Wahrscheinlich HIV-positiv oder doch nicht?

Aufklärung und Information gehen vor Panikmache

Seit Oktober dürfen in Deutschland HIV-Schnelltests frei verkauft werden, die man in Apotheken, Drogerien oder über das Internet bestellen und anonym selbst durchführen kann. Zum verantwortungsvollen Umgang mit ihnen gehört, verständlich zu erklären, was ein positives Testergebnis wirklich bedeutet. Denn bei einem positiven Testergebnis liegt die Wahrscheinlichkeit, dass man infiziert ist, nur bei etwa 8%.

Am 1. Dezember wird in jedem Jahr der Welt-AIDS-Tag begangen. Das Motto lautete im Jahr 2018 "Know your status". Ziel ist es nämlich, dass bis zum Jahr 2020 etwa 90% aller Menschen ihren Immunstatus kennen. Seit Oktober dürfen dazu in Deutschland HIV-Schnelltests frei verkauft werden, die man in Apotheken, Drogerien oder über das Internet bestellen und anonym selbst durchführen kann.

Der/die Testwillige muss dazu lediglich die Gebrauchsanweisung lesen, mit einer Lanzette die Haut an der Fingerspitze anstechen und das austretende Blut in ein Teströhrchen füllen. Dann wartet er/sie 10 bis 15 Minuten und erhält schließlich das Ergebnis: positiv oder negativ. Leider wird aber bisher nicht verständlich erklärt, was welches Ergebnis schlussendlich bedeutet. Das wäre jedoch insbesondere für alle diejenigen besonders wichtig, die unbetreut, also ohne einen Arzt, einen solchen HIV-Selbsttest durchführen.

Angenommen, ein Mann oder eine Frau möchte den eigenen HIV-Status wissen und bestellt online den von der Deutschen AIDS-Hilfe empfohlenen "autotest VIH", der mit dem CE-Prüfzeichen der EU versehen ist, welches die Eignung für Laien bestätigt. Das Testergebnis fällt positiv aus. In der Gebrauchsanweisung ist nachzulesen, was es bedeutet. Dort steht: "Sie sind wahrscheinlich HIV-positiv." Der gleiche Wortlaut findet sich bei anderen zertifizierten Schnelltests wie "INSTI" und "Exacto". Ist ein positiver Test ein Todesurteil? Wie wahrscheinlich ist wahrscheinlich? Viele Menschen denken, das bedeutet, eher infiziert zu sein als nicht. Die Gebrauchsanweisung gibt zusätzlich auch in Zahlen an wie gut der Test ist: Sensitivität: 100%, Spezifität: 99,8%.

Von 13 Personen mit positivem HIV-Test ist am Ende nur eine infiziert?

Die Sensitivität ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Person positiv testet, falls sie HIV-infiziert ist. Die Spezifität ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Person negativ testet, falls sie nicht HIV-infiziert ist. In anderen Worten, die Falsch-Alarm-Rate beträgt nur 0,2%. Diese beeindruckende Genauigkeit beweist also, dass ein positives Ergebnis so gut wie sicher ist. So scheint es.

Wie hoch ist nun wirklich die Wahrscheinlichkeit HIV-infiziert zu sein, wenn ein positives Testergebnis vorliegt? Diese ist nicht 100% und auch nicht 99,8%. Sie ist auch nicht in der Gebrauchsanweisung zu finden, noch wird dort erklärt, wie man sie bestimmen könnte.

