen vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie, die Partner in unserem Verbundprojekt sind, untersuchen im Tiermodell, ob biologische und Verhaltensfolgen direkt verhindert werden können, indem ein bestimmtes Genprodukt blockiert wird.

esanum: Wie sehen die Diagnostik- und Therapieverfahren der Zukunft aus? Könnte künftig das Erkrankungsrisiko bestimmt werden oder ist das derzeit noch Wunschdenken?

Heim: Wir hoffen, durch unsere Studien biologische Marker zu identifizieren, welche es uns erlauben, vorherzusagen, ob ein Kind Risiko für bestimmte Störungen besitzt oder nicht und welches Kind auf welche Therapieform besonders gut ansprechen könnte. Man könnte, wie vorhin gesagt, ganz neue Therapieverfahren entwickeln, welche direkt an den Folgen von kindlicher Traumatisierung ansetzen und diese verhindern, umkehren oder kompensieren. Es wäre wünschenswert, diejenigen sensiblen frühen Zeitfenster, in denen das Gehirn noch formbar ist, zu nutzen, um über solche Strategien eine optimale Entwicklung zu "programmieren" und damit eine lebenslange Gesundheit zu fördern.