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Viszeralmedizin - "Unser Berufsbild ändert sich"

Jährlich werden rund 2 Millionen Menschen mit Krankheiten der Verdauungsorgane im Krankenhaus behandelt, und die Behandlung erfordert mehr als 11 Millionen Belegungstage. Die direkten Kosten der Behandlung dieser Krankheiten belaufen sich auf 34,8 Milliarden Euro.

Jährlich werden rund 2 Millionen Menschen mit Krankheiten der Verdauungsorgane im Krankenhaus behandelt, und die Behandlung erfordert mehr als 11 Millionen Belegungstage. Die direkten Kosten der Behandlung dieser Krankheiten belaufen sich auf 34,8 Milliarden Euro. Fragen an Prof. Dr. Markus Lerch, Klinikdirektor Innere Medizin, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, Präsident des Viszeral-Kongresses im September in Dresden

esanum:  Der Viszeralkongress im September hat das Motto: Patienten ändern sich – wir uns auch. Was ist gemeint?

Lerch: Die Krankheiten unserer Patienten verändern sich. Es gibt Krankheiten, die wir erst jetzt richtig verstehen und behandeln können. Zum Beispiel die Eosinophile Oesophagitis, eine Entzündung der Speiseröhre - früher standen wir ratlos da und haben gesagt: Der Patient hat halt Schluckbeschwerden. Heute können wir die Krankheit definieren und behandeln. Oder die autoimmune Pankreatitis – bis vor ein paar Jahren wussten wir nicht, dass es diese Krankheit überhaupt gibt. Jetzt kann man sie mit Cortison ganz hervorragend heilen, während alle anderen Bauchspeicheldrüsen-Entzündungen nicht auf Cortison ansprechen.

Prof. Dr. Markus Lerch  -  Präsident des Viszeral.Kongresses 2017

Eine weitere Veränderung ergibt sich aus dem demografischen Wandel. Unsere Gesellschaft wird immer älter. Heute stirbt man seltener am Herzinfarkt und hat dann lange Zeit, Krebs zu entwickeln. 320.000 Patienten werden jährlich in Deutschland an bösartigen Erkrankungen der Verdauungsorgane im Krankenhaus behandelt und 24.000 sterben daran.Diese Patienten haben aber auch eine Menge andere Probleme, die wir sehr individuell angehen müssen. Bei einem 90jährigen ist eine OP manchmal gefährlicher als der Krebs selbst, so dass man eine alternative Behandlung suchen muss. Da spielt auch der Patientenwunsch eine größere Rolle als in der Vergangenheit. Was sind die Prioritäten bei jemandem, der hochbetagt und dement ist oder hochbetagt und nicht mehr gehfähig, aber geistig topfit? Vor vierzig Jahren war die Einstellung die: wir wissen schon, was das Beste für unsere Patienten ist. Das ist heute völlig anders. Wir lernen, auf die Bedürfnisse unserer Patienten viel individueller einzugehen.

esanum: Inwiefern ändern sich auch die Ärzte?

Lerch: Kein Beruf ist so stark Änderungen unterworfen wie der Arztberuf. Auch unser eigenes Berufsbild ändert sich. Die jungen Ärzte, die heute in die Kliniken kommen, sind nicht mehr 16 Stunden auf der Station für den Patienten da oder für die wissenschaftliche Karriere. Die wollen eine planbare, strukturierte Weiterbildung, um zu ihrem Facharzt zu kommen und die wollen dann auch ein viel planbareres Berufsleben haben. Wir haben immer mehr Frauen in der Medizin und deren Weiterbildung fällt in die Phase der Familiengründung. Für unsere männlichen Mitarbeiter gilt das in zunehmender Weise auch. Heute können die Chefs nicht mehr grenzenlos über die Arbeitskraft und das Engagement ihrer Mitarbeiter verfügen. Wir haben 30 000 unbesetzte Arztstellen in deutschen Krankenhäusern. Obwohl 40 000 ausländische Ärzte bei uns arbeiten, können wir den Bedarf an Ärzten nicht decken. Junge Ärzte können sich also ihre Stellen aussuchen. Als ich in den Beruf einstieg, hatten wir noch eine Ärzteschwemme. Da musste man sich hinten anstellen. Heute müssen wir unser Fach für den Nachwuchs attraktiv machen. Wir kämpfen um die klügsten Köpfe und müssen in unserem Fach Arbeitsbedingungen schaffen, die es für den Nachwuchs weiterhin attraktiv macht.

esanum: Welche thematischen Highlights wird der Kongress bieten?

