Autonome Dysfunktion: eine (zu) wenig beachtete Manifestation des M. Parkinson?

Symptome einer Dysregulation des autonomen Nervensystems können motorischen Defiziten bei Parkinson-Erkrankten vorausgehen und möglicherweise frühe Pathologien widerspiegeln, was sie als diagnostischen Biomarker interessant macht.

Symptome einer Dysregulation des autonomen Nervensystems können motorischen Defiziten bei Parkinson-Erkrankten vorausgehen und möglicherweise frühe Pathologien widerspiegeln, was sie als diagnostischen Biomarker interessant macht.

Synkopen geben häufig Anlass zu Notaufnahmen und Arztbesuchen, die eine Krankenhauseinweisung und invasive Untersuchungen nach sich ziehen. Bis zu 24% dieser Fälle liegt eine neurogene orthostatische Hypotonie (nOH) zugrunde, die nach wie vor eine zu wenig beachtete klinische Entität darstellt. Die nOH bezeichnet einen Blutdruckabfall beim Aufstehen durch eine Dysfunktion des Sympathikus, was zu Orthostase-Intoleranz und Synkopen führen kann.

Dysfunktion des autonomen Nervensystems: eine häufige (und vernachlässigte) Ursache für rezidivierende Synkopen, insbesondere bei älteren Patienten

Zum Einstieg ein kurzer Fallbericht von der Abteilung für Kardiowissenschaften an der Universität Calgary: ein 85-jähriger Mann mit M. Parkinson in der Anamnese wurde wegen rezidivierender Synkopen eingewiesen, die zu einer umfänglichen kardiologischen Abklärung geführt hatten. Aus der Anamnese ging hervor, dass die Ereignisse orthostatisch bedingt waren, jedoch mit unterschiedlicher Dauer bis zum Auftreten der Symptome. Der Patient wies einen signifikanten posturalen Blutdruckabfall ohne kompensatorische Tachykardie auf. Ein kardiovaskulärer autonomer Funktionstest ergab eine signifikante Störung des autonomen Nervensystems, einschließlich einer ausgeprägten hypotensiven Reaktion beim Kipptisch-Test und einer fehlenden Vasokonstriktion beim Valsalva-Manöver. Eine nOH wurde diagnostiziert und Midodrin verabreicht, was zu einer subjektiven Verbesserung der Häufigkeit der Synkopen führte.1 

Eine solche neurogene orthostatische Hypotonie ist bei Patienten mit M. Parkinson häufig.
In letzter Zeit wird jedoch zunehmend diskutiert, ob ihr Auftreten ein Marker für ein Prodromalstadium der Parkinson-Erkrankung oder für eine fortgeschrittene Erkrankung ist.2

Reine autonome Dysautonomie als möglicher nicht motorischer Vorbote eines M. Parkinson

Die sog. reine autonome Dysautonomie (pure autonomic failure, PAF) ist eine seltene Ursache für eine chronischen Insuffizienz des vegetativen Nervensystems und präsentiert sich mit orthostatischer Hypotonie, zumeist begleitet von neurogenen Blasen- und Darmstörungen, jedoch ohne weitere neurologische Auffälligkeiten.

Nachweise von α-Synuclein-Anhäufungen in autonomen Fasern der Haut sowie im Hirnstamm Betroffener führten Wissenschaftler zunächst zu der Annahme, dass die PAF eine besondere Form einer α-Synucleinopathie sei, die auf das autonome Nervensystem begrenzt ist. Diese Auffassung hat sich im Lichte neuer Forschungsergebnisse in den vergangenen Jahren geändert. Inzwischen wird vermutet, dass Patienten mit einer reinen autonomen Insuffizienz ein erhöhtes Risiko für eine Phänokonversion zu einer manifesten ZNS-Synucleinopathie aufweisen. In zwei unabhängigen Kohorten entwickelten bis zu ein Drittel der PAFErkrankten binnen 4–5 Jahren eine weitere αSynucleinopathie, darunter auch M. Parkinson.3,4 Diejenigen, bei denen konsekutiv ein M. Parkinson diagnostiziert wird, zeigen ein peripheres Läsionsmuster im autonomen Nervensystem.5

Paradigmenwechsel: neuer Fokus auf Parkinson außerhalb des Gehirns

Nur wenige objektive klinische Tests erfassen das Fortschreiten der Krankheit und werden zur Beurteilung des gesamten Spektrums der autonomen Dysregulation bei Parkinson herangezogen. Ergebnisse aus epidemiologischen Studien und Erkenntnisse aus neuen Tiermodellen legen jedoch nahe, dass das gestörte autonome Nervensystem ein wahrscheinlicher Weg ist, über den sich die Pathologie der Parkinson-Krankheit sowohl vom als auch zum ZNS ausbreiten kann. Die autonome Innervation des Darms, des Herzens und der Haut ist in frühen Parkinson-Stadien von der α-Synuclein-Pathologie betroffen und könnte die Ausbreitung von α-Synuclein über das autonome Konnektom auf das ZNS einleiten. Die Entwicklung einfach zu handhabender und zuverlässiger klinischer Tests für die Funktion des autonomen Nervensystems scheint für die Frühdiagnose und für die Entwicklung von Strategien zum Aufhalten oder Verhindern der Neurodegeneration bei der Parkinson-Krankheit entscheidend zu sein, schließen Wissenschaftler in einem aktuellen Beitrag hierzu im 'Lancet Neurology'.6

Referenzen:
1. Miller, R. J. H., Chew, D. S. & Raj, S. R. Neglected cause of recurrent syncope: a case report of neurogenic orthostatic hypotension. Eur Heart J Case Rep 3, ytz031 (2019).
2. Dommershuijsen, L. J. et al. Orthostatic Hypotension: A Prodromal Marker of Parkinson’s Disease? Movement Disorders 36, 164–170 (2021).
3. Kaufmann, H. et al. Natural history of pure autonomic failure: A United States prospective cohort. Ann Neurol 81, 287–297 (2017).
4. Giannini, G. et al. The natural history of idiopathic autonomic failure: The IAF-BO cohort study. Neurology 91, e1245–e1254 (2018).
5. Fanciulli, A. & Wenning, G. K. Autonomic failure: a neglected presentation of Parkinson’s disease. The Lancet Neurology 20, 781–782 (2021).
6. Sharabi, Y., Vatine, G. D. & Ashkenazi, A. Parkinson’s disease outside the brain: targeting the autonomic nervous system. The Lancet Neurology 20, 868–876 (2021).