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Die pneumologische Versorgungsrealität – wen interessiert‘s?

Die Wartezeiten stehen für den Gesundheitsminister ganz oben auf der politischen Agenda. Und was ist mit den wirklich wichtigen Themen?

Die Wartezeiten stehen für den Gesundheitsminister ganz oben auf der politischen Agenda. Und was ist mit den wirklich wichtigen Themen?

In seiner Antrittsrede vor knapp einem Monat hat Jens Spahn drei Schwerpunkte genannt, denen er sich als frisch gekürter Gesundheitsminister künftig widmen will. Kennen Sie die? Es handelt sich natürlich um die Pflege-Probleme und außerdem um die Digitalisierung. Als erstes Schwerpunkt-Thema nannte der CDU-Politiker aber etwas anderes: die Wartezeiten.

"Das große Aufreger-Thema: ‚Wie schnell habe ich einen Termin beim Arzt?‘ – insbesondere aus Sicht der gesetzlich Versicherten –, das ja zurecht eines ist, das auf die Tagesordnung gehört", so der neue Ressortchef für Gesundheit im Filmmitschnitt auf sueddeutsche.de. Spahn ist mit 37 Jahren das jüngste Kabinettsmitglied, der Berliner Tagesspiegel hat ihm – noch vor seiner Nominierung – in einer Artikelüberschrift das Label „der junge Gebrauchte“ verpasst.

Wunsch des Gesundheitsministers: verpflichtende offene Sprechstunden

Sie haben es sicher schon mitbekommen: Wenn es nach der GroKo geht, müssen Ärzte ihre Sprechzeiten für Kassenpatienten ausweiten. Die Zahl der Mindestsprechstunden für Kassenärzte soll von derzeit 20 auf 25 Stunden pro Woche erhöht werden. Für den Gesundheitsminister ist das, wie aktuell zu lesen ist, ein Baustein in einem "Bündel von Maßnahmen" und eine schicke Lösung: "Da muss man an dem Morgen vielleicht mal etwas länger warten, ist dann aber an dem Tag sicher dran und muss nicht erst noch drei oder vier Wochen warten." Wer hat jemals erwartet, dass die Einschätzungen unserer Politiker von Sach- und Praxiskompetenz geprägt sind?

Der oberste Kassenarzt, KBV-Chef Dr. Andreas Gassen, meint dazu: "Es wäre sicherlich bei entsprechender Vergütung noch etwas Ressource für die Behandlung gesetzlich Versicherter zu heben." Aus eigener Erfahrung weiß der Orthopäde aber auch: "Ärzte arbeiten ja nicht nur in den Öffnungszeiten, die auf dem Praxisschild stehen, für die Patienten." Und fügt hinzu: "Das gefühlte Problem langer Wartezeiten auf Termine wird wie eine Monstranz durch die Gegend getragen."

Das mit dem Aufreger-Thema stimmt jedenfalls: Der Drang der Politiker, unbedingt etwas gestalten zu wollen, kann einen zuweilen ganz schön aufregen … Fakten spielen im realpolitischen Alltag ja selten eine ernstzunehmende Rolle. Für die Durchsetzung politischer Interessen erweisen sie sich häufig als untauglich oder gar störend. Da wir hier aber unter uns sind, können wir uns ein paar fachgebietsbezogene Fakten aus deutschen Lungenarzt-Praxen anschauen.

Der berufsverbandseigene Fakten-Check: Wartezeiten beim Pneumologen

Bei der Faktenquelle handelt es sich um eine WINPNEU-Befragung aus dem Jahr 2014, an der 102 niedergelassene Pneumologen teilnahmen. Die Angabe der durchschnittlichen Wartezeit erfolgte in Tagen (nicht Wochen) nach Dringlichkeit, unterschieden danach, ob der Patient selbst oder sein Hausarzt um einen Termin nachgefragt hat:

Die Daten stammen aus dem Weißbuch Ambulante Pneumologie 2017 und wurden beim DGP-Kongress vom Augsburger Pneumologen und BdP-Ehrenvorsitzenden Dr. Andreas Hellmann präsentiert. Jetzt können Sie die Zahlen ja mal mit Ihren eigenen Werten abgleichen und überlegen, ob es in den letzten vier Jahren zu einer dramatischen Verschlimmerung gekommen ist und was die zentrale Terminvergabe bisher gebracht hat (und für wen).

Ein Pneumologe ist für 90 % der Bevölkerung in 30 Minuten erreichbar

In seinem Vortrag zur pneumologischen Versorgungsrealität präsentierte Hellmann beim Berufsverbands-Symposium noch zahlreiche weitere Erhebungs- und Prognosedaten. Demnach erreichten im Jahr 2014 fast 90 % der Bevölkerung einen Pneumologen in 30 Minuten (reiner) Fahrtzeit. Und einer Status-quo-Hochrechnung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) zufolge ist von einem zunehmenden Versorgungsbedarf bis 2030 auszugehen. Die Bevölkerung nimmt zwar ab, aber alles andere nimmt zu: Patienten, Fälle, Arztkontakte, Leistungsbedarf.

Der prognostizierte Zuwachs an Patienten ausgewählter Krankheiten bis 2050 sieht nach Art der Einschränkung folgendermaßen aus:

Deutschlandweite Unterschiede gibt es in der Versorgungsrealität reichlich. Etwa beim Anteil des fachärztlichen Leistungsbedarfs am gesamten Leistungsbedarf (Hausarzt + Facharzt):

Im Schnitt 1.179 Fälle pro Quartal

Im Schnitt hat ein niedergelassener Pneumologe 1.179 Fälle pro Quartal, aber: "Nicht jeder mag gleich viel arbeiten!" war auf einer Folie zu lesen. Neben den arztindividuellen Unterschieden gibt es natürlich auch regionale:  Die Leistungstiefe beträgt etwa in Wolfsburg nur knapp ein Zehntel des Bundesdurchschnitts, im bayerischen Landsberg am Lech dagegen das Dreifache (Ermächtigte und Kinderpneumologen außen vor gelassen). In Rheinland-Pfalz kommen rund 120.000 Einwohner auf einen Lungenfacharzt, in Bremen sind es nur 50.000.

Zwei weitere Fakten, die den Niedergelassenen nicht verwundern werden und die bei gesundheitspolitischen Entscheidungen theoretisch genutzt werden könnten:

"Patientensteuerung funktioniert, aber keiner macht’s!"

Eine Erkenntnis aus dem Weißbuch ist auch: Die Morbidität steuert nicht die Inanspruchnahme, aber das pneumologische Angebot auch nicht. Hellmann wies darauf hin, dass die pneumologischen Strukturen historisch gewachsen und nicht morbiditätsadaptiert sind. Obwohl mehr ambulante Pneumologie die Krankenhausbehandlung vermeiden hilft, ist die stationäre Versorgung entkoppelt von der ambulanten Versorgungsdichte.

Die letzten Bemerkungen auf Hellmanns Fazit-Folie lauteten: "Für die zunehmende Ambulantisierung fehlt das Personal. Patientensteuerung funktioniert, aber keiner macht’s!" Wir dürfen gespannt die neuen Ideen aus der Hauptstadt erwarten …

Referenz:
WINPNEU: Pneumologische Versorgung. Klinisches Symposium des Berufsverbands der Pneumologen beim 59. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Dresden, 15. März 2018

Abkürzungen:
BdP: Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner
WINPNEU: Wissenschaftliches Institut für Versorgungsforschung des Bundesverbandes der Pneumologen