Lerch: Das Schöne an diesem Kongress ist, dass ihn Gastroenterologen und Bauch-Chirurgen zusammen gestalten. Verschiedene Krankheitsbilder wandern zwischen unseren Fächern hin und her. Dort, wo man früher noch operiert hat, kann man Tumoren, wenn sie oberflächlich sind, heute auch endoskopisch abtragen. Das heißt, die Chirurgie hat den Trend, immer mehr minimalinvasiv zu werden und die Endoskopie wird immer invasiver. Und da gibt es Grenzbereiche, wo man sich jeden Tag neu unterhalten muss angesichts der technischen Entwicklung: macht man das lieber endoskopisch oder lieber offen chirurgisch? Ein anderes Beispiel ist die Adipositas. Da haben wir mit konservativen Methoden nur eingeschränkte Möglichkeiten, aber die bariatrische Chirurgie wird immer besser. Sie wird zunehmend auch zu einer hocheffizienten Diabetes-Therapie bei krankhaft übergewichtigen Patienten. Daraus ergeben sich wichtige interdisziplinäre Fragestellungen. Das zweite entscheidende Thema ist Krebs. Die Gastroenterologen gehören zu den Fachdisziplinen, die ihre eigenen Krebserkrankungen nicht nur diagnostizieren, sondern auch behandeln, und nicht nur lokal ablativ, sondern auch mit medikamentöser Therapie. Es kommen praktisch wöchentlich neue Medikamente auf den Markt, sowie monatlich neue Biomarker. Der Wissenszuwachs und das Tempo, mit dem dieser in die Praxis hineinwirkt, ist enorm. Dazu gibt es in Dresden eine Reihe von Veranstaltungen. Und ein ganz wichtiges Kongress-Thema sind die Infektionskrankheiten. Das Problem der Antibiotika-Resistenzen wächst weltweit. Davon ist unser Fach stark betroffen, weil die häufigsten Infektionskrankheiten Magen-Darm- und Durchfall-Erkrankungen sind. Die EHEC-Erkrankungen vor ein paar Jahren, die niemand erwartet hatte, haben uns gezeigt, wie durch unsere zunehmende Reisetätigkeit, Infektionen eingeschleppt werden können. Darauf müssen wir uns vorbereiten.

esanum: Als Spezialist für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten haben Sie das Pankreas als Forschungsschwerpunkt – was sind derzeit die größten Erfolge auf diesem Gebiet?

Lerch: Die Prognose bei Pankreas-Erkrankungen hat sich deutlich verbessert. Bei einem nicht operablen Tumor ist die Lebenserwartung von 6 Monaten auf zwei Jahre angestiegen. Und bei der adjuvanten Chemotherapie haben sich die Überlebensraten verdreifacht. Bei den schweren Fällen von Pankreatitis hat sich die Prognose sehr deutlich verbessert. Wir operieren die infizierten Pankreas-Nekrosen nicht mehr, das kann man heute endoskopisch behandeln. Auch bei der Autoimmun-Pankreatitis sind wir weiter gekommen und können sie heilen. Wir kennen inzwischen die erblichen Risikofaktoren für verschiedene Pankreaserkrankungen.

esanum: Sie wurden unlängst als einer von drei Medizinern zum Mitglied des Wissenschaftsrates berufen – was wollen Sie dort bewegen?

Lerch: Dies ist ein Beratergremium der Bundes- und Länder-Politik. Wir nehmen zu wichtigen Fragen der Zukunft des Wissenschaftssystems Stellung. Da geht es zum Beispiel auch um die zukünftige Ausrichtung der Medizin-Studiengänge. Eine Frage ist u.a., dass ausländische Medizin-Universitäten Standorte in Deutschland eröffnen. Der Rat wird zu den Qualitätskriterien Stellung nehmen, die hierfür erfüllt werden müssen. Und ein anderer wesentlicher Punkt ist, die medizinische Forschung in Deutschland so zu gestalten, dass sie international wettbewerbsfähig ist. In der Gastroenterologie sind wir ganz gut, da stehen wir weltweit an dritter Stelle nach den USA und Großbritannien, bei Pankreatitis und Hepatitis an zweiter Stelle.

esanum: Sie setzen sich mit Ihrer Fachgesellschaft für eine bessere Berücksichtigung der ambulanten und stationären Behandlung von Patienten mit Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten im Deutschen Gesundheitssystem ein. Worum geht es?

Lerch: Das ist eine freundliche Umschreibung dafür, dass die Behandlung gastroenterologischer Patienten im Krankenhaus  im Vergleich zu anderen Fächern nicht kostendeckend finanziert wurde. Darum haben wir gemeinsam mit externen Firmen ein großes Projekt gestartet und aus 72 Krankenhäusern die Daten zusammen getragen. So haben wir die Leistungen und Kosten sorgfältig dokumentiert, um entsprechende Anträge an das InEK stellen zu können. Inzwischen ist die Vergütung von gastroenterologischen Leistungen in Krankenhäusern deutlich sachgerechter als vor einigen Jahren.

esanum: Im Grußwort zum Kongress steht der Satz: "Leider unterwerfen sich unsere Patienten nicht immer den wirtschaftlichen Kriterien der Gesundheitswirtschaft" – wie ist er zu verstehen? Reine Ironie?

Lerch: Damit ist gemeint, dass wir in erster Linie Ärzte und zuallererst jedem einzelnen Patienten gegenüber  verantwortlich sind. Aber wir sind tagtäglich im Konflikt mit immer härter werdenden wirtschaftlichen Zwängen. Vieles davon ist willkürlich und schwer zu verstehen. Beispiele für die Besonderheiten des deutschen Gesundheitssystems: Warum verdient ein niedergelassener Kinderarzt die Hälfte von dem, was ein Labor-Mediziner mit nach hause nimmt? Oder: Die Endokrinologie ist in Sorge, weil nur noch die Laborleistung bezahlt wird, kaum aber die intellektuelle ärztliche Leistung der Endokrinologen. Oder: Im Großraum München gibt es mehr Herzkatheder-Plätze als in ganz Schweden. Das alles verstehe, wer will. Der wirtschaftliche Druck steigt ständig - und das sehen wir natürlich nicht mit ungeteilter Freude. Ein Gesundheitssystem, das auf Umsatzsteigerung oder angebotsinduzierte Nachfrageausweitung ausgelegt ist und nicht bessere Qualität belohnt, wird es schwer haben in Zukunft die Bedürfnisse und Erwartungen der Patienten zu erfüllen.