Eine Überschlagsrechnung kann die Antwort geben. In Deutschland leben laut dem Statistischen Bundesamt etwa 69 Millionen Menschen, die älter als 18 Jahre sind. Von ihnen sind geschätzt etwa 11.400 infiziert, ohne es zu wissen: davon 2.700 durch heterosexuelle Kontakte, die anderen durch Sex zwischen Männern oder intravenösen Drogengebrauch. Von je 6.000 Deutschen ist also etwa einer infiziert (69 Millionen dividiert durch 11.400). Dieser wird mit Sicherheit (100%) positiv testen. Unter den 5.999 Personen, welche nicht infiziert sind, erwarten wir jedoch weitere 12, die ebenfalls positiv testen. Das folgt aus der Falsch-Alarm-Rate von 0,2%. Das heißt, von insgesamt 13 Personen, die positiv testen, ist nur einer tatsächlich infiziert. "Sie sind wahrscheinlich HIV-positiv" bedeutet also, dass die Wahrscheinlichkeit bei nur etwa 8% liegt, dass jemand wirklich infiziert ist. Anders ausgedrückt, die Wahrscheinlichkeit beträgt 92%, dass jemand nicht infiziert ist, wenn man im Schnelltest positiv testet. Bei Heterosexuellen ohne Risikoverhalten, dem größten Teil der Deutschen, ist die Wahrscheinlichkeit infiziert zu sein nochmals deutlich kleiner, sie liegt unter 5%.

Verständliche Aufklärung rettet Leben

Die Gebrauchsanweisung sagt, dass sich Getestete bei einem positiven Testergebnis so schnell wie möglich an einen Arzt wenden soll. Das ist sinnvoll. Nur zeigen Studien in Deutschland, dass beispielsweise die Mehrzahl der AIDS-Berater an Gesundheitsämtern selbst nicht gelernt haben, Gesundheitsstatistiken zu verstehen und glauben, dass es keine "Falsch-Positiven" gäbe.

Deshalb wäre es umso wichtiger, in der Kommunikation und vor allem in der Gebrauchsanweisung klar zu sagen, was ein positives Ergebnis im Schnelltest wirklich bedeutet. In ähnlichen Situationen haben Menschen über Suizid nachgedacht und auch begangen – obgleich sie tatsächlich nicht infiziert waren – um Stigma und sozialer Diskriminierung zu entgehen, die immer noch mit AIDS verbunden sind.

Kritische Einordnung der Aussagen des RWI zum HIV-Selbsttest

Die Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen solche Selbsttests bereits seit Längerem im Einsatz sind, haben gezeigt, dass sich die Befürchtungen der Forscher des RWI bereits heute nicht bewahrheitet haben. Denn Selbsttester werden nach einem positiven Testergebnis nicht, wie postuliert, in großer Zahl zu Selbstmördern.

"Die gesamte Darstellung seitens des RWI krankt allein schon daran, dass wir in Deutschland keine Screening-artige Durchtestung aller Deutschen durchführen, sondern Menschen zu einem Test ermutigen, die einem Ansteckungsrisiko ausgesetzt waren", wertete Prof. Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft, die Mitteilung des RWI.

"Viele der Betroffenen suchen sogar zuvor Beratungsstellen auf, um sich dort über den Risikotest zu informieren und darüber, ob es überhaupt sinnvoll ist, im jeweiligen Einzelfall, diesen Test durchzuführen. Allein dadurch, dass dem Test nicht die deutsche Gesamtbevölkerung gegenüber gestellt ist, erniedrigt sich der Quotient zwischen positiven und falsch-positiven Testergebnissen im praktischen Versorgungsalltag drastisch", so Prof. Brockmeyer weiter.

In der Mitteilung des RWI werde durch Falschinformation auf der irrigen Grundlage einer Durchtestung der Gesamtpopulation ein sehr guter Präventionsansatz zerredet. In anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich, läuft dieser Testansatz bereits sehr erfolgreich. Daher stelle sich Brockmeyer die Frage, weshalb diese ausgesprochen guten Erfahrungen für Deutschland keine Gültigkeit haben sollten.

HIV-Schnelltests sind in der Zusammenschau sehr sinnvoll, um die HIV-Infektion weiter einzudämmen. Zum verantwortungsvollen Umgang mit ihnen gehört, und das ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass den Menschen verständlich erklärt wird, was ein positives oder negatives Testergebnis tatsächlich bedeutet. Darüber hinaus gibt es keine HIV-Diagnose ohne entsprechenden Bestätigungstest mit einer zweiten Nachweismethode. Daher auch die Empfehlung sich bei einem positiven Selbsttest umgehend mit einem Arzt in Verbindung zu setzen. Eine frühe Diagnose ist zudem der beste Ausgangspunkt für die Therapie der HIV-Infektion.

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