Corona und COPD: Was können wir bis jetzt lernen?

Wie steht es um die Risiken für COPD-Patienten in der Corona-Pandemie? Prof. Claus Vogelmeier fischt aus dem aktuellen Wust an teilweise halbgaren Publikationen ein paar brauchbare Antworten.

Wie steht es um die Risiken für COPD-Patienten in der Corona-Pandemie? Prof. Claus Vogelmeier fischt aus dem aktuellen Wust an teilweise halbgaren Publikationen ein paar brauchbare Antworten.  

In der noch sehr jungen SARS-CoV-2-Forschung nähert sich die Halbwertszeit mancher wissenschaftlicher Neuigkeiten fast schon dem Haltbarkeitsdatum von verderblichen Lebensmitteln. Dazu mag auch der Umstand beitragen, dass derzeit unzählige Präsentationen und Publikationen schon im Internet veröffentlicht werden, bevor sie ein Peer-Review-Verfahren durchlaufen haben.

Erste Analysen: kein prädisponierender COPD-Effekt … (?)

Vor einem Monat haben wir hier im Blog über die "niedrige Rate an assoziierten respiratorischen Komorbiditäten" bei COVID-19-Patienten berichtet und uns darüber gewundert. Zwei Arbeiten aus China bzw. Wuhan, die zu den ersten veröffentlichten Analysen zählen, und ein italienischer Literatur-Review konnten keinen prädisponierenden Effekt von Asthma oder COPD für eine SARS-CoV-2-Infektion bzw. einen schweren Krankheitsverlauf feststellen.

In einem aktuellen Webinar auf springermedizin.de geht Prof. Claus Vogelmeier (Universitätsklinikum Marburg) auf eine der beiden Untersuchungen aus Wuhan ein, in der die klinischen Charakteristika von 140 COVID-19-Patienten ausgewertet wurden1. Der Anteil an Patienten mit COPD war äußerst gering, was umso überraschender ist, als in China etwa die Hälfte der erwachsenen Männer raucht. "Eine vollkommen unerklärliche Diskrepanz", so Vogelmeier. Nun gibt es – "Gott sei Dank" – auch erste Daten aus Deutschland: Am 1. April wurde im Deutschen Ärzteblatt eine Analyse aus dem Uniklinikum Aachen publiziert2. Aufgrund der Nähe zum Kreis Heinsberg sind dort bereits viele Corona-Patienten behandelt worden.

Deutsche Daten: vierfach erhöhte COPD-Quote im hospitalisierten Patientenkollektiv

In der vergleichenden Charakteristik fand sich in einem Kollektiv von 50 hospitalisierten COVID-19-Patienten mit 22% (n = 11; davon 6 mit und 5 ohne ARDS) eine deutlich erhöhte COPD-Quote im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung (ca. 5%). Angesichts der niedrigen Fallzahlen sollte man mit Interpretationen vielleicht lieber noch etwas vorsichtig sein, die Tendenz geht hier aber in die erwartbare Richtung. Laut Vogelmeier signalisiert die Analyse, dass sowohl die Ansteckungsgefahr mit SARS-CoV-2 als auch die Gefahr eines schweren Erkrankungsverlaufs für COPD-Patienten erhöht ist.

Bei Patienten, die ein ARDS entwickelten, fanden sich im Vergleich zu denen ohne ARDS häufiger respiratorische Vorerkrankungen (58% vs. 42%), Adipositas (46% vs. 23%) und Übergewicht (38% vs. 19%) auf. In Bezug auf andere Komorbiditäten sowie auf die Begleitmedikation zeigten sich keine großen Unterschiede. Auch das Ausmaß der Viruslast unterschied sich zwischen beiden Patientengruppen nicht, anders als in der Wuhan-Analyse.2

Im Aachener Kollektiv waren die Patienten mit ARDS laborchemisch durch persistierend erhöhte Leukozytenzahlen sowie erhöhte Spiegel von CRP, IL-6, LDH, CK und D-Dimeren gekennzeichnet. Es zeigte sich, dass auch COVID-19 Patienten ohne ARDS eine längere Hospitalisierung benötigen können. Entzündungswerte und Körpertemperatur waren über einen Zeitraum von einer Woche deutlich erhöht und es bestand anhaltende Sauerstoffpflichtigkeit.2

Weitere aktuelle Erkenntnisse

In seinem Vortrag, mit dem er für die Zuhörerschaft "einen Pfad" durch den aktuellen "Publikationsdschungel" schlagen will, beantwortet Vogelmeier noch vier weitere praxisrelevante Fragen zu den Corona-Risiken von COPD-Patienten:

Damit gibt es klare Botschaften für die Patienten: Eine Änderung der Medikation ist im Normalfall nicht erforderlich, Impfungen (Influenza, Pneumokokken) sind dringend zu empfehlen, und wenn es je einen guten Grund für einen sofortigen Rauchstopp gegeben hat, "dann ist es jetzt die Corona-Epidemie"!

