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Niedriger Blutzucker – Gewinn für wen?

Ein Beitrag, der vor wenigen Tagen auf Spiegel Online erschien, stellt einen fundamentalen Grundsatz der Diabetes-Therapie weniger in Frage als vielmehr in Abrede: "Geschäfte mit Diabetes Typ 2 – Niedriger Blutzucker, hohe Gewinne". Berechtigte Kritik an der Übertherapie oder verantwortungslose Verharmlosung pathologischer Werte?

Ein ganz aktueller Termin-Hinweis vorab:

Und nun zum eigentlichen Beitrag heute:

Kritisches Hinterfragen ist gut. Das gilt nicht nur für das Agieren von Pharmaindustrie, Krankenkassen und Ärzten, sondern auch für den vermeintlichen Enthüllungsjournalismus darüber. Ein Beitrag, der vor wenigen Tagen auf Spiegel Online erschien, stellt einen fundamentalen Grundsatz der Diabetes-Therapie weniger in Frage als vielmehr in Abrede: "Geschäfte mit Diabetes Typ 2 – Niedriger Blutzucker, hohe Gewinne". Berechtigte Kritik an der Übertherapie oder verantwortungslose Verharmlosung pathologischer Werte?

Sanofi-Kampagne "Gesünder unter 7 plus": irreführendes Marketing?

Dem Anspruch einer differenzierten Betrachtung der Verhältnisse werden die beiden Autorinnen leider nicht gerecht. Der Beitragstitel in bekannter Bashing-Manier lässt vermuten, dass das auch nicht wirklich intendiert war. Kritisiert wird die vom Pharmaunternehmen Sanofi initiierte Kampagne "Gesünder unter 7 plus", der sich über 20 Partner angeschlossen haben, darunter der Deutsche Diabetiker Bund, der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) und die DAK-Gesundheit.

Die "7" steht für den HbA1c-Wert, das "plus" für weitere Untersuchungen und die ganze Aktion für das erklärte Ziel einer "bundesweiten, nachhaltigen Aufklärung über die Volkskrankheit Diabetes". Bisher wurden dabei eine halbe Million Besucher an 50 Standorten im direkten Kontakt erreicht und mehr als 30.000 Risiko-Checks ausgewertet. Ein für den praktizierenden Arzt wenig überraschendes Fazit daraus lautet: "Viele Menschen werden von ihrem Diabetes-Risiko überrascht und nur etwa die Hälfte der Menschen mit Diabetes erreichen eine zufriedenstellende Blutzuckereinstellung."

Blutzucker-Einstellung: Was ist zeitgemäß?

Die Spiegel-Autorinnen kontern: "Braucht also jeder zweite Diabetiker in Deutschland eine striktere Therapie? Nein." Sie verweisen auf die Leitlinie zur Therapie des Typ-2-Diabetes, die seit 2013 einen Zielkorridor von 6,5-7,5% statt der vormals strikten Senkung unter 6,5% empfiehlt. Im Spiegel-Beitrag wird von den "zahlreichen Unterstützern" nur die Krankenkasse erwähnt und beiden Akteuren – Sanofi und DAK – vorgeworfen, sie erweckten folgenden Eindruck: "Diabetiker würden ihre Gesundheit gefährden, wenn sie keinen HbA1c-Wert unter sieben Prozent erreichen."

Für die Journalistinnen heißt das, die beiden Unternehmen hätten sich dazu entschieden, "hier der aktuellen Leitlinie zu widersprechen." Statt Aufklärung gehe es ihnen um Propaganda für eine "nicht mehr zeitgemäße, rigide Blutzuckersenkung für alle".

Die Motivation des Pharmaherstellers kann nur eine sein, umschrieben mit der rhetorischen Frage: "Geht es Sanofi wirklich um die Gesundheit der Patienten – oder womöglich um den eigenen Umsatz?" Und das Interesse der Krankenkasse? "Niedrige Grenzwerte nützen vor allem der Krankenkasse, die einen dann als Risikopatient einstuft, um höhere Beiträge zu kassieren", ergänzt einer der zahlreichen Leserkommentatoren.

"Das bisschen Zucker, wa?!"

