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Respiratorische Umschulung – geht auch zu Hause

Wir schließen an unseren Neujahrsbeitrag an, in dem wir kurz das therapeutische Potenzial des kontrollierten Atmens thematisierten. Die Atemphysiotherapie zählt zu den wichtigsten nichtmedikamentösen Behandlungsmaßnahmen bei Asthma.

Wir schließen an unseren Neujahrsbeitrag an, in dem wir kurz das therapeutische Potenzial des kontrollierten Atmens thematisierten. Die Atemphysiotherapie zählt zu den wichtigsten nichtmedikamentösen Behandlungsmaßnahmen bei Asthma. In der frisch veröffentlichten S2k-Leitlinie1 heißt es dazu im Kapitel 7.1: "Atem- und Physiotherapieformen können in Einzelfällen sehr hilfreich sein und sollten als Ergänzung zum konventionellen Asthmamanagement betrachtet werden, insbesondere bei ängstlichen Patienten und denen, die einen inadäquat hohen Verbrauch an Notfallmedikation aufweisen."

Ist Atemtraining nur im Einzelfall sinnvoll?

Gezieltes Atemtraining also nur im Einzelfall? Oder besser als rationaler Bestandteil einer therapeutischen Gesamtstrategie? Für Letzteres plädieren die Autoren einer britischen Studie2, die gerade in der Januar-Ausgabe von The Lancet Respiratory Medicine erschienen ist. Sie tun das vor allem mit Blick auf ein digitales Schulungsprogramm, mit dem sich die Asthma-Patienten einer respiratorischen Umschulung (um das "breathing retraining" wörtlich zu nehmen) selbständig und zuhause unterziehen können – also bequem, kostengünstig und nicht durch Versorgungslimits beeinträchtigt.

Die Wissenschaftler von der Universität Southampton haben die selbstgesteuerte Interventionsmaßnahme selbst entwickelt und deren Effektivität in einer randomisierten kontrollierten Studie getestet. 34 Hausarztpraxen nahmen daran teil. Von über 15.000 eingeladenen Patienten konnten am Ende 655 in die Studie aufgenommen werden. Die Einschlusskriterien waren breit angelegt, um eine Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Praxisalltag zu gewährleisten: ärztliche Asthma-Diagnose, Alter zwischen 16 und 70 Jahren, mindestens eine verordnete Asthma-Medikation im vorausgegangenen Jahr – und eine geminderte Lebensqualität durch die Atemwegserkrankung, trotz der medikamentösen Behandlung.

UK-Studie: Video ersetzt Physiotherapeut

Die Befragung zur Lebensqualität erfolgte über ein Jahr hinweg mit dem Asthma Quality of Life Questionnaire (AQLQ). Die Studienteilnehmer wurden in drei Gruppen randomisiert. In Gruppe 1 erhielten die Patienten eine DVD plus Broschüre für das Do-it-yourself-Training zuhause. Gruppe 2 absolvierte drei Sitzungen beim Physiotherapeuten und Gruppe 3 wurde ohne Training behandelt.

Die Ergebnisse lauteten:

Was ist nun besonders daran? Die Atemtherapie kann Asthma-Patienten zwar nicht heilen und erforderliche Medikamente nicht ersetzen, hat aber dennoch einen klinisch relevanten Nutzen und verbessert u. a. die Lebensqualität. Okay, das bestätigt frühere Erkenntnisse, die ja auch in den Leitlinien Berücksichtigung finden, siehe oben. Nach Aussage der Autoren handelt es sich ihrer Kenntnis nach immerhin um die größte Studie zu diesem Thema.

Bei mangelhafter Asthma-Kontrolle kann Atemtherapie zusätzliche Medikamente ersetzen

Interessant und praktisch relevant sind vor allem zwei Dinge: Erstens sollte bei mangelhafter Asthma-Kontrolle zunächst auf eine konsequente Atemtherapie statt auf eine verstärkte Medikation gesetzt werden. Zweitens scheint dafür ein Besuch beim Physiotherapeuten nicht zwingend erforderlich zu sein – ein videogestütztes Trainingsangebot tut es offenbar auch. Da seit der Konzeption der Studie die DVD-Nutzung stark nachgelassen hat, stellt das britische Forscherteam sein Trainingsprogramm mittlerweile online zur Verfügung (kostenlos, allerdings auf englisch).

Wer im NHS-dominierten System gehört werden will, muss Kostenargumente liefern. Die britischen Autoren erfüllen mit ihrem Ansatz – neben einer patientenorientierten Hilfe zur Selbsthilfe – dieses Mantra. Zudem beklagen sie in ihrer Publikation, dass es dem Atemtraining im Vereinigten Königreich an Rückhalt fehlt: Die Ärzte würde es selten befürworten, die Verfügbarkeit geeigneter Physiotherapeuten sei sehr eingeschränkt und ein entsprechendes Angebot nur dürftig in die Standardversorgung integriert.

Atemtherapie als besonderes Praxisangebot

Wie ist das bei uns? Jenseits der eigenen Erfahrungen haben wir auf die Schnelle keine aussagekräftigen Zahlen oder Hinweise gefunden, die diese Frage beantworten könnten. Bei der Internetrecherche sind wir aber immerhin auf die Website eines Kollegen mit überzeugender Domain (www.gross-durchatmen.de) gestoßen. Hier heißt es: "Eine absolute Besonderheit der Praxis ist die Atemtherapie durch eine speziell ausgebildete Atmungstherapeutin." Ob diese Aussage auf einer repräsentativen Erhebung beruht, wissen wir zwar nicht. Vermutlich ist ein solches Angebot in der pneumologischen Praxis aber tatsächlich etwas Besonderes.

Ein schöner Impuls ist es allemal. Denn ein verstärkter Fokus auf die Bedeutung und den lebensqualitätsfördernden Nutzen gezielter Atemübungen ist sicher bei nahezu jedem (nicht nur Lungen-) Patienten angebracht. Nochmal ein Zitat von der erwähnten Praxis-Website: "Es ist und bleibt ein Glück, vielleicht das Höchste, frei atmen zu können. (Theodor Fontane)"

Abkürzungen:
FeNO = fraktioniertes exhaliertes Stickstoffmonoxid (NO)
FEV1 = forciertes exspiratorisches Volumen in einer Sekunde; Einsekundenkapazität
NHS = National Health Service (staatlicher Gesundheitsdienst in Großbritannien)

Referenzen:
1. Buhl R et al. S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Patienten mit Asthma. Pneumologie 2017;71:849-919.
2. Bruton A et al. Physiotherapy breathing retraining for asthma: a randomised controlled trial. Lancet Respir Med 2018;6(1):19-28.