Problematisch: Entwöhnung von der Beatmungsmaschine

Die Fallzahlen im Marburger Universitätsklinikum scheinen sich noch auf überschaubarem Niveau zu bewegen. Zum Zeitpunkt der Webinar-Aufzeichnung Mitte April waren laut Vogelmeier etwa 20 Patienten mit SARS-CoV-2-Infektion bzw. Verdacht und 6 Patienten in intensivmedizinischer Betreuung. Dabei sind teilweise sehr drastische Verläufe mit schneller und starker Verschlechterung bis hin zur ECMO-Pflichtigkeit mitunter auch bei jüngeren Patienten zu beobachten. Angesichts der derzeit grassierenden Unsicherheit bezüglich potenzieller Behandlungsmöglichkeiten hat sich Vogelmeier mit seinem Team bis jetzt in vier Studien eingeklinkt.

Ein "Riesenproblem" für COPD-Patienten sieht der Marburger Experte in der häufigen Unvermeidbarkeit einer Intubation, wenn es mit der ohnehin angeschlagenen respiratorischen Leistungsfähigkeit im Rahmen einer COVID-19-Erkrankung bergab geht. Die anschließende Phase der Entwöhnung von der Maschine "ist sicher kritisch".

Was kann man bis jetzt von der Corona-Pandemie lernen?

Begeistert zeigt sich Vogelmeier sowohl von der Leistungsfähigkeit des deutschen Medizinsystems ("worauf wir alle stolz sein sollten und was es unbedingt zu erhalten gilt") als auch von der wissenschaftlichen Dynamik. Er rechnet "zeitnah" mit einer "zumindest halbwegs vernünftigen Behandlung" und hofft, dass Anfang bis Mitte des kommenden Jahres ein Impfstoff zur Verfügung stehen wird.

Bei allem berechtigten Lob des kurativen Potenzials unseres Gesundheitswesens kann man über dessen mangelnde präventive Ausrichtung gerade angesichts der globalen Corona-Krise aus unserer Sicht nur den Kopf schütteln. Auch wenn wir laut Vogelmeier "haben lernen müssen, dass es keine Sicherheit gegen so etwas grundsätzlich gibt". Zu denken geben sollte seine Aussage: "Es wurde zwar viel über dieses Pandemierisiko geredet, aber letztlich erwartet hat es niemand in dieser Ausprägung, vielleicht mit Ausnahme von Bill Gates, der vor Jahren schon auf dieses potenzielle Thema hingewiesen hat."

Schließlich findet es der Pneumologe und Ex-Vorsitzende der DGIM "total bemerkenswert", dass das neuartige Coronavirus neben der primären Lungenproblematik auch andere schwere Organstörungen verursacht, allen voran kardiovaskuläre Probleme. Hierzu verweisen wir auf die zweite Folge der esanum-Expertenrunde "COVID-19 in der Praxis": COVID-19 ist keine Lungenerkrankung!

Referenzen:
1. Zhang JJ et al. Clinical characteristics of 140 patients infected with SARS-CoV-2 in Wuhan, China. Allergy 2020. doi: 10.1111/all.14238
2. Dreher M et al. Charakteristik von 50 hospitalisierten COVID-19-Patienten mit und ohne ARDS. Dtsch Arztebl Int 2020; 117:271-8

Abkürzungen:
ARDS = Acute Respiratory Distress Syndrom
CK = Creatinkinase
COVID-19 = Corona Virus Disease 2019
CRP = C-reaktives Protein
CT = Computertomografie
DGIM = Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V.
ECMO = extrakorporale Membranoxygenierung
ICS = inhalative Kortikosteroide
IL = Interleukin
LDH = Lactatdehydrogenase
MHH = Medizinische Hochschule Hannover
OCS = orale Kortikosteroide
RKI = Robert Koch-Institut
SARS-CoV-2 = neuartiges Coronavirus

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