Sanofi und DAK reagierten auf die entsprechenden Spiegel-Anfragen gelassen, wir halten die Anschuldigungen in diesem Fall für überzogen und kontraproduktiv. Völlig aus der Luft gegriffen sind solche Vorwürfe zwar nicht, wie jeder Kenner der Materie weiß. In diesem Kontext und in dieser undifferenzierten Machart sind sie jedoch fatal. Denn für den Nicht-Kenner der Materie ist das Wasser auf die Mühlen einer Haltung, die aus der ärztlichen Praxis leider nur allzu gut bekannt ist: "Das bisschen Zucker, wa?!"

Unter dieser Überschrift bringt ein anderer Leserkommentar die Misere auf den Punkt: An den "individuell fatalen und gesamtgesellschaftlich extrem kostspieligen Folgen eines dauerhaft entgleisten Stoffwechsels" sollte man nichts "kleinreden" – korrekt! "Da erkennt eine Krankenkasse also endlich mal, dass gezieltes Vorabhandeln (…) auch für sie wesentlich günstiger ist (ganz zu schweigen vom Patientenwohl) als nachher die immensen Kosten für die Behandlung der Folgeschäden zu bezahlen, und dann wird ihr hier mit einem Pseudo-Scoop ein Strick daraus gedreht …".

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, der ein oder andere Denkanstoß aber schon mitzunehmen. Der (in so einem Beitrag fast unvermeidliche) Ex-IQWiG-Chef und Diabetologe Dr. Peter Sawicki kritisiert etwa: "Typ-2-Diabetes wird noch zu oft an einem Wert, dem Blutzuckerspiegel, festgemacht, den Ärzte um jeden Preis zu senken versuchen." Es sollte nicht der Laborwert, sondern der jeweilige Patient behandelt werden. Ein Besprechen des individuellen Risikos für Folgeschäden mit dem Patienten und eine gemeinsame Festlegung des anzustrebenden Blutzucker-Zielwerts finde in der Praxis "noch viel zu selten statt", wird Sawicki zitiert. Ob da was dran ist, möge bitte jeder Kollege für sich selbst prüfen.

Zwei Verlinkungen in dem Spiegel-Artikel sind noch bemerkenswert:

gesundheitsinformation.de: nicht ganz zeitgemäß …

Einer geht zum (ebenfalls fast unvermeidlichen) IQWiG-Portal gesundheitsinformation.de und dort auf den Beitrag "Medikamente bei Typ-2-Diabetes". Im Abschnitt "Neuere Antidiabetika" sind von den SGLT2-Hemmern Dapagliflozin und Canagliflozin, nicht aber Empagliflozin zu finden. Den Begriff "GLP-1-Agonisten" sucht man ebenfalls vergeblich. Stattdessen heißt es: "Wie sich Inkretin-Mimetika auf die langfristigen Folgeerkrankungen auswirken, ist noch nicht untersucht", verbunden mit einer Verlinkung zur Lixisenatid-Frühbewertung. Canagliflozin und Lixisenatid sind schon länger vom deutschen Markt verschwunden.

Was ist hier los? Ein Blick aufs "Kleingedruckte" am Ende der Seite verrät: "Aktualisiert am 4. Juni 2014. Erstellt am 27. August 2008. Nächste geplante Aktualisierung: 2017". Seriöse, aktuelle Patienteninformation sieht anders aus. Ob das allerdings mit der gerade gegründeten "Allianz für Gesundheitskompetenz" besser wird, darf stak bezweifelt werden. Das Bundesministerium für Gesundheit hat das IQWiG in diesem Rahmen damit beauftragt, bis 2018 ein Konzept für ein Nationales Gesundheitsportal zu erarbeiten …

Mehr Hypoglykämien trotz neuer Antidiabetika?

Aus ärztlicher Sicht besonders interessant ist der Hinweis auf eine gerade erschienene Querschnittsstudie aus Jena unter Beteiligung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Nach der Analyse von Krankenversicherten-Daten kommen die Autoren zu folgendem Schluss: Zwischen 2006 und 2011 hat die Inzidenz schwerer hypoglykämischer Ereignisse in Deutschland zugenommen, trotz des vermehrten Einsatzes neuerer Antidiabetika und eines verringerten Insulin-Gebrauchs. Mehr dazu demnächst in diesem Blog.

Referenz: Müller N et al. Increase in the incidence of severe hypoglycaemia in people with Type 2 diabetes in spite of new drugs: analysis based on health insurance data from Germany. Diabet Med. 2017 Jun 6. doi: 10.1111/dme.13397.

Abkürzung:

IQWiG